TEIL 23 — DER LETZTE VERRAT
Drei Tage lang sagte niemand das Wort „Phase Drei“.
Vielleicht aus Angst.
Vielleicht, weil wir hofften, dass es nicht real war.
Die Behörden durchsuchten das unterirdische Zentrum.
Blackstone wurde offiziell aufgelöst.
Victor Kane galt als tot.
Walter lag weiterhin auf der Intensivstation.
Meine Großmutter blieb verschwunden.
Und mein Vater saß jeden Abend neben meinem Krankenhausbett.
Wir hatten kaum gesprochen.
Bis er eines Morgens sagte:
„Ich muss dir etwas erzählen.“
Ich sah ihn an.
„Noch ein Geheimnis?“
Er senkte den Blick.
„Das letzte.“
„Das haben alle gesagt.“
Er nickte.
„Ich weiß.“
Dann legte er eine alte Akte auf den Tisch.
„Phase Drei wurde nicht von Victor entwickelt.“
Ich öffnete die Akte.
Ein Name.
Thomas Hayes.
Mein Vater.
Ich sah ihn an.
„Du?“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil ich wusste, dass Phase Zwei irgendwann entdeckt werden würde.“
„Dann hast du uns alle benutzt.“
„Nein.“
„Was dann?“
Er sah mich an.
„Phase Drei ist kein Angriff.“
„Was ist es?“
„Eine Reinigung.“
Ich verstand nichts.
Er erklärte, dass das ursprüngliche System nie vollständig gelöscht worden war.
Es gab eine zweite Architektur.
Eine Art Notfallmechanismus.
Phase Drei sollte alle gefälschten Identitäten löschen und die ursprünglichen Identitäten wiederherstellen.
„Das klingt doch gut.“
„Nicht für alle.“
„Warum?“
„Weil viele Menschen inzwischen nur noch aufgrund gefälschter Identitäten existieren.“
Ich dachte an die Tausenden Menschen.
„Wenn du Phase Drei startest, verschwinden ihre Leben.“
„Ja.“
„Dann darfst du es nicht tun.“
Er sah mich an.
„Genau deshalb brauche ich dich.“
Ich stand auf.
„Was soll ich tun?“
„Du musst entscheiden.“
„Schon wieder.“
Er nickte.
„Diesmal geht es um die ganze Welt.“
Plötzlich öffnete sich die Tür.
Courtney kam herein.
„Brandon.“
Sie hielt ihr Telefon.
„Du musst das sehen.“
Ein Video.
Eine Frau sprach darin.
Meine Großmutter.
„Wenn ihr das seht, bin ich wahrscheinlich nicht mehr da.“
Ich sah meinen Vater an.
Er wurde blass.
Meine Großmutter sprach weiter:
„Ich habe euch belogen.“
Eine Pause.
„Aber nicht über Victor.“
Dann sagte sie:
„Victor war nie der Anführer.“
Mein Vater flüsterte:
„Nein.“
Ich sah ihn an.
„Wer dann?“
Meine Großmutter sah direkt in die Kamera.
„Walter.“
Ich erstarrte.
„Was?“
Das Video zeigte Walter.
Gesund.
Jünger.
Er leitete Sitzungen.
Gab Befehle.
Unterzeichnete Dokumente.
Meine Großmutter sagte:
„Walter gründete Blackstone.“
Ich sah meinen Vater an.
„Du hast gesagt …“
„Ich wusste es nicht.“
„Du hast ihn beschützt.“
„Weil ich dachte, er hätte sich geändert.“
Meine Großmutter sprach weiter:
„Walter hat Victor benutzt.“
Dann erschien ein weiteres Dokument.
PHASE DREI — FINALER ZUGRIFF.
Meine Großmutter sagte:
„Walter wollte nie die Welt kontrollieren.“
Sie machte eine Pause.
„Er wollte die Welt neu schreiben.“
Das Video endete.
Wir gingen sofort zur Intensivstation.
Walter war wach.
Ich trat in sein Zimmer.
Er sah mich an.
„Du hast das Video gesehen.“
„Ja.“
Er lächelte.
