TEIL 17 — DER MANN, DER TOT SEIN SOLLTE
Ich hatte gelernt, dass manche Nachrichten das Leben in zwei Teile schneiden.
Es gab ein Leben davor.
Und ein Leben danach.
Die Nachricht auf meinem Telefon war nur ein einziger Satz gewesen:
Du glaubst wirklich, dass es vorbei ist?
Darunter das Foto.
Meine Großmutter.
In einem Privatjet.
Und neben ihr ein Mann, dessen Gesicht ich niemals wieder hätte sehen dürfen.
Walter.
Mein Großvater.
Der Mann, von dem meine Mutter mir erzählt hatte, dass er seit Jahren tot war.
Der Mann, dessen Beerdigung ich als Kind erlebt hatte.
Der Mann, dessen Grab ich mit eigenen Augen gesehen hatte.
Ich steckte das Telefon ein.
Courtney beobachtete mich.
„Brandon.“
Ich antwortete nicht.
„Was hast du gesehen?“
„Nichts.“
„Du lügst.“
Sie blieb stehen.
Daniel und Ethan gingen einige Meter vor uns, bemerkten aber sofort, dass wir nicht mehr folgten.
Courtney kam näher.
„Zeig es mir.“
Ich holte mein Telefon heraus.
Sie sah das Foto.
Ihr Gesicht veränderte sich.
Zuerst Verwirrung.
Dann Unglauben.
Dann blanke Angst.
„Das ist …“
„Walter.“
Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
„Ich weiß.“
„Aber er ist tot.“
„Das dachte ich auch.“
Ethan kam zurück.
„Was ist los?“
Courtney reichte ihm das Telefon.
Ethan betrachtete das Bild lange.
Dann sagte er:
„Wir müssen zurück.“
Daniel sah ihn an.
„Wohin?“
„In das Haus.“
Wir drehten uns gleichzeitig um.
Doch das alte Herrenhaus lag bereits mehrere hundert Meter hinter uns.
Als wir zurückkamen, war die Tür geschlossen.
Ich drückte die Klinke.
Abgeschlossen.
„Vorhin stand sie offen“, sagte Courtney.
Daniel sah sich um.
„Vielleicht gibt es einen Hintereingang.“
Wir gingen um das Gebäude herum.
Nichts.
Alle Fenster waren geschlossen.
Kein Auto.
Keine Fußspuren.
Keine Spur meiner Großmutter.
Ethan holte sein Telefon heraus.
„Ich habe jemanden, der uns helfen kann.“
„Wen?“
„Einen alten Kontakt.“
„Aus Blackstone?“
Er nickte.
„Jemanden, der nicht mehr für sie arbeitet.“
„Wer?“
Ethan sah mich an.
„Richard Hayes.“
Mein Herz blieb stehen.
„Mein Vater?“
„Nein.“
„Aber du hast gesagt—“
„Ich meinte nicht deinen Vater.“
Er öffnete eine Datei auf seinem Telefon.
Ein Name erschien.
Richard Hayes Senior.
Ich starrte auf den Bildschirm.
„Wer ist das?“
Ethan antwortete:
„Der Mann, dessen Identität dein Vater benutzt hat.“
Meine Mutter hatte uns inzwischen eingeholt.
Als sie den Namen sah, wurde sie kreidebleich.
„Woher hast du diesen Namen?“
Ethan sah sie an.
„Sie kennen ihn.“
Meine Mutter schwieg.
„Mama?“
Sie setzte sich auf eine niedrige Steinmauer.
Ihre Hände zitterten.
„Ich dachte, diese Geschichte wäre vorbei.“
„Welche Geschichte?“
Sie sah mich an.
„Dein Vater hieß nicht Richard Hayes.“
Stille.
Courtney trat näher.
„Was?“
Meine Mutter schloss die Augen.
„Richard Hayes war ein anderer Mann.“
„Wer war mein Vater dann?“
Sie antwortete nicht sofort.
Dann sagte sie:
„Sein richtiger Name war Thomas Walter.“
Ich spürte, wie mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.
„Thomas Walter?“
„Ja.“
Daniel sah mich an.
„Walter?“
Meine Mutter nickte.
„Er war der Sohn deines Großvaters.“
Ich brauchte einige Sekunden, um die Worte zu verstehen.
