TEIL 18 — DAS GEHEIMNIS VON PROJEKT HAYES
Als die Türen hinter uns zuschlugen, wusste ich, dass wir einen Fehler gemacht hatten.
Wir waren nicht in das Lagerhaus gegangen.
Wir waren in eine vorbereitete Falle gelaufen.
Walter stand nur wenige Meter entfernt.
Lebendig.
Ruhig.
Fast freundlich.
Genau das machte ihn noch gefährlicher.
Courtney stellte sich neben mich.
„Du bist tot.“
Walter lächelte.
„Das war der Plan.“
„Du hast uns glauben lassen, dass du gestorben bist.“
„Nicht nur euch.“
Meine Mutter trat nach vorn.
„Warum?“
Walter sah sie an.
„Weil es notwendig war.“
„Du hast deinen eigenen Kindern das Leben zerstört.“
„Nein“, sagte er ruhig. „Ich habe ihnen das Leben gerettet.“
Meine Mutter lachte bitter.
„Indem du sie belogen hast?“
Walter schwieg.
Dann wandte er sich an mich.
„Du willst wissen, wer dein Vater wirklich war.“
Ich nickte.
„Dann musst du verstehen, wer ich war.“
Er ging zu einem Tisch.
Darauf lagen mehrere Akten.
„Vor dreißig Jahren begann Projekt Hayes.“
Ethan trat näher.
„Was war es?“
Walter öffnete eine Mappe.
„Ein System.“
„Für was?“
„Macht.“
Er legte Fotos auf den Tisch.
Politiker.
Unternehmer.
Richter.
Banker.
Menschen aus verschiedenen Ländern.
„Blackstone sammelte Informationen über Menschen, die Entscheidungen trafen.“
Daniel sah die Dokumente an.
„Erpressung.“
Walter nickte.
„Unter anderem.“
Meine Mutter sagte:
„Und Thomas wollte es zerstören.“
Walter sah sie an.
„Dein Mann war naiv.“
„Er war mutig.“
„Er war gefährlich.“
„Für dich.“
Walter schwieg.
Dann sagte er:
„Ja.“
Ich sah ihn an.
„Warum hast du meinen Vater nicht einfach verschwinden lassen? Warum musstest du ihn sterben lassen?“
Sein Gesicht wurde härter.
„Weil er mich verraten hatte.“
„Was hat er getan?“
Walter öffnete eine weitere Akte.
Darin befanden sich Fotos meiner Kindheit.
Ich erstarrte.
Ich sah mich selbst.
Mit fünf Jahren.
Mit acht.
Mit zwölf.
Meine Schwester.
Meine Mutter.
Unser Haus.
Unser Garten.
Jemand hatte uns beobachtet.
Jahrelang.
„Ihr wart nie unbeobachtet“, sagte Walter.
Courtney nahm ein Foto.
Ihre Hände zitterten.
„Du hast uns überwacht.“
„Ich musste wissen, ob Thomas Kontakt zu euch aufnimmt.“
„Hat er?“
Walter sah mich an.
„Ja.“
Mein Herz schlug schneller.
„Wann?“
„Mehrmals.“
„Warum erinnere ich mich nicht?“
„Weil du dich nicht erinnern solltest.“
Meine Mutter begann zu weinen.
„Du hast ihm die Kinder weggenommen.“
Walter sah sie an.
„Nein.“
Er schob eine weitere Akte über den Tisch.
Darin lag ein Brief.
Mit der Handschrift meines Vaters.
Ich erkannte sie sofort.
Für Brandon.
Meine Finger zitterten, als ich den Brief nahm.
Ich öffnete ihn.
Brandon, wenn du diesen Brief liest, habe ich versagt. Nicht als Vater. Sondern als Mann, der glaubte, dass er seine Familie retten könnte. Dein Großvater wird dir erzählen, dass er alles getan hat, um dich zu schützen. Glaub ihm nicht. Aber glaub auch nicht automatisch deiner Großmutter. Denn beide haben etwas vor dir verborgen.
Ich sah auf.
„Beide?“
Walter sagte nichts.
Ich las weiter.
