TEIL 16 — DAS ENDE, DAS KEIN ENDE WAR
Am nächsten Morgen fuhren wir gemeinsam nach Amsterdam.
Niemand sprach viel.
Zu viele Fragen waren noch offen.
Zu viele Geheimnisse lagen hinter uns.
Aber zum ersten Mal hatte ich nicht das Gefühl, allein zu sein.
Courtney saß neben mir.
Daniel fuhr.
Ethan saß auf dem Rücksitz.
Meine Mutter hielt den Umschlag mit der Adresse fest in der Hand.
Und mein Großvater war im Krankenhaus.
Kurz vor Amsterdam klingelte plötzlich mein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
„Brandon.“
Eine Frauenstimme.
Alt.
Ruhig.
„Wer sind Sie?“
Ein leises Lachen.
„Du hast doch nach mir gesucht.“
Ich sah Courtney an.
„Unsere Großmutter?“
„Ja.“
Mein Herz schlug schneller.
„Warum willst du uns sehen?“
„Weil ihr endlich die Wahrheit über eure Familie kennt.“
„Dann sag sie mir.“
„Nicht am Telefon.“
Die Verbindung wurde beendet.
Wir erreichten die angegebene Adresse.
Es war ein altes Herrenhaus am Wasser.
Die Tür stand offen.
Wir gingen hinein.
Im Eingangsbereich hing ein großes Familienfoto.
Ich blieb stehen.
Meine Großmutter war darauf zu sehen.
Neben ihr standen mein Großvater, meine Mutter und ein Mann, den ich nicht kannte.
Ich betrachtete ihn genauer.
Dann erstarrte ich.
„Das ist unmöglich.“
Ethan kam näher.
„Was?“
Ich zeigte auf das Foto.
Der unbekannte Mann war jung.
Aber ich kannte sein Gesicht.
Es war dasselbe Gesicht wie das von Richard Hayes.
Mein Vater.
Nur viel jünger.
Meine Mutter wurde blass.
„Das ist nicht dein Vater.“
„Wer dann?“
Sie antwortete nicht.
Dann hörten wir Schritte.
Eine ältere Frau erschien am Ende des Flurs.
Graues Haar.
Elegante Kleidung.
Ein ruhiger Blick.
Meine Großmutter.
Sie sah uns an.
„Ihr seid spät.“
Courtney trat vor.
„Du hast uns unser ganzes Leben gestohlen.“
Meine Großmutter nickte.
„Ja.“
„Warum?“
Sie sah mich an.
„Weil ich wusste, dass ihr eines Tages entscheiden müsst, wem ihr vertraut.“
„Und was willst du jetzt?“
Sie lächelte.
„Nichts.“
Ich runzelte die Stirn.
„Nichts?“
„Ich wollte nur sehen, ob ihr euch wiedergefunden habt.“
Daniel trat vor.
„Was ist mit Blackstone?“
„Es ist vorbei.“
Ethan fragte:
„Und die Dateien?“
„Verschwunden.“
Ich erstarrte.
„Was?“
Sie sah mich ruhig an.
„Du glaubst doch nicht wirklich, dass ein paar Computer das größte Netzwerk der Welt zerstören können.“
Stille.
Ich griff nach meinem Telefon.
Keine Dateien.
Alles gelöscht.
Courtney sah mich an.
„Brandon …“
Dann lächelte meine Großmutter.
„Aber keine Sorge.“
Sie drehte sich um.
„Ihr habt etwas viel Wertvolleres bekommen.“
„Was?“
Sie zeigte auf uns drei.
„Eure Familie.“
Zum ersten Mal verstand ich.
Vielleicht würde ich niemals jede Antwort bekommen.
Vielleicht würden manche Geheimnisse für immer verborgen bleiben.
Aber ich hatte meine Schwester gefunden.
Meinen Bruder.
Meine Mutter.
Und sogar meinen Vater.
Vielleicht war das genug.
Wir verließen das Haus.
Draußen schien die Sonne über Amsterdam.
Ich blieb kurz stehen.
Ich sah Courtney an.
Sie lächelte.
„Was jetzt?“
Ich sah zum Wasser.
„Jetzt leben wir.“
Mein Telefon vibrierte.
Eine neue Nachricht.
Unbekannte Nummer.
Nur ein Satz:
Du glaubst wirklich, dass es vorbei ist?
Darunter ein Foto.
Meine Großmutter.
Aber nicht in dem Haus.
Sondern in einem Flugzeug.
Neben ihr saß ein Mann.
Ich zoomte hinein.
Mein Herz blieb stehen.
Walter.
Er lebte.
Und unter dem Foto stand:
PROJEKT HAYES — PHASE ZWEI BEGINNT.
Ich sah Courtney an.
Sie sah mein Gesicht.
„Was ist passiert?“
Ich steckte das Telefon langsam ein.
„Nichts.“
„Brandon?“
Ich zwang mich zu einem Lächeln.
„Noch nichts.“
Wir gingen weiter.
Doch tief in meinem Inneren wusste ich:
Manche Geschichten enden nicht.
Sie warten nur auf den nächsten Anfang.
ENDE … ODER DOCH NICHT?



