DAS BRAUTKLEID AUS DEM JAHR 1954
News Story

DAS BRAUTKLEID AUS DEM JAHR 1954

0 Aufrufe

TEIL 29 — DIE TÜR UNTER DEM HOTEL

Die Dunkelheit verschluckte den Raum.

Claire hörte nur Atemzüge.

Dann einen Schritt.

Noch einen.

„Niemand bewegt sich.“

Marcus' Stimme hallte durch das Zimmer.

Claire presste den Schlüssel in ihre Hand.

Daniel flüsterte:

„Wenn du die Chance bekommst, lauf.“

„Wohin?“

„Zum Keller.“

Claire sah ihn an.

„Die Tür?“

Daniel nickte.

„Sie ist der einzige Weg.“

Plötzlich flackerte das Licht.

Für einen Sekundenbruchteil sah Claire Marcus.

Dann war wieder alles schwarz.

Ein Schuss krachte.

Daniel stieß Claire zur Seite.

Die Kugel schlug in die Wand.

„Lauf!“

Claire packte Eleanor.

„Komm!“

Eleanor stolperte hinter ihr her.

Elena blieb stehen.

Claire drehte sich um.

„Elena!“

Elena sah sie an.

Dann richtete sie ihre Waffe auf Marcus.

„Geh.“

Claire zog Eleanor weiter.

Sie erreichten die Kellertreppe.

Hinter ihnen fielen weitere Schüsse.

Claire rannte.

Ihre Füße rutschten auf den alten Steinstufen aus.

„Der Schlüssel!“, rief Daniel.

Claire hielt ihn hoch.

„Wo ist die Tür?“

„Geradeaus!“

Sie erreichten den unteren Raum.

Dort war nichts.

Nur eine alte Backsteinwand.

Claire sah sich um.

„Hier ist keine Tür.“

Daniel kam keuchend hinter ihnen an.

„Doch.“

Er zeigte auf die Wand.

„Such nach einem Kreuz.“

Claire strich mit den Händen über die Ziegel.

Nichts.

Dann spürte sie eine Vertiefung.

Ein kleines Kreuz.

Sie drückte darauf.

Ein Teil der Wand bewegte sich.

Langsam schob sich ein Stein nach innen.

Dahinter erschien ein Schlüsselloch.

Claire steckte den Schlüssel hinein.

Ein lautes Klicken.

Die Wand begann sich zu öffnen.

Eleanor sah sie an.

„Jonathan hat diesen Raum gebaut.“

Claire erstarrte.

„Du wusstest davon?“

„Ja.“

„Warum hast du ihn mir nie gezeigt?“

Eleanor sah sie traurig an.

„Weil ich hoffte, dass du ihn niemals brauchen würdest.“

Die Tür öffnete sich vollständig.

Dahinter lag ein schmaler Tunnel.

Claire trat hinein.

An den Wänden hingen alte Lampen.

Viele waren noch funktionsfähig.

Daniel schaltete eine an.

Der Tunnel führte tief unter die Erde.

„Wie weit?“, fragte Claire.

„Etwa zweihundert Meter.“

„Wohin?“

Daniel antwