TEIL 18 — DER BRIEF, DEN JONATHAN VERSTECKT HATTE
Sechs Monate waren vergangen, seit Thomas verhaftet worden war.
Das Hotel hatte sich verändert.
Die dunklen Vorhänge waren verschwunden. Die alten Räume waren renoviert worden. Im Erdgeschoss befand sich nun das Zentrum, das Claire für Frauen gegründet hatte.
Doch eine Sache hatte sie bewusst unverändert gelassen.
Die Vitrine.
Das Kleid aus dem Jahr 1954 lag noch immer darin.
Evelyn besuchte es jeden Morgen.
Manchmal stand sie minutenlang davor, ohne ein Wort zu sagen.
Claire hatte aufgehört, sie nach ihrer Vergangenheit zu fragen.
Sie wusste inzwischen, dass manche Wunden nicht geheilt wurden, indem man ständig darüber sprach.
Manchmal heilten sie nur, weil endlich jemand blieb.
An einem kalten Novembermorgen kam Victoria mit einem alten Karton in Claires Büro.
„Ich habe etwas gefunden.“
Claire sah auf.
„Was?“
Victoria stellte den Karton auf den Tisch.
„Im Dachboden.“
„Was ist darin?“
„Sachen meiner Mutter.“
Claire öffnete ihn.
Alte Fotos.
Briefe.
Ein Medaillon.
Und ganz unten ein kleines rotes Notizbuch.
Claire nahm es heraus.
Auf der ersten Seite stand:
Margaret Caldwell — persönliche Aufzeichnungen.
Claire sah Victoria an.
„Hast du es gelesen?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
Victoria schüttelte den Kopf.
„Weil ich dachte, du solltest es zuerst sehen.“
Claire öffnete das Buch.
Die ersten Seiten enthielten nur kurze Einträge.
Dann blieb Claire plötzlich stehen.
Ein Eintrag war mit roter Tinte geschrieben.
12. Oktober 1958.
Heute habe ich erfahren, dass Jonathan einen letzten Brief hinterlassen hat.
Claire's Herz schlug schneller.
Sie las weiter.
Der Brief wurde nie gefunden.
Darunter stand:
Eleanor behauptete, sie habe ihn verbrannt.
Claire sah zu Victoria.
„Sie hat gelogen.“
Victoria nickte.
„Natürlich.“
Claire blätterte weiter.
Wenn der Brief noch existiert, befindet er sich dort, wo Jonathan seinen ersten Traum verwirklichte.
Claire runzelte die Stirn.
„Was bedeutet das?“
Victoria nahm das Notizbuch.
„Sein erster Traum war das Hotel.“
Claire schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Sie zeigte auf eine andere Seite.
Dort war ein Satz unterstrichen.
Nicht das Hotel. Der Ort, an dem er es sich zum ersten Mal vorgestellt hat.
Claire dachte nach.
Dann erinnerte sie sich.
„Das alte Grundstück.“
Victoria sah sie an.
„Das Grundstück am See?“
Claire nickte.
„Dort begann er mit dem Bau.“
Evelyn kam gerade zur Tür herein.
Als sie das Notizbuch sah, blieb sie stehen.
„Wo habt ihr das gefunden?“
„Auf dem Dachboden.“
Evelyn wurde plötzlich nervös.
Claire bemerkte es sofort.
„Du weißt etwas.“
Evelyn schwieg.
„Oma…“
Evelyn setzte sich.
„Margaret hat mir einmal von dem Brief erzählt.“
„Warum hast du nie etwas gesagt?“
„Weil ich dachte, er sei verloren.“
„Was stand darin?“
Evelyn sah Claire an.
„Das weiß niemand.“
Claire hielt das Notizbuch hoch.
„Doch. Margaret wusste es.“
„Nein.“
„Dann warum hat sie geschrieben, dass es existiert?“
Evelyn antwortete nicht.
Victoria setzte sich neben sie.
„Evelyn.“
Nach langer Stille sagte sie:
„Es gab noch eine Person, die Jonathan am Tag seines Todes getroffen hat.“
Claire wurde aufmerksam.
„Wer?“
„Ein kleines Mädchen.“
„Anna?“
Evelyn nickte.
„Sie war damals einundzwanzig Monate alt.“
Claire's Gesicht veränderte sich.
„Sie war dort?“
„Ja.“
„Wo?“
„Im Hotel.“
„Warum?“
Evelyn schloss die Augen.
„Jonathan wollte ihr etwas geben.“
„Was?“
„Das Medaillon.“
Claire sah auf das Medaillon aus dem Karton.
„Dieses?“
Evelyn nickte.
„Er wollte, dass Anna es eines Tages bekommt.“
Claire öffnete es.
Im Inneren befand sich ein winziges Foto.
Jonathan.
Elena.
Und ein kleines Kind.
Doch auf der Rückseite stand etwas.
Für meine beiden Töchter.
Claire erstarrte.
„Beide.“
Evelyn nickte.
„Ja.“
Claire sah sie an.
„Er wusste also von mir.“
„Natürlich.“
„Und er wusste, dass Anna lebt.“
„Ja.“
„Warum hat er dann nichts getan?“
Evelyn antwortete:
„Weil er wusste, dass Eleanor euch beide töten lassen würde, wenn sie davon erfährt.“
Claire legte das Medaillon auf den Tisch.
„Dann ist der Brief vielleicht gar nicht für mich bestimmt.“
Evelyn schüttelte den Kopf.
„Doch.“
„Warum?“
„Weil Jonathan darin erklärt hat, warum er dir alles hinterlassen wollte.“
Claire sah sie fragend an.
