TEIL 34 — DIE DRITTE TOCHTER
Niemand sagte ein Wort.
Claire sah die junge Frau an.
Dann Jonathan.
Dann Mara.
„Drei?“
Jonathan nickte.
„Drei Töchter.“
Mara schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Doch.“
„Unsere Mutter hatte Zwillinge.“
Jonathan sah sie an.
„Das war die Geschichte, die wir euch erzählen mussten.“
Claire spürte, wie ihre Knie schwach wurden.
„Wer ist sie?“
Die junge Frau trat näher.
„Mein Name ist Nora.“
Claire starrte sie an.
Nora sah aus wie eine jüngere Version von ihr.
Aber es gab einen Unterschied.
Ihre Augen waren nicht grau.
Sie waren grün.
Claire sah Jonathan an.
„Ist sie unsere Schwester?“
„Ja.“
Mara trat vor.
„Wer ist ihre Mutter?“
Jonathan schwieg.
Isabella antwortete:
„Eleanor.“
Mara erstarrte.
„Eleanor hatte ein Kind?“
„Ja.“
„Wann?“
„1953.“
Claire wurde bleich.
„Ein Jahr vor uns.“
Jonathan nickte.
„Nora wurde vor euch geboren.“
Claire sah Nora an.
„Warum wusste niemand von ihr?“
Nora antwortete selbst.
„Weil ich nie existieren durfte.“
Claire dachte an den Satz an der Wand.
Zwei Töchter. Ein Name. Ein Tod.
Jetzt verstand sie.
Der Satz war falsch.
Es waren drei.
„Warum wurde ich Claire genannt?“
Jonathan sagte:
„Weil Nora ursprünglich Claire heißen sollte.“
Claire sah ihn erschrocken an.
„Was?“
„Du hast ihren Namen bekommen.“
Nora lächelte traurig.
„Und ich bekam einen Namen, der nicht meiner war.“
Mara sah zwischen ihnen hin und her.
„Warum?“
Jonathan ging langsam zum Grabstein.
„Weil Eleanor wusste, dass die Caldwell-Familie nach ihren Kindern suchen würde.“
„Warum?“
„Weil eure Geburt etwas bewiesen hat.“
Claire fragte:
„Was?“
Jonathan zog einen alten Umschlag hervor.
„Dass die Familie Caldwell keinen rechtmäßigen Anspruch auf ihr Vermögen hatte.“
Marcus bewegte sich am Boden.
„Du …“
Jonathan sah ihn an.
„Du hast verloren.“
Marcus lachte schwach.
„Noch nicht.“
Jonathan ging zu ihm.
„Du hast meine Tochter gefunden.“
„Welche?“
Jonathan sah Claire an.
„Alle drei.“
Marcus' Gesicht veränderte sich.
„Dann weißt du, was das bedeutet.“
„Ja.“
„Sie müssen sterben.“
Claire erschrak.
Jonathan hob die Waffe.
„Nicht solange ich lebe.“
Marcus lachte.
„Du hast dreißig Jahre lang versteckt gelebt.“
„Und du hast dreißig Jahre lang geglaubt, ich sei tot.“
Jonathan drehte sich zu seinen Töchtern.
„Wir müssen gehen.“
Claire blieb stehen.
„Nein.“
Jonathan sah sie an.
„Claire.“
„Ich gehe nirgendwohin.“
„Warum?“
„Weil ich Antworten will.“
„Du wirst sie bekommen.“
„Jetzt.“
Jonathan sah sie lange an.
Dann nickte er.
„Gut.“
Er setzte sich auf den alten Grabstein.
„Eure Mutter Isabella war nie tot.“
Claire sah sie an.
„Warum hast du dich versteckt?“
Isabella antwortete:
„Weil ich wusste, dass die Caldwell-Familie mich töten würde.“
„Und Eleanor?“
„Sie übernahm meine Identität.“
Claire fragte:
„Warum?“
„Um euch zu schützen.“
Mara sagte:
„Und Nora?“
Nora senkte den Blick.
„Ich wurde in eine andere Familie gegeben.“
Claire sah sie an.
„Du wusstest von uns?“
„Seit ich sechzehn war.“
„Warum hast du dich nie gemeldet?“
Nora antwortete:
„Weil ich Angst hatte.“
Claire ging zu ihr.
