DAS BRAUTKLEID AUS DEM JAHR 1954
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DAS BRAUTKLEID AUS DEM JAHR 1954

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TEIL 27 — DIE FRAU, DIE SIEBEN JAHRZEHNTE LANG WARTETE

Claire fuhr zurück, so schnell sie konnte.

Während der gesamten Fahrt ging ihr ein einziger Gedanke durch den Kopf.

Eleanor lebt.

Ihre Mutter.

Die Frau, deren Grab sie besucht hatte.

Die Frau, von der sie geglaubt hatte, dass sie seit Jahrzehnten tot war.

Lebte.

Als Claire das Haus erreichte, stand die Tür offen.

„Sophia!“

Keine Antwort.

Claire rannte hinein.

Das Wohnzimmer war leer.

Die Schachtel lag auf dem Boden.

Die Pässe waren verschwunden.

Dann hörte sie eine Stimme.

„Claire.“

Sie drehte sich um.

Eine alte Frau stand im Flur.

Sehr dünn.

Graues Haar.

Ein Gesicht voller Falten.

Aber die Augen.

Claire erkannte diese Augen.

Sofort.

„Mama?“

Die Frau begann zu weinen.

Claire bewegte sich nicht.

„Sag meinen Namen.“

Die Frau schluchzte.

„Claire.“

Das reichte.

Claire lief auf sie zu.

Doch kurz bevor sie sie erreichte, blieb sie stehen.

„Warum?“

Eleanor sah sie an.

„Ich wollte dich umarmen.“

„Warum hast du mich verlassen?“

„Ich habe dich nie verlassen.“

„Sieben Jahrzehnte!“

Eleanor weinte.

„Ich war gezwungen.“

Claire schüttelte den Kopf.

„Alle sagen das.“

„Ich weiß.“

„Jonathan sagte, er hätte mich geschützt.“

„Das hat er.“

„Samuel sagte, er hätte mich geschützt.“

„Das hat er.“

„Und du?“

Eleanor sah sie an.

„Ich habe versucht, dich zu retten.“

Claire lachte unter Tränen.

„Vor wem?“

Eleanor antwortete:

„Vor mir selbst.“

Claire verstand nicht.

„Was bedeutet das?“

Eleanor setzte sich.

„Ich war nicht immer die Frau, für die du mich hältst.“

Claire blieb stehen.

„Was hast du getan?“

Eleanor sah auf ihre Hände.

„Ich habe Fehler gemacht.“

„Welche?“

„Ich habe geglaubt, dass ich meine Familie kontrollieren könnte.“

„Und?“

„Ich habe sie zerstört.“

Claire setzte sich ihr gegenüber.

Eleanor begann zu erzählen.

„1954 wusste ich, dass Hale hinter Samuel her war. Ich wusste auch, dass Jonathan seine Organisation verlassen wollte.“

„Warum?“

„Weil Jonathan herausgefunden hatte, dass Hale nicht nur Menschen verschwinden ließ.“

Eleanor schluckte.

„Er ließ Kinder verschwinden.“

Claire wurde still.

„Kinder?“

„Kinder von Menschen, die er bedrohte.“

Claire dachte an ihre eigene Geschichte.

„Und du dachtest, ich wäre das nächste Kind.“

Eleanor nickte.

„Ja.“

„Deshalb hast du mich versteckt.“

„Ja.“

„Aber warum hast du Anna geopfert?“

Eleanor schloss die Augen.

„Ich habe sie nicht geopfert.“

„Elena sagt etwas anderes.“

Eleanor wurde blass.

„Elena lebt?“

Claire nickte.

„Sie hat mir alles erzählt.“

Eleanor senkte den Kopf.

„Dann weißt du auch, dass Anna Samuel verraten hat.“

„Hat sie?“

„Ja.“

Claire schwieg.

„Aber sie wusste nicht, dass Hale ihn töten lassen wollte.“

„Was glaubte sie?“

„Dass sie ihn nur verstecken würden.“

Claire stand auf.

„Und was geschah danach?“

Eleanor sagte:

„Samuel überlebte.“

„Das weiß ich.“

„Aber er wollte Anna nie wiedersehen.“

Claire sah sie an.

„Und du?“

„Ich konnte ihr nicht vergeben.“

„Deshalb hast du sie verschwinden lassen.“

Eleanor nickte.