Evelyn sagte:
„Nicht weil du seine Lieblingskind warst.“
Claire schluckte.
„Sondern?“
„Weil er wusste, dass du eines Tages die Wahrheit suchen würdest.“
Victoria begann zu weinen.
„Und Anna?“
Evelyn lächelte traurig.
„Anna bekam etwas anderes.“
„Was?“
„Freiheit.“
In diesem Moment vibrierte Claires Telefon.
Eine Nachricht.
Unbekannte Nummer.
Du suchst nach Jonathans Brief.
Claire wurde blass.
Eine zweite Nachricht kam.
Hör auf zu suchen.
Dann eine dritte.
Sonst wird das Hotel wieder brennen.
Claire zeigte die Nachrichten Evelyn.
Evelyn stand sofort auf.
„Wir müssen das Hotel evakuieren.“
„Warum?“
„Weil er es ernst meint.“
Victoria griff nach ihrem Telefon.
„Ich rufe die Polizei.“
Claire hielt sie zurück.
„Warte.“
„Warum?“
Claire sah auf das Notizbuch.
„Weil er weiß, wonach wir suchen.“
Sie blätterte zur letzten Seite.
Dort stand ein Satz.
Wenn jemand den Brief sucht, wird er zuerst versuchen, das Medaillon zu finden.
Claire sah auf.
„Das ist eine Falle.“
Evelyn nickte.
„Ja.“
Claire nahm das Medaillon.
„Dann geben wir ihm, was er will.“
Victoria sah sie erschrocken an.
„Was?“
Claire stand auf.
„Wir lassen ihn glauben, dass wir den Brief gefunden haben.“
Evelyn verstand sofort.
„Du willst ihn herauslocken.“
Claire nickte.
„Er hat siebzig Jahre lang im Schatten gearbeitet.“
Sie sah zur Vitrine.
„Jetzt soll er einmal ins Licht treten.“
* * *
TEIL 19 — DER MANN IM HOTEL
Noch am selben Abend wurde die Nachricht veröffentlicht.
Nicht öffentlich.
Nur an eine bestimmte Adresse.
Claire wusste, dass Thomas jemanden beobachtete.
Sie schrieb:
Ich habe den Brief gefunden.
Dann legte sie das Telefon weg.
Victoria sah sie an.
„Und wenn er nicht reagiert?“
Claire antwortete:
„Dann haben wir nichts verloren.“
Evelyn stand am Fenster.
„Er wird kommen.“
„Woher weißt du das?“
„Weil Menschen wie Thomas nicht verlieren können.“
Eine Stunde verging.
Dann zwei.
Nichts.
Kurz vor Mitternacht ging plötzlich das Licht im Hotel aus.
Claire erstarrte.
„Er ist hier.“
Ein Geräusch kam aus der Eingangshalle.
Ein Schritt.
Dann noch einer.
Victoria flüsterte:
„Polizei?“
Claire schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Eine Gestalt erschien vor der Vitrine.
Ein Mann.
Alt.
Mit grauem Haar.
Claire kannte ihn nicht.
Doch Evelyn erkannte ihn sofort.
Sie flüsterte:
„Das ist Thomas' Bruder.“
Der Mann lächelte.
„Endlich.“
Claire trat vor.
„Wo ist Thomas?“
„Im Gefängnis.“
„Warum sind Sie hier?“
„Um das zu beenden, was er begonnen hat.“
Claire hielt das Medaillon hoch.
„Sie wollen das.“
Der Mann nickte.
„Und den Brief.“
„Woher wissen Sie davon?“
„Weil ich ihn geschrieben habe.“
Claire erstarrte.
„Was?“
Der Mann sah sie an.
„Ich war Jonathans Sekretär.“
Er griff in seine Tasche.
Ein Umschlag erschien.
Claire's Herz blieb fast stehen.
Auf der Vorderseite stand:
Claire Caldwell.
„Der Brief.“
Der Mann nickte.
„Jonathan gab ihn mir am Abend vor seinem Tod.“
Claire trat näher.
„Warum haben Sie ihn siebzig Jahre lang versteckt?“
Der Mann sah zu Evelyn.
„Weil ich wusste, dass jemand kommen würde, um ihn zu holen.“
„Wer?“
„Eleanor.“
Claire schüttelte den Kopf.
„Sie ist tot.“
Der Mann lächelte traurig.
„Nicht Eleanor.“
Er zeigte auf den Brief.
„Ihre Tochter.“
Claire erstarrte.
Victoria wurde blass.
„Helen?“
Der Mann nickte.
„Helen wusste immer, dass der Brief existiert.“
Claire öffnete den Umschlag.
Ihre Hände zitterten.
Und auf der ersten Zeile stand:
Meine liebe Claire, wenn du dies liest, ist Helen wahrscheinlich nicht mehr in der Lage, dich zu kontrollieren.
Claire sah langsam auf.
„Aber Helen ist tot.“
Evelyn antwortete:
„Nein.“
Alle verstummten.
Evelyn sah zur Tür.
„Sie ist nicht tot.“
Plötzlich klingelte das Telefon.
Eine Frauenstimme sagte:
„Das war sie nie.“
Claire erstarrte.
Helen.
Dann hörte sie ein leises Lachen.
„Jetzt weißt du, warum deine Geschichte niemals wirklich zu Ende war.“
Die Verbindung wurde beendet.
Claire sah Evelyn an.
Und zum ersten Mal seit sie denken konnte, hatte Evelyn Angst.
Nicht um sich.
Sondern um Claire.
Fortsetzung folgt…