„Vor wem?“
„Vor Marcus.“
Claire verstand.
„Er hat dich gefunden.“
Nora nickte.
„Vor sechs Monaten.“
„Und dann?“
„Er sagte mir, wenn ich nicht helfe, würde er Mara töten.“
Mara trat näher.
„Du hast mich gerettet.“
„Ich habe versucht, dich zu retten.“
Claire nahm Noras Hand.
Zum ersten Mal standen die drei Schwestern zusammen.
Drei Frauen.
Drei Leben.
Eine Familie.
Dann sagte Jonathan:
„Es gibt noch etwas.“
Claire sah ihn an.
„Natürlich.“
Er zog ein altes Foto hervor.
Darauf standen vier Personen.
Isabella.
Jonathan.
Eleanor.
Und ein Mann, den Claire nicht kannte.
„Wer ist das?“
Jonathan antwortete:
„Dein Großvater.“
Claire sah genauer hin.
Sie kannte dieses Gesicht.
„Das ist …“
Thomas wurde blass.
„Nein.“
Claire drehte sich zu ihm.
„Was?“
Thomas starrte auf das Foto.
„Er war der Gründer der Caldwell Foundation.“
Stille.
Claire sah Jonathan an.
„Unser Großvater war ein Caldwell?“
„Ja.“
Mara flüsterte:
„Dann sind wir Caldwell.“
Jonathan nickte.
„Biologisch.“
Claire wurde wütend.
„Und deshalb wollen sie uns?“
„Nicht nur deshalb.“
„Was dann?“
Jonathan sagte:
„Euer Großvater hat vor seinem Tod ein geheimes Testament hinterlassen.“
„Was steht darin?“
Jonathan sah seine drei Töchter an.
„Dass sein gesamtes Vermögen an die drei Enkelinnen geht.“
Marcus lachte.
„Jetzt verstehst du.“
Claire drehte sich zu ihm.
„Wie viel?“
Marcus antwortete:
„Genug, um eine Regierung zu kaufen.“
Claire erstarrte.
Jonathan sagte:
„Aber das Geld ist nicht das Gefährliche.“
„Was dann?“
„Das Testament enthält Namen.“
„Welche Namen?“
Jonathan sah zu Marcus.
„Die Namen aller Menschen, die an den Morden beteiligt waren.“
Marcus wurde bleich.
Claire verstand.
„Deshalb wollt ihr das Testament.“
Jonathan nickte.
„Und deshalb werden sie vor nichts zurückschrecken.“
Plötzlich begann Noras Telefon zu klingeln.
Sie sah auf den Bildschirm.
Eine unbekannte Nummer.
Claire spürte sofort, dass etwas nicht stimmte.
Nora nahm nicht ab.
Das Telefon klingelte weiter.
Dann kam eine Nachricht.
Nora öffnete sie.
Ihr Gesicht wurde weiß.
„Was ist?“, fragte Mara.
Nora drehte das Display zu ihnen.
Eine Nachricht stand dort:
Ihr habt zehn Minuten. Danach stirbt jemand, den ihr liebt.
Darunter ein Foto.
Claire erkannte den Ort.
Ihr eigenes Haus.
Und vor der Haustür stand eine Person.
Eleanor.
Claire flüsterte:
„Sie lebt.“
Jonathan sagte:
„Wir müssen sofort dorthin.“
Aber Thomas schüttelte den Kopf.
„Es ist eine Falle.“
Claire sah ihn an.
„Natürlich ist es das.“
Dann nahm sie ihre Waffe.
„Und genau deshalb gehe ich.“
Mara stellte sich neben sie.
„Ich auch.“
Nora trat auf die andere Seite.
„Ich ebenfalls.“
Jonathan sah seine drei Töchter an.
Zum ersten Mal lächelte er.
„Dann seid ihr wirklich meine Töchter.“
Gemeinsam gingen sie zum Ausgang.
Aber niemand bemerkte, dass Marcus noch immer seine Hand bewegte.
Langsam zog er ein kleines Messer aus seinem Mantel.
Und flüsterte:
„Ihr habt noch keine Ahnung, wer der Verräter ist.“