Die Wahrheit ist schlimmer als Blackstone. Blackstone war nur das Werkzeug. Projekt Hayes war niemals dazu gedacht, Menschen zu kontrollieren. Es sollte etwas anderes tun. Menschen ersetzen.
Ich hielt inne.
„Menschen ersetzen?“
Ethan nahm mir den Brief ab.
Er las die letzten Zeilen.
Dann sah er mich an.
„Das bedeutet nicht, was du denkst.“
Walter sagte:
„Doch.“
Er öffnete eine letzte Datei.
Darin befanden sich medizinische Berichte.
DNA-Analysen.
Gesichtsvergleiche.
Identitätsprofile.
Courtney wurde blass.
„Was ist das?“
Walter antwortete:
„Projekt Hayes entwickelte eine Methode, mit der Identitäten übernommen werden konnten.“
Daniel starrte ihn an.
„Fake-Pässe?“
„Mehr.“
Walter sah uns an.
„Menschen wurden nicht nur kopiert.“
Er zeigte auf ein Foto.
„Sie wurden ersetzt.“
Ich spürte Übelkeit.
„Mein Vater …“
„Hat versucht, das System zu stoppen.“
„Und Richard Hayes?“
Walter schwieg.
Meine Mutter antwortete:
„Richard war sein Doppelgänger.“
Ich sah sie an.
„Mein Vater hatte einen Doppelgänger?“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil Blackstone jemanden brauchte, der an seiner Stelle verschwinden konnte.“
Ethan trat zurück.
„Das erklärt das Foto.“
Walter nickte.
„Richard Hayes war ursprünglich ein Teil des Projekts.“
„Und mein Vater?“
„Er wollte aussteigen.“
Plötzlich ertönte ein Geräusch.
Eine Tür.
Walter blickte zur Seite.
„Sie sind hier.“
„Wer?“
Er sah mich an.
„Diejenigen, vor denen ich mich all die Jahre versteckt habe.“
Mehrere Schritte näherten sich.
Dann ging die Tür auf.
Eine Frau trat herein.
Ich kannte sie.
Ich hatte sie vor Jahren gesehen.
Auf einer Beerdigung.
Auf Fotos.
In alten Dokumenten.
Aber ich hatte nie gewusst, wer sie war.
Meine Großmutter.
Nur dass sie nicht allein war.
Neben ihr stand ein Mann.
Walter wurde plötzlich ernst.
„Du.“
Der Mann lächelte.
„Du hast lange genug gespielt, Walter.“
Meine Großmutter ging einen Schritt zurück.
Ich sah sie an.
„Wer ist er?“
Sie antwortete:
„Der ursprüngliche Leiter von Projekt Hayes.“
Der Mann lächelte.
„Mein Name ist Victor Kane.“
Ethan erstarrte.
„Kane?“
Victor sah ihn an.
„Du kennst mich.“
„Du bist seit zwölf Jahren tot.“
Victor lachte.
„Offensichtlich nicht.“
Ich sah Walter an.
„Warum bist du wirklich zurückgekommen?“
Walter antwortete:
„Weil ich wusste, dass Victor euch irgendwann finden würde.“
„Und was willst du von uns?“
Victor trat näher.
Sein Blick blieb auf mir.
„Dich.“
Ich wich einen Schritt zurück.
„Warum?“
Er lächelte.
„Weil dein Vater etwas in dir versteckt hat.“
Stille.
„Was?“
Victor sagte:
„Den Schlüssel.“
„Welchen Schlüssel?“
Er sah meine Großmutter an.
„Das solltest du ihr fragen.“
Ich drehte mich zu ihr.
Sie schloss die Augen.
Und sagte:
„Brandon … dein Vater hat dir als Kind etwas gegeben.“
Ich verstand nicht.
Dann erinnerte ich mich.
Ein kleiner silberner Anhänger.
Den ich seit meiner Kindheit trug.
Ich griff unter mein Hemd.
Der Anhänger lag noch immer an meiner Brust.
Victor lächelte.
„Genau den.“
Und plötzlich wusste ich:
Das alles hatte nie wegen meiner Familie begonnen.
Es hatte wegen mir begonnen.



