TEIL 31 — DIE SCHWESTER AUS DEM SCHATTEN
Claire bewegte sich nicht.
Die Frau kam langsam näher.
Ein Schritt.
Noch einer.
Ihre Schuhe berührten kaum hörbar den kalten Steinboden des Tunnels.
Claire hielt das alte Foto fest an ihre Brust gedrückt.
Das Gesicht der Frau war noch immer nicht vollständig zu erkennen. Nur ihre Silhouette zeichnete sich gegen das schwache Licht hinter ihr ab.
„Wer bist du?“, fragte Claire erneut.
Die Frau blieb stehen.
„Du weißt es bereits.“
Claire schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich weiß gar nichts mehr.“
Thomas trat neben sie.
„Claire, geh zurück.“
„Warum?“
„Weil wir nicht wissen, wer sie ist.“
Die Frau lachte leise.
„Du weißt es sehr genau, Thomas.“
Thomas wurde blass.
„Du solltest nicht hier sein.“
„Und du solltest seit vierzig Jahren tot sein.“
Daniel sah Thomas erschrocken an.
„Was meint sie damit?“
Thomas antwortete nicht.
Claire spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
Schon wieder ein Geheimnis.
Schon wieder ein Name, eine Identität, eine Lüge.
Die Frau trat ins Licht.
Claire sah ihr Gesicht.
Und für einen Moment vergaß sie zu atmen.
Graue Augen.
Dunkles Haar.
Die gleiche schmale Nase.
Die gleiche kleine Narbe über der linken Augenbraue.
Claire hob unbewusst die Hand an ihr eigenes Gesicht.
„Das kann nicht sein.“
Die Frau sah sie an.
„Das habe ich auch gesagt, als ich dein Foto zum ersten Mal gesehen habe.“
„Wie heißt du?“
„Mara.“
Claire schluckte.
„Mara was?“
Die Frau lächelte traurig.
„Das ist die falsche Frage.“
„Welche ist die richtige?“
„Wer hat mir meinen Namen gegeben?“
Claire verstand nicht.
Mara ging langsam an ihnen vorbei und blieb bei dem alten Schreibtisch stehen.
Sie legte ihre Hand auf das Holz.
„Hier wurde alles begonnen.“
Thomas sagte leise:
„Mara, du musst gehen.“
Sie drehte sich zu ihm.
„Nein.“
„Marcus ist noch irgendwo hier.“
„Ich weiß.“
„Er wird dich töten.“
„Das versucht er seit dreiundzwanzig Jahren.“
Claire sah zwischen ihnen hin und her.
„Ihr kennt euch.“
„Ja“, sagte Mara.
„Seit wann?“
„Seit meiner Geburt.“
Claire wurde blass.
„Du bist wirklich meine Schwester.“
Mara nickte.
„Ja.“
Elena trat näher.
„Mara …“
Mara sah sie an.
Ihre Augen wurden kalt.
„Du hast mich damals verlassen.“
Elena senkte den Blick.
„Ich hatte keine Wahl.“
„Das sagen alle.“
Claire sah Elena an.
„Was meint sie?“
Elena antwortete nicht.
Claire ging einen Schritt auf Mara zu.
„Warum wurde ich als Claire Reed registriert, wenn ich eine Schwester habe?“
Mara atmete tief durch.
„Weil wir niemals beide existieren durften.“
„Warum?“
„Weil unser Vater wusste, dass man uns benutzen würde.“
„Wer?“
Mara sah zu Thomas.
„Die Caldwell-Familie.“
Thomas schloss die Augen.
Claire spürte einen Schauer.
„Meine Familie?“
„Nein“, sagte Mara. „Die Familie, die du für deine Familie gehalten hast.“
Sie zog ein gefaltetes Dokument aus ihrer Jackentasche.
„Dein Vater, Jonathan, hat versucht, uns beide zu schützen.“
Claire nahm das Dokument.
Darauf standen zwei Namen.
Claire Reed.
Mara Reed.
Darunter ein Datum.
- Dezember 1954.
Claire starrte darauf.
„Das ist mein Geburtsdatum.“
„Unser Geburtsdatum.“
„Wir wurden am selben Tag geboren.“
„Ja.“
Claire sah zu Elena.
„Und warum wurde ich bei ihr gelassen?“
Mara antwortete:
„Weil Eleanor dich retten sollte.“
„Und dich?“
„Niemand sollte mich retten.“
„Warum?“
Mara sah sie lange an.
