TEIL 35 — DER VERRÄTER IN DER FAMILIE
Der Wagen raste durch die dunklen Straßen.
Claire saß vorne neben Jonathan.
Mara und Nora saßen hinten mit Isabella.
Thomas fuhr.
Daniel hatte sich ihnen angeschlossen.
Niemand sprach.
Die Nachricht von Noras Telefon stand noch immer im Raum.
Ihr habt zehn Minuten. Danach stirbt jemand, den ihr liebt.
Claire sah auf die Uhr.
„Noch sechs Minuten.“
Thomas sagte:
„Wir fahren nicht direkt zu deinem Haus.“
„Warum?“
„Weil sie wissen, dass wir kommen.“
Jonathan nickte.
„Thomas hat recht.“
Claire sah ihn an.
„Dann wohin?“
„Zum alten Caldwell-Anwesen.“
Claire runzelte die Stirn.
„Warum?“
Jonathan antwortete:
„Weil dort das Testament liegt.“
Mara sagte:
„Ich dachte, es sei unter der Stadt.“
„Das war nur eine Kopie.“
Claire sah ihn an.
„Wo ist das Original?“
„Im Haus.“
„Und Marcus?“
„Er weiß es.“
Thomas bremste plötzlich.
Ein schwarzer Wagen schoss vor ihnen über die Kreuzung.
Thomas wich aus.
Der Wagen rammte ihre Seite.
Claire wurde gegen die Tür geschleudert.
„Festhalten!“
Thomas verlor kurz die Kontrolle.
Dann brachte er den Wagen wieder unter Kontrolle.
Nora schrie:
„Sie verfolgen uns!“
Jonathan zog seine Waffe.
„Nicht anhalten.“
Zwei weitere Fahrzeuge erschienen hinter ihnen.
Claire sah durch die Heckscheibe.
„Wie viele sind das?“
Thomas sagte:
„Mindestens drei.“
Jonathan sah ihn an.
„Bring uns zum Anwesen.“
„Das ist Selbstmord.“
„Ich weiß.“
Thomas gab Gas.
Wenige Minuten später erreichten sie ein altes Tor.
Das Caldwell-Anwesen lag dahinter.
Dunkel.
Verlassen.
Seit Jahrzehnten unbewohnt.
Claire sah das riesige Gebäude.
„Hier wurde die Familie gegründet.“
Jonathan nickte.
„Und hier wird sie enden.“
Sie stiegen aus.
Kaum hatten sie das Tor passiert, gingen im Haus alle Lichter an.
Claire erstarrte.
„Das ist unmöglich.“
Nora sagte:
„Jemand ist drinnen.“
Jonathan hob die Waffe.
„Wir gehen zusammen.“
Sie betraten das Haus.
Die Eingangshalle war mit alten Porträts gefüllt.
Claire sah ihr eigenes Gesicht auf einem Gemälde.
„Was zum …?“
Unter dem Bild stand:
Claire Caldwell — Erbin der Familie.
Claire trat näher.
„Das ist nicht möglich.“
Jonathan sagte:
„Das Bild wurde 1955 gemalt.“
„Ich war ein Jahr alt.“
„Ja.“
Mara sah ein anderes Porträt.
Unter diesem stand:
Mara Caldwell — Bewahrerin.
Nora ging zum dritten.
Darunter:
Nora Caldwell — Zeugin.
Nora begann zu weinen.
„Warum wurden diese Bilder gemalt?“
Jonathan antwortete:
„Euer Großvater wusste, dass er sterben würde.“
Plötzlich erklang Musik.
Alte Klaviermusik.
Claire drehte sich um.
Ein Flügel stand am Ende der Halle.
Die Tasten bewegten sich.
Niemand saß davor.
Daniel flüsterte:
„Das gefällt mir überhaupt nicht.“
Thomas ging zum Flügel.
Unter den Tasten fand er einen kleinen Mechanismus.
„Hier.“
Er drückte darauf.
Die Wand hinter dem Flügel öffnete sich.
