TEIL 26 — DIE ERSTE ERINNERUNG
Ich hatte den Umschlag drei Tage lang nicht geöffnet.
Er lag auf meinem Schreibtisch.
Direkt vor mir.
Ich hätte ihn einfach aufreißen können.
Doch etwas hielt mich davon ab.
Vielleicht war es Angst.
Vielleicht wusste ein Teil von mir bereits, dass sich mein Leben verändern würde, sobald ich den Inhalt sah.
Courtney bemerkte, dass ich ihn immer wieder ansah.
„Du wirst ihn irgendwann öffnen müssen.“
Ich nickte.
„Ich weiß.“
„Dann warum wartest du?“
Ich nahm den Umschlag in die Hand.
„Weil Elena gesagt hat, ich solle bereit sein, meine eigene Geburt zu vergessen.“
Courtney schwieg.
Ethan stand am Fenster.
Seit der Begegnung mit Elena hatte er kaum gesprochen.
„Es gibt noch etwas“, sagte er schließlich.
Ich sah ihn an.
„Was?“
Er drehte sich um.
„Ich habe die alten Daten von Projekt Hayes analysiert.“
„Und?“
„Es gab tatsächlich zwei Babys.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Auf dem Foto.“
„Ja.“
Er legte einen Ausdruck auf den Tisch.
„Subjekt A und Subjekt B wurden am selben Tag registriert.“
„Zwillinge?“
„Das wissen wir nicht.“
„Aber sie waren gleichzeitig im Labor.“
Ethan nickte.
„Und beide hatten dieselbe genetische Grundstruktur.“
Ich nahm das Blatt.
„Warum wurde nur ich erwähnt?“
„Weil Subjekt B aus den Daten gelöscht wurde.“
„Von wem?“
„Elena.“
Ich sah Courtney an.
„Dann hat sie meine Schwester versteckt.“
Ethan schüttelte den Kopf.
„Vielleicht wollte sie dich verstecken.“
„Vor wem?“
„Vor deiner Familie.“
* * *
In dieser Nacht träumte ich.
Zum ersten Mal seit Jahren.
Ich war ein kleines Kind.
Vielleicht fünf oder sechs.
Ich stand in einem weißen Raum.
Eine Frau hielt meine Hand.
Ich konnte ihr Gesicht nicht erkennen.
Doch ich kannte ihre Stimme.
„Hab keine Angst.“
Ich sah nach oben.
„Wo ist Mama?“
Die Frau antwortete:
„Sie kommt gleich.“
Dann öffnete sich eine Tür.
Ein Mann trat herein.
Dr. Harris.
Ich begann zu weinen.
Er ging auf mich zu.
Doch bevor er mich erreichte, stellte sich jemand zwischen uns.
Mein Vater.
Er nahm mich auf den Arm.
„Lauf.“
Ich sah mich selbst als Kind an.
Und plötzlich bemerkte ich etwas.
Ich war nicht allein.
Hinter einer Glasscheibe stand ein zweites Mädchen.
Sie war genauso alt wie ich.
Sie sah mich an.
Und legte ihre Hand gegen die Scheibe.
Ich wachte schweißgebadet auf.
Mein Herz raste.
„Brandon.“
Courtney stand in der Tür.
„Alles okay?“
Ich setzte mich auf.
„Ich habe mich erinnert.“
„Woran?“
„An meine Schwester.“
* * *
Am nächsten Morgen öffnete ich den Umschlag.
Darin lag eine alte Kassette.
Keine digitale Datei.
Eine echte Tonaufnahme.
Daneben stand:
„Erinnerungen lügen. Stimmen nicht.“
Ethan fand ein altes Abspielgerät.
Wir legten die Kassette ein.
Zuerst hörten wir nur Rauschen.
Dann eine Männerstimme.
Mein Vater.
„Wenn du das hörst, hast du dich erinnert.“
Ich hielt den Atem an.
„Die erste Erinnerung, die du hast, wurde dir nicht gegeben.“
Eine Pause.
„Sie wurde dir zurückgegeben.“
Courtney sah mich an.
Mein Vater fuhr fort:
„Du und deine Schwester wurdet getrennt, als ihr drei Jahre alt wart.“
Ich schloss die Augen.
„Warum?“
Seine Stimme antwortete:
„Weil Elena herausgefunden hatte, dass Harris nicht nur eure Gene verändert hatte.“
Rauschen.
Dann:
„Er hatte eure Erinnerungen gespeichert.“
Ich öffnete die Augen.
Ethan wurde blass.
„Das ist unmöglich.“
Die Aufnahme ging weiter.
„Er konnte Erinnerungen kopieren.“
Eine Pause.
„Und später in andere Menschen übertragen.“
Mir wurde kalt.
„Das bedeutet…“
Courtney flüsterte:
„Vielleicht sind manche deiner Erinnerungen gar nicht deine.“
Ich wollte widersprechen.
Doch dann hörte ich meinen Vater:
„Brandon, wenn du dich an ein Mädchen erinnerst, das dir ähnlich sieht, dann ist es nicht deine Fantasie.“
Ich stand auf.
„Sie existiert.“
„Ja.“
Die Aufnahme knisterte.
„Aber sie ist nicht deine Schwester.“
Ich erstarrte.
Mein Vater sagte:
„Sie ist dein Original.“
Das Band endete.
Niemand sagte etwas.
* * *
Am Nachmittag fuhr ich zu meinem Vater.
Er lag noch immer unter Polizeischutz.
Ich stellte die Kassette auf den Tisch.
„Erklär es mir.“
Er sah sie an.
Dann mich.
„Du hast sie geöffnet.“
„Ja.“
„Dann weißt du genug.“
„Nein.“
Meine Stimme wurde lauter.
„Ich weiß überhaupt nichts!“
Er senkte den Kopf.
„Brandon…“
„Wer bin ich?“
Stille.
„Bin ich dein Sohn?“
„Ja.“
„Biologisch?“
Er schwieg.
Das war Antwort genug.
„Nein.“
Er schloss die Augen.
„Du bist mein Sohn.“
„Aber nicht biologisch.“
„Nicht vollständig.“
Ich trat zurück.
„Was bedeutet das?“
Er sagte:
„Du wurdest aus genetischem Material mehrerer Menschen erschaffen.“
„Von wem?“
„Von deiner Mutter.“
Ich lachte bitter.
„Das ergibt keinen Sinn.“
„Deine Mutter gab die Eizelle.“
„Und der Vater?“
Er sah mich an.
„Harris.“
Ich schloss die Augen.
„Dann bin ich sein Sohn.“
„Ja.“
„Und trotzdem hast du mich großgezogen.“
„Weil ich dich geliebt habe.“
Ich konnte nichts sagen.
Dann fragte ich:
„Wer ist das Mädchen?“
Mein Vater wurde blass.
„Das ist die Wahrheit, die ich dir niemals erzählen wollte.“
„Wer ist sie?“
Er flüsterte:
„Sie war das erste Original.“
„Und ich?“
„Du warst die Kopie.“
Ich fühlte, wie mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.
Doch bevor ich etwas sagen konnte, klingelte sein Telefon.
Ein Polizist nahm ab.
Er sagte nur wenige Worte.
Dann sah er mich an.
„Elena hat sich gemeldet.“
„Wo?“
„Sie möchte Brandon allein sprechen.“
„Was hat sie gesagt?“
Der Beamte schluckte.
„Sie sagte, dass deine Schwester tot ist.“
Ich erstarrte.
„Welche Schwester?“
Er sah mich direkt an.
„Die echte.“



