TEIL 8 — PROJEKT HAYES
Das Foto lag vor mir.
Ich konnte nicht aufhören, es anzusehen.
Ich war darauf ungefähr zwanzig Jahre alt.
Jünger.
Dünner.
Mit einem Gesicht, das ich kaum wiedererkannte.
Neben mir stand ein Mann.
Dunkler Anzug.
Kurze graue Haare.
Ein kalter Blick.
Ich kannte ihn nicht.
Oder zumindest glaubte ich das.
„Wer ist das?“, fragte Courtney.
„Ich weiß es nicht.“
Shirley antwortete:
„Doch.“
Ich drehte mich zu ihr.
„Du kennst ihn.“
Sie nickte.
„Sein Name ist Richard Hayes.“
Ich erstarrte.
„Hayes?“
Walter stand auf.
„Richard Hayes ist dein Vater.“
Der Raum wurde still.
Ich lachte einmal.
Ungläubig.
„Mein Vater ist seit zwanzig Jahren tot.“
Walter schüttelte den Kopf.
„Das haben wir geglaubt.“
Ich sah ihn an.
„Was soll das heißen?“
Er setzte sich.
„Richard ist nicht gestorben.“
Mein Kopf begann zu schmerzen.
„Dann wo ist er?“
Shirley antwortete:
„Das weiß niemand.“
„Ihr habt mich mein ganzes Leben lang angelogen.“
„Wir wollten dich schützen.“
Ich schlug mit der Hand auf den Tisch.
„Hört auf, dieses Wort zu benutzen!“
Niemand sagte etwas.
Ich nahm das Foto.
„Was ist Projekt Hayes?“
Shirley sah zu Walter.
Walter schloss die Augen.
„Es war kein offizielles Projekt.“
„Was dann?“
„Eine Vereinbarung.“
„Zwischen wem?“
„Zwischen deinem Vater und mehreren Investoren.“
Ich sah ihn an.
„Was wurde vereinbart?“
Walter sagte:
„Dass du eines Tages eine Firma übernehmen würdest.“
Ich runzelte die Stirn.
„Welche Firma?“
„Hayes International.“
Ich lachte bitter.
„Meine Firma?“
Walter nickte.
„Ja.“
„Ich habe Hayes International selbst aufgebaut.“
„Nein.“
Er schob mir einen Ordner zu.
Darin befanden sich Dokumente.
Gründungsunterlagen.
Aktien.
Übertragungen.
Und ein Vertrag.
Mein Name stand darauf.
Aber die Unterschrift war nicht meine.
„Das ist unmöglich.“
Walter sagte:
„Die Firma wurde vor fünfzehn Jahren auf deinen Namen registriert.“
Ich starrte auf das Datum.
Fünfzehn Jahre.
Damals war ich noch ein Student.
Ich hatte keine Firma.
Keine Millionen.
Keine Ahnung, wie man ein Unternehmen führte.
„Wer hat das gemacht?“
Shirley antwortete:
„Dein Vater.“
„Warum?“
„Weil er wusste, dass er irgendwann verschwinden würde.“
Courtney setzte sich neben mich.
„Brandon, vielleicht hat er dich schützen wollen.“
Ich sah sie an.
„Oder er hat mich benutzt.“
Plötzlich vibrierte mein Telefon.
Eine Nachricht.
Du willst die Wahrheit? Komm allein.
Darunter eine Adresse.
Ein altes Bürogebäude.
Ich stand auf.
Courtney griff nach meiner Hand.
„Du gehst nicht allein.“
„Courtney—“
„Nein.“
Ihre Stimme war fest.
„Ich habe genug Menschen verloren, weil andere für mich entschieden haben.“
Ich sah sie an.
Dann nickte ich.
Wir fuhren gemeinsam.
Das Gebäude lag am Rand der Stadt.
Es war verlassen.
Die Eingangstür war offen.
Drinnen roch es nach Staub.
Wir gingen bis zum zweiten Stock.
Eine Tür stand offen.
Auf dem Tisch lag ein schwarzer Koffer.
Daneben ein Foto.
Ich erkannte den Mann sofort.
Richard Hayes.
Mein Vater.
Doch neben ihm stand noch jemand.
Ethan.
Ich sah Courtney an.
„Was macht Ethan mit meinem Vater?“
Sie konnte nicht antworten.
Im Koffer lagen weitere Dokumente.
Und dann fand ich eine Videoaufnahme.
Ich startete sie.
Richard erschien auf dem Bildschirm.
Er sah älter aus als auf dem Foto.
Aber eindeutig lebendig.
„Wenn Brandon diese Aufnahme sieht, bedeutet das, dass alles schiefgegangen ist.“
Courtney hielt den Atem an.
Richard fuhr fort:
„Brandon, du wirst dich wahrscheinlich fragen, warum du nie die Wahrheit über deine Herkunft erfahren hast.“
Ich starrte auf den Bildschirm.
„Die Antwort ist einfach.“
Er machte eine Pause.
„Du bist nicht mein einziger Sohn.“
Ich spürte, wie mein Herz stehen blieb.
Courtney sah mich an.
„Was?“
Richard sprach weiter.
„Du hast einen älteren Bruder.“
Die Aufnahme endete.
Ich stand regungslos da.
Dann hörten wir Schritte im Flur.
Courtney drehte sich um.
„Jemand kommt.“
Die Tür öffnete sich.
Ein Mann trat ein.
Ich kannte sein Gesicht.
Nicht persönlich.
Aber aus den Dokumenten.
Aus den Fotos.
Aus der Vergangenheit meiner Familie.
„Brandon.“
Ich wich zurück.
„Wer sind Sie?“
Er lächelte.
„Dein Bruder.“
Courtney griff nach meinem Arm.
Der Mann trat näher.
„Mein Name ist Daniel Hayes.“
Ich konnte kaum sprechen.
„Warum bist du hier?“
Daniel sah auf den Koffer.
„Weil unser Vater endlich will, dass wir uns treffen.“
„Unser Vater lebt?“
Daniel nickte.
„Ja.“
„Wo?“
Sein Lächeln verschwand.
„Im Gefängnis.“
Courtney erstarrte.
„Seit wann?“
Daniel sah mich an.
„Seit dem Tag, an dem deine Mutter starb.“
Ich schluckte.
„Was hat mein Vater getan?“
Daniel antwortete:
„Er hat sie nicht getötet.“
Eine Pause.
„Aber er weiß, wer es getan hat.“
Dann zog er ein weiteres Foto hervor.
Auf dem Bild waren meine Mutter, Richard und Shirley.
Und im Hintergrund stand ein Mann.
Ich kannte ihn.
Denn ich hatte ihn heute Abend bereits gesehen.
Walter.