„Dann ist Walter auf dem Foto …“
„Dein Großvater.“
„Und der junge Mann daneben?“
Meine Mutter sah auf.
„Sein Sohn.“
Ich dachte an das Foto.
An das Gesicht.
An Richard Hayes.
An meinen Vater.
„Dann habe ich meinen eigenen Vater auf diesem Bild gesehen.“
„Ja.“
Courtney flüsterte:
„Und warum hat er seine Identität geändert?“
Meine Mutter sah zum Herrenhaus.
„Weil er fliehen musste.“
„Vor wem?“
Sie antwortete:
„Vor seinem eigenen Vater.“
Niemand sagte etwas.
Dann vibrierte mein Telefon erneut.
Eine Nachricht.
Keine Nummer.
Nur Koordinaten.
Darunter stand:
Wenn du wissen willst, warum dein Vater verschwunden ist, komm allein.
Ich zeigte Courtney die Nachricht.
Sie schüttelte sofort den Kopf.
„Du gehst nirgendwo allein hin.“
„Das ist vielleicht genau das, was sie wollen.“
„Dann gehen wir alle.“
Ethan nickte.
„Aber wir dürfen nicht blind in eine Falle laufen.“
Daniel nahm mein Telefon.
Er sah die Koordinaten an.
„Ich kenne diesen Ort.“
„Wo?“
„Hafen von Amsterdam.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Was ist dort?“
Daniel sah mich ernst an.
„Ein Lagerhaus.“
„Welches?“
Er vergrößerte die Karte.
Dann wurde sein Gesicht blass.
„Nummer 47.“
„Und?“
Er sah Ethan an.
„Das war einer der alten Blackstone-Standorte.“
Die Luft schien plötzlich schwerer zu werden.
Ethan sagte:
„Dann wissen sie, dass wir noch leben.“
Meine Mutter stand auf.
„Nein.“
Wir sahen sie an.
„Was?“
Sie sah uns an.
„Sie wissen nicht nur, dass ihr lebt.“
Sie zeigte auf mein Telefon.
„Sie haben euch dorthin bestellt.“
„Warum?“
Meine Mutter flüsterte:
„Weil dort die letzte Wahrheit über eure Familie versteckt ist.“
* * *
Eine Stunde später standen wir vor Lagerhaus 47.
Der Hafen lag fast vollkommen still da.
Wind trieb Nebel über das Wasser.
Das Gebäude sah verlassen aus.
Keine Wachen.
Keine Kameras.
Keine Fahrzeuge.
„Zu ruhig“, sagte Daniel.
Wir betraten das Lagerhaus.
Unsere Schritte hallten durch die leere Halle.
Plötzlich ging irgendwo Licht an.
Ein Projektor.
Eine Wand wurde hell.
Ein Video begann.
Mein Vater erschien.
Jünger.
Vielleicht Anfang dreißig.
Er saß an einem Tisch.
Und neben ihm saß Walter.
Mein Großvater.
Mein Vater sah direkt in die Kamera.
„Wenn du dieses Video siehst, Brandon, bedeutet das, dass du die Wahrheit gefunden hast.“
Ich konnte nicht atmen.
„Ich wusste, dass sie irgendwann nach dir suchen würden.“
Mein Vater senkte den Blick.
„Ich habe versucht, dich zu schützen.“
Dann erschien meine Großmutter im Bild.
Jünger.
Und hinter ihr standen mehrere Männer.
Einer davon war Walter.
Mein Vater sagte:
„Blackstone war niemals nur ein Unternehmen.“
Das Bild flackerte.
„Es war ein Netzwerk.“
Eine weitere Datei wurde eingeblendet.
PROJEKT HAYES.
Mein Vater sah wieder in die Kamera.
„Und ich war derjenige, der versucht hat, es zu zerstören.“
Plötzlich wurde das Video schwarz.
Eine Stimme ertönte hinter uns.
„Das war damals.“
Wir drehten uns um.
Ein Mann stand im Eingang.
Graues Haar.
Dunkler Mantel.
Und ein Gesicht, das ich sofort erkannte.
Walter.
Mein Großvater.
Lebendig.
Er sah mich an.
„Heute ist alles anders.“
Ich konnte kein Wort sagen.
Dann lächelte er.
„Willkommen zu Hause, Brandon.“
Hinter ihm schlossen sich die Türen.
Und das Licht ging aus.