„Ja.“

Claire atmete schwer.

„Du hast sie trotzdem geliebt.“

„Sie war meine Tochter.“

„Und ich?“

Eleanor sah sie an.

„Du warst mein Baby.“

Claire begann zu weinen.

„Warum hast du mir nie geschrieben?“

„Ich habe geschrieben.“

„Wo sind die Briefe?“

Eleanor sah zur Tür.

„Bei Jonathan.“

Claire erstarrte.

„Jonathan hatte deine Briefe?“

„Ja.“

„Dann wusste er, dass du lebst.“

Eleanor nickte.

„Er wusste es.“

„Und trotzdem sagte er mir nichts.“

„Weil er einen Schwur abgelegt hatte.“

„Welchen?“

Eleanor antwortete:

„Er durfte dich erst zu mir zurückbringen, wenn Hale tot war und sein Netzwerk zerstört.“

Claire sah sie an.

„Aber Hale ist tot.“

„Sein Netzwerk nicht.“

Claire dachte an Elena.

An den unbekannten Wagen.

An die Briefe.

„Wer kontrolliert es jetzt?“

Eleanor schwieg.

Claire trat näher.

„Mama.“

Eleanor sah sie an.

„Wer?“

Eleanor flüsterte:

„Arthur Bennett.“

Claire wurde bleich.

„Er lebt?“

„Nein.“

„Dann wer?“

Eleanor antwortete:

„Sein Sohn.“

Claire schloss die Augen.

„Daniel.“

Eleanor nickte.

„Ja.“

Claire erinnerte sich an Daniel.

An seine Hilfsbereitschaft.

An seinen Blick.

An seine Fragen.

„Er wusste von allem.“

„Ja.“

„Er hat mich beobachtet.“

„Ja.“

„Der schwarze Wagen.“

Eleanor nickte.

„Seiner.“

Claire stand still.

„Dann war er es.“

Eleanor schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Wer dann?“

Eleanor sah sie an.

„Daniel versucht, dich zu schützen.“

Claire verstand gar nichts mehr.

„Warum?“

Eleanor antwortete:

„Weil er weiß, wer hinter dem Netzwerk steckt.“

„Wer?“

Eleanor griff nach Claires Hand.

„Du.“

Claire erstarrte.

„Was?“

„Nicht du als Person.“

Eleanor atmete schwer.

„Dein Name.“

„Caldwell?“

„Nein.“

Eleanor schüttelte den Kopf.

„Reed.“

Claire wurde blass.

„Samuel?“

„Samuel war nicht der letzte Erbe.“

Eleanor sah sie direkt an.

„Er hatte einen Bruder.“

Claire konnte kaum sprechen.

„Einen Bruder?“

„Ja.“

„Wer?“

Eleanor antwortete:

„David Reed.“

Claire kannte den Namen.

Sie hatte ihn im Archiv gesehen.

„Der Gründer der Organisation.“

Eleanor nickte.

„Und sein Blut fließt auch in dir.“

Claire wurde bleich.

„Wie?“

Eleanor sah sie an.

„Samuel war adoptiert.“

Stille.

„Sein biologischer Vater war David.“

Claire setzte sich.

Eleanor sagte:

„Und David hinterließ etwas.“

„Was?“

„Ein Vermögen.“

Claire sah sie an.

„Wie groß?“

Eleanor antwortete:

„Mehr als hundert Millionen Dollar.“

Claire schwieg.

„Aber das Geld ist nicht das Problem.“

„Was dann?“

Eleanor sagte:

„Das Geld ist an eine Bedingung gebunden.“

„Welche?“

Eleanor flüsterte:

„Es gehört nur der letzten lebenden Person der Familie Reed.“

Claire verstand.

„Mir.“

Eleanor nickte.

„Dir.“

Plötzlich hörte man draußen ein Auto.

Eleanor sprang auf.

„Sie sind hier.“

Claire sah zur Tür.

„Wer?“

Eleanor sagte:

„Die Menschen, vor denen ich dich siebzig Jahre lang versteckt habe.“

Ein Wagen hielt vor dem Haus.

Die Tür öffnete sich.

Eine Person stieg aus.

Claire erkannte sie.

Daniel.

Doch hinter ihm stieg noch jemand aus.

Eine Frau.

Claire kannte sie.

Elena.

Und Elena hielt eine Waffe in der Hand.