„Dann weißt du endlich die Wahrheit.“
„Warum?“
„Weil die Welt kaputt ist.“
„Das gibt dir nicht das Recht, sie neu zu schreiben.“
„Du bist jung.“
„Und du bist alt.“
Er lachte.
„Genau deshalb verstehst du es nicht.“
Ich trat näher.
„Du hast meine Familie zerstört.“
„Ich habe sie zusammengehalten.“
„Du hast meinen Vater versteckt.“
„Ich habe ihn am Leben gehalten.“
„Du hast meine Großmutter manipuliert.“
„Sie wusste genau, was sie tat.“
„Und Phase Drei?“
Sein Lächeln verschwand.
„Ist notwendig.“
„Nein.“
„Doch.“
Er zeigte auf einen Bildschirm.
Dort liefen Daten.
Politische Krisen.
Kriege.
Korruption.
Betrug.
„Menschen zerstören sich selbst.“
„Und deshalb willst du sie ersetzen?“
„Nein.“
Er sah mich an.
„Ich will ihnen die Möglichkeit geben, neu anzufangen.“
„Mit gefälschten Identitäten?“
„Mit einer neuen Welt.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Du bist verrückt.“
Walter sagte ruhig:
„Vielleicht.“
Dann vibrierte mein Telefon.
Eine Nachricht.
Komm allein zum Amsterdamer Hauptbahnhof.
Ich zeigte sie niemandem.
Doch Courtney hatte mein Gesicht gesehen.
„Was ist?“
„Nichts.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Du bist ein schlechter Lügner.“
Ich erzählte ihr alles.
Sie bestand darauf, mitzukommen.
Wir gingen zum Bahnhof.
Dort wartete niemand.
Nur eine schwarze Tasche.
Ich öffnete sie.
Darin lag ein Laptop.
Auf dem Bildschirm stand:
PHASE DREI — 60 MINUTEN.
Dann erschien ein Video.
Walter.
„Brandon, du hast eine Stunde.“
„Wofür?“
„Um zu entscheiden.“
Ein Bild erschien.
Meine Mutter.
Mein Vater.
Courtney.
Daniel.
Ethan.
Alle.
Dann noch Tausende andere Menschen.
Walter sagte:
„Wenn du Phase Drei stoppst, bleiben die gefälschten Identitäten bestehen.“
„Und wenn ich sie starte?“
„Dann wird jeder Mensch wieder auf seine ursprüngliche Identität zurückgesetzt.“
Ich sah Courtney an.
„Was bedeutet das für uns?“
Walter antwortete:
„Für manche bedeutet es Freiheit.“
„Für andere?“
„Gefängnis.“
Ich wusste plötzlich, was er meinte.
Menschen, die jahrelang unter falschen Identitäten gelebt hatten.
Menschen, die Straftaten begangen hatten.
Menschen, die Familien verlassen hatten.
Menschen, die vielleicht unschuldig waren.
Eine Entscheidung.
Unmöglich.
Dann erschien eine weitere Datei.
BRANDON HAYES — ORIGINALIDENTITÄT: NICHT VORHANDEN.
Ich erstarrte.
„Was bedeutet das?“
Courtney sah mich an.
Walter sagte:
„Das bedeutet, dass deine Identität selbst künstlich ist.“
Ich konnte nicht atmen.
„Nein.“
„Dein Vater hat dich nicht nur geschützt.“
Walter lächelte.
„Er hat dich erschaffen.“
Ich sah Courtney an.
Sie war genauso geschockt.
Dann hörte ich eine Stimme hinter mir.
„Das stimmt nicht.“
Ich drehte mich um.
Meine Mutter stand dort.
Neben ihr mein Vater.
Und hinter ihnen Ethan.
Meine Mutter sah mich an.
„Brandon, du bist mein Sohn.“
Mein Vater sagte:
„Und genau deshalb habe ich Angst.“
Walter lachte aus dem Lautsprecher.
„Jetzt beginnt die letzte Wahrheit.“
Der Bildschirm wurde schwarz.
Dann erschien ein letzter Satz:
WER IST BRANDON HAYES WIRKLICH?