„Weil ich die andere Hälfte des Geheimnisses war.“
Plötzlich ertönte ein Geräusch.
Ein metallisches Krachen.
Daniel drehte sich um.
„Wir müssen weg.“
Thomas zog seine Waffe.
„Er kommt.“
Claire hielt das Dokument fest.
„Wer?“
Eine Stimme hallte durch den Tunnel.
„Ich.“
Marcus.
Seine Schritte kamen näher.
Mara blieb völlig ruhig.
„Er hat uns gefunden.“
Claire sah sie an.
„Was will er?“
Mara antwortete:
„Dich.“
„Warum?“
„Weil du den Schlüssel besitzt.“
Claire sah auf den kleinen Schlüssel in ihrer Hand.
„Dieser?“
Mara nickte.
„Er öffnet den Raum, in dem Jonathan die Wahrheit versteckt hat.“
Thomas flüsterte:
„Mara, nein.“
„Sie muss es wissen.“
Marcus' Stimme kam näher.
„Claire!“
Mara griff nach Claires Hand.
„Wenn du mir vertraust, komm mit mir.“
Claire zögerte.
Sie hatte ihr ganzes Leben lang vertraut.
Ihrer Mutter.
Ihrem Vater.
Thomas.
Menschen, die sie belogen hatten.
Jetzt stand eine Frau vor ihr, die behauptete, ihre Schwester zu sein.
Und trotzdem fühlte sich ihre Hand vertraut an.
Nicht logisch.
Nicht erklärbar.
Aber vertraut.
Claire nickte.
„Ich komme mit.“
Thomas wollte sie zurückhalten.
„Claire!“
Sie sah ihn an.
„Du hast mir zu oft gesagt, was ich nicht wissen darf.“
Dann wandte sie sich Mara zu.
„Zeig mir die Wahrheit.“
Mara führte sie zu einer unscheinbaren Steinwand.
Sie legte die Hand auf eine Stelle, die Claire zuvor nie bemerkt hatte.
Ein Klicken.
Ein Teil der Wand bewegte sich.
Dahinter erschien eine schmale Treppe.
Claire sah hinunter.
„Wo führt die hin?“
Mara antwortete:
„Zum Grab ohne Namen.“
Thomas wurde plötzlich panisch.
„Nein.“
Claire sah ihn an.
„Warum?“
Thomas flüsterte:
„Weil dort nicht Eleanor begraben liegt.“
„Wer dann?“
Thomas blickte auf Mara.
„Die Frau, die damals an Eleanors Stelle starb.“
Mara nickte.
„Und neben ihrem Grab liegt etwas, das Jonathan niemals hätte zurücklassen dürfen.“
„Was?“
Mara sah Claire direkt in die Augen.
„Die Geburtsurkunde unserer Mutter.“
Claire erstarrte.
„Unsere Mutter?“
Mara nickte.
„Und wenn du sie liest, wirst du verstehen, warum Eleanor sterben musste.“
Hinter ihnen fiel ein Schuss.
Der Stein neben Claires Kopf zerbrach.
Marcus war da.
Mara zog Claire die Treppe hinunter.
Thomas, Daniel und Elena folgten.
Marcus rief:
„Ihr könnt nicht weglaufen!“
Mara sah nach oben.
„Doch.“
Dann zog sie eine schwere Eisenstange aus der Wand.
Mit einem gewaltigen Knall schloss sich die geheime Tür.
Claire stand im Dunkeln.
Ihre Schwester neben ihr.
Und zum ersten Mal in ihrem Leben wusste sie nicht, ob sie gerade gerettet worden war.
Oder ob sie freiwillig in die größte Lüge ihrer Familie hineingelaufen war.
Dann schaltete Mara eine kleine Taschenlampe ein.
Vor ihnen führte die Treppe tief unter die Erde.
An der Wand stand ein Satz.
Mit verblasster schwarzer Farbe geschrieben:
ZWEI TÖCHTER. EIN NAME. EIN TOD.
Claire flüsterte:
„Was bedeutet das?“
Mara sah sie an.
„Es bedeutet, dass unsere Geschichte nicht mit unserer Geburt begann.“
Sie machte eine Pause.
„Sie begann mit dem Tod unserer Großmutter.“
Und irgendwo unter ihnen öffnete sich eine Tür.