Ein Tresorraum.
Claire ging hinein.
In der Mitte stand ein Schreibtisch.
Darauf lag ein schwarzes Buch.
Jonathan sagte:
„Das ist es.“
Claire öffnete es.
Seiten voller Namen.
Daten.
Kontonummern.
Orte.
Zahlungen.
Morde.
Verschwundene Menschen.
Claire schlug die Hand vor den Mund.
„Mein Gott.“
Mara las einen Namen.
„Eleanor.“
Daneben stand ein Datum.
Nora fand einen anderen.
„Thomas.“
Thomas wurde blass.
„Nein.“
Claire sah ihn an.
„Was bedeutet das?“
Thomas sagte:
„Ich habe nie jemanden getötet.“
Claire blätterte.
„Hier steht, dass du Geld erhalten hast.“
„Ich habe es genommen.“
„Wofür?“
Thomas antwortete:
„Für euch.“
Claire wurde still.
„Du hast dich kaufen lassen?“
„Nein.“
Er sah sie an.
„Ich habe bezahlt, damit ihr lebt.“
Dann fand Mara einen weiteren Namen.
Daniel.
Sie sah ihn an.
„Warum bist du hier?“
Daniel wurde bleich.
„Ich wusste nicht, dass mein Name dort steht.“
Claire blickte auf.
„Vielleicht ist das der Verräter.“
Daniel wich zurück.
„Was? Nein.“
Jonathan sagte:
„Niemand bewegt sich.“
Claire hob die Waffe.
„Daniel.“
„Claire, ich schwöre …“
Plötzlich ging die Tür zu.
Ein Schloss klickte.
Marcus' Stimme ertönte aus einem Lautsprecher.
„Endlich.“
Claire sah nach oben.
„Marcus!“
„Ihr habt das Testament gefunden.“
Jonathan trat zum Lautsprecher.
„Wo bist du?“
„In Sicherheit.“
„Was willst du?“
„Das Buch.“
Claire schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Marcus lachte.
„Dann stirbt Eleanor.“
Auf einem Bildschirm erschien ein Bild.
Eleanor saß gefesselt auf einem Stuhl.
Claire erstarrte.
„Lass sie frei.“
„Gib mir das Buch.“
Jonathan sagte:
„Marcus, wenn du sie tötest, bekommst du nichts.“
„Das ist nicht wahr.“
„Du brauchst eine der drei Schwestern.“
Marcus schwieg.
Jonathan lächelte.
„Du weißt nicht, welche.“
Claire sah ihn an.
Marcus sagte:
„Ich weiß es.“
„Dann sag es.“
Stille.
Marcus antwortete:
„Nora.“
Nora wurde bleich.
„Warum ich?“
Marcus lachte.
„Weil du die Einzige bist, die das Testament öffnen kann.“
Claire sah Nora an.
„Was?“
Nora schüttelte den Kopf.
„Ich weiß von nichts.“
Marcus sagte:
„Dein Blut ist der Schlüssel.“
Jonathan wurde plötzlich panisch.
„Nora, lauf!“
Zu spät.
Die Tür hinter Nora öffnete sich.
Zwei Männer stürmten herein.
Sie packten sie.
Claire schoss.
Einer fiel.
Der andere zog Nora mit sich.
„Nein!“
Mara rannte hinterher.
Die Tür schloss sich.
Claire schlug dagegen.
„Nora!“
Ihre Schwester schrie:
„Claire!“
Dann Stille.
Jonathan sah auf das schwarze Buch.
„Wir haben ein größeres Problem.“
Claire drehte sich um.
„Welches?“
Jonathan zeigte auf die letzte Seite.
Dort stand nur ein Satz:
Wenn die drei Schwestern wieder vereint sind, wird einer von ihnen die Familie verraten.
Claire sah Mara an.
Mara sah Claire an.
Und zum ersten Mal fragte sich Claire:
War es wirklich Daniel?
Oder war die Warnung für eine von ihnen bestimmt?



