TEIL 10 — DER MANN HINTER ALLEM
Der alte Bahnhof lag verlassen da.
Kein Licht.
Keine Menschen.
Nur der Wind, der durch die zerbrochenen Fenster pfiff.
Courtney stand neben mir.
Daniel war einige Meter hinter uns geblieben.
„Bist du sicher?“, fragte sie.
Ich nickte.
„Nein.“
Sie sah mich überrascht an.
„Nein?“
„Ich bin nicht sicher.“
Ich sah auf die dunklen Gleise.
„Aber ich muss wissen, was passiert ist.“
Wir gingen weiter.
Dann hörten wir Schritte.
Ein Mann trat aus dem Schatten.
Ich erkannte ihn sofort.
Mein Vater.
Richard Hayes.
Er war älter.
Sein Gesicht war schmal.
Sein Haar fast vollständig grau.
Aber seine Augen waren dieselben wie auf den alten Fotos.
Wir standen uns gegenüber.
Jahrelang hatte ich geglaubt, er sei tot.
Jetzt stand er vor mir.
„Brandon.“
Meine Stimme versagte.
„Dad.“
Er kam näher.
Doch ich wich zurück.
„Fass mich nicht an.“
Er blieb stehen.
„Das verstehe ich.“
„Du hast mich mein ganzes Leben lang allein gelassen.“
„Ich weiß.“
„Du hast mich verstecken lassen.“
„Ja.“
„Du hast zugelassen, dass ich glaube, meine Mutter sei tot.“
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich hatte keine Wahl.“
Ich lachte bitter.
„Schon wieder diese Worte.“
Richard senkte den Kopf.
„Deine Mutter wollte, dass du überlebst.“
„Und dafür musstest du verschwinden?“
„Ja.“
„Warum?“
Er sah Courtney an.
„Weil sie dich sonst gefunden hätten.“
„Wer?“
Richard antwortete:
„Blackstone Circle.“
Daniel trat näher.
„Sag ihm alles.“
Richard sah ihn an.
„Du bist gekommen.“
„Natürlich.“
Richard wandte sich wieder mir zu.
„Deine Mutter hatte Beweise gesammelt.“
„Gegen Shirley?“
Er nickte.
„Gegen Shirley, Walter und mehrere andere.“
Courtney wurde blass.
„Mein Vater?“
Richard sagte:
„Walter war nicht der Drahtzieher.“
„Wer dann?“
Richard schwieg.
Ich trat näher.
„Wer?“
Er sah mich direkt an.
„Shirley.“
Courtney begann zu weinen.
„Warum?“
Richard antwortete:
„Weil sie mehr Macht wollte.“
Er erklärte, dass Shirley jahrelang Geld und Informationen innerhalb des Netzwerks kontrolliert hatte.
Meine Mutter hatte es entdeckt.
Sie wollte alles offenlegen.
Und dann kam der Mord.
„Wer hat sie getötet?“, fragte ich.
Richard sah mich an.
„Ein Mann namens Victor Kane.“
Ich kannte den Namen.
Ich hatte ihn in den Unterlagen gesehen.
„Wo ist er?“
Richard sagte:
„Tot.“
„Wann?“
„Vor zwei Jahren.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Dann ist die Sache vorbei.“
Richard sah mich traurig an.
„Nein.“
Er zog einen Umschlag aus seinem Mantel.
„Denn Victor Kane hatte einen Sohn.“
Ich öffnete den Umschlag.
Ein Foto.
Ein junger Mann.
Ich erkannte ihn.
Mein Herz blieb stehen.
„Ethan.“
Courtney nahm mir das Foto aus der Hand.
„Nein.“
Richard nickte.
„Ethan Miller ist Victor Kanes Sohn.“
Courtney wich zurück.
„Das ist unmöglich.“
„Deshalb musste er verschwinden.“
Ich sah Richard an.
„Dann warum hat Ethan mich angerufen?“
„Weil er dich warnen wollte.“
„Vor wem?“
Richard sah mich ernst an.
„Vor sich selbst.“
Stille.
Dann hörten wir ein Geräusch hinter uns.
Ein Auto.
Scheinwerfer.
Daniel zog Courtney zurück.
Richard flüsterte:
„Sie haben uns gefunden.“
Mehrere Männer stiegen aus.
Schwarze Anzüge.
Bewaffnet.
Einer von ihnen kam näher.
„Richard Hayes.“
Mein Vater stellte sich vor mich.
„Lassen Sie meine Familie in Ruhe.“
Der Mann lachte.
„Deine Familie?“
Er sah mich an.
„Brandon ist unsere Familie.“
Ich erstarrte.
„Was soll das heißen?“
Der Mann zog eine Akte hervor.
„Dein Vater hat dir nie erzählt, wer deine Mutter wirklich war.“
Ich sah Richard an.
Er sagte nichts.
„Wer war sie?“
Der Mann lächelte.
„Sie war eine der Gründerinnen von Blackstone Circle.“
Courtney schüttelte den Kopf.
„Das kann nicht sein.“
„Doch.“
Ich sah meinen Vater an.
„Ist das wahr?“
Richard schloss die Augen.
„Ja.“
Mein Herz brach.
Meine Mutter.
Die Frau, die ich als Opfer gesehen hatte.
War Teil des Systems gewesen.
Der Mann fuhr fort:
„Sie wollte aussteigen.“
„Deshalb wurde sie getötet.“
Ich fragte:
„Und warum habt ihr mich all die Jahre beobachtet?“
Der Mann lächelte.
„Weil deine Mutter dir etwas hinterlassen hat.“
„Was?“
Er zeigte auf meine Jackentasche.
Ich griff hinein.
Dort lag plötzlich ein kleiner USB-Stick.
Ich hatte ihn vorher nie gesehen.
Richard wurde blass.
„Nein.“
„Was ist darauf?“, fragte Courtney.
Richard antwortete:
„Die vollständige Liste.“
„Welche Liste?“
„Alle Namen.“
„Von Blackstone Circle?“
Er nickte.
„Politiker.“
„Geschäftsleute.“
„Banker.“
„Richter.“
„Und Menschen, die seit Jahrzehnten glauben, sie seien unantastbar.“
Ich sah auf den USB-Stick.
Der Mann lächelte.
„Gib ihn uns.“
Ich schloss meine Hand darum.
„Nein.“
Er hob seine Waffe.
„Dann stirbt Courtney.“
Ich stellte mich sofort vor sie.
Doch plötzlich ertönte hinter uns eine weitere Stimme.
„Brandon.“
Ich drehte mich um.
Ethan stand am Ende des Bahnsteigs.
Er hielt ebenfalls eine Waffe.
Aber sie war auf den Mann gerichtet.
„Leg deine Waffe nieder.“
Der Mann lachte.
„Du bist also doch zurückgekommen.“
Ethan sah mich an.
„Ich habe dir gesagt, du sollst niemandem vertrauen.“
Dann sah er Courtney an.
„Nicht einmal mir.“
Ein Schuss fiel.
Die Lichter des Bahnhofs gingen gleichzeitig aus.
Und in der Dunkelheit hörte ich nur einen Satz:
„Brandon, lauf.“
Dann fiel jemand zu Boden.
Ich wusste nicht, wer getroffen worden war.
Doch als die Lichter wieder angingen, lag der USB-Stick nicht mehr in meiner Hand.
Er war verschwunden.
Und auf dem Boden lag Courtney.



