TEIL 6 — DER MANN, DER NIE HÄTTE ZURÜCKKEHREN DÜRFEN
Auf dem Bildschirm erschien ein Name.
Ethan Miller.
Courtney erstarrte.
Für einen Moment schien sie sogar vergessen zu haben, wie man atmete.
Ich sah sie an.
„Du kennst ihn.“
Ihre Lippen bewegten sich, aber kein Wort kam heraus.
Shirley hingegen wurde plötzlich kreidebleich.
Walter bemerkte es ebenfalls.
„Shirley?“
Sie antwortete nicht.
Lance stand auf.
„Wer ist Ethan Miller?“
Ich sah zu Courtney.
„Das sollte sie euch erzählen.“
Courtney schüttelte langsam den Kopf.
„Brandon, bitte.“
Es war das erste Mal an diesem Abend, dass sie mich wirklich um etwas bat.
Nicht aus Stolz.
Nicht aus Wut.
Sondern aus Angst.
Ich hatte diese Angst schon einmal in ihren Augen gesehen.
Vor vielen Jahren.
Damals, als wir uns kennengelernt hatten.
Doch ich hatte nie verstanden, woher sie kam.
Bis jetzt.
„Wer ist er?“, fragte Walter erneut.
Courtney setzte sich.
Ihre Hände zitterten.
„Ethan war…“
Sie schluckte.
„Mein Verlobter.“
Mindy riss die Augen auf.
„Was?“
Lance sah sie ungläubig an.
„Du warst verlobt?“
Courtney nickte kaum merklich.
„Vor Brandon.“
Ich sah sie an.
„Das wusste ich.“
Sie sah mich überrascht an.
„Du wusstest davon?“
„Ja.“
„Warum hast du nie etwas gesagt?“
„Weil du mir erzählt hast, er sei verschwunden.“
Courtney senkte den Blick.
„Das war er auch.“
Ich legte die Datei auf den Tisch.
„Nein.“
Ich öffnete eine weitere Seite.
„Er ist nicht verschwunden.“
Ich zeigte auf das Datum.
Vor drei Monaten.
Daneben stand eine Adresse.
Ein Bürogebäude in Chicago.
Courtney wurde noch blasser.
„Das kann nicht sein.“
„Doch.“
Shirley trat plötzlich vor.
„Brandon, woher hast du diese Informationen?“
Ich sah sie an.
„Von einem Privatdetektiv.“
„Du hast mich überprüfen lassen?“
„Nein.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Ich habe Courtney überprüfen lassen.“
Stille.
Courtney sah mich an.
„Warum?“
Ich antwortete ehrlich.
„Weil ich vor sechs Monaten einen anonymen Brief bekommen habe.“
„Was stand darin?“
Ich zog einen kleinen Umschlag aus meiner Tasche.
„Dass deine Familie mir etwas verschweigt.“
Courtney nahm den Umschlag.
Sie öffnete ihn.
Darin lag nur ein Satz.
Sie hat ihn nicht verlassen. Sie hat ihn verschwinden lassen.
Courtneys Hände begannen zu zittern.
„Wer hat dir das geschickt?“
„Das weiß ich nicht.“
Walter stand auf.
„Was hat Shirley damit zu tun?“
Ich sah zu ihr.
„Das ist die Frage, die ich seit sechs Monaten beantworten will.“
Shirley trat zurück.
„Das ist lächerlich.“
„Ist es?“
Ich öffnete das nächste Dokument.
„Ethan Miller hatte vor sieben Jahren einen Unfall.“
Courtney sah mich an.
„Das weiß ich.“
„Nein.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Du weißt nur, was man dir erzählt hat.“
Ich zeigte auf den Bericht.
„Der Unfall war nicht in Chicago.“
Courtney sah auf das Papier.
„Wo dann?“
„Dreißig Kilometer außerhalb der Stadt.“
„Und?“
„Das Fahrzeug wurde gefunden.“
Ich machte eine Pause.
„Aber Ethan nicht.“
Niemand sagte etwas.
Dann flüsterte Courtney:
„Was bedeutet das?“
„Dass jemand ihn verschwinden ließ.“
Shirley schlug mit der Hand auf den Tisch.
„Genug!“
Alle sahen sie an.
Ihre Stimme zitterte.
„Du hast keine Ahnung, wovon du sprichst.“
Ich ging langsam auf sie zu.
„Dann erklär es uns.“
„Es gibt nichts zu erklären.“
„Dann warum hast du Angst?“
Sie antwortete nicht.
In diesem Moment vibrierte Courtneys Handy.
Eine Nachricht.
Unbekannte Nummer.
Sie öffnete sie.
Ihr Gesicht verlor jede Farbe.
„Was steht da?“, fragte Walter.
Courtney reichte ihm das Telefon.
Die Nachricht war kurz:
Ich habe lange genug gewartet. Sag Brandon die Wahrheit. Oder ich komme selbst.
Darunter ein Foto.
Ethan.
Lebendig.
Er stand vor einem Café.
Das Foto war erst wenige Tage alt.
Courtney begann zu weinen.
„Er lebt.“
Ich nickte.
„Ja.“
„Warum?“
„Das werde ich herausfinden.“
Plötzlich klingelte mein Telefon.
Unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
Niemand sprach.
Dann hörte ich eine Männerstimme.
Ruhig.
Tief.
„Brandon.“
Ich erstarrte.
„Wer ist da?“
Eine kurze Pause.
Dann:
„Ethan.“
Die Verbindung brach ab.
Courtney sah mich an.
Und ich wusste sofort:
Diese Nacht war noch lange nicht vorbei.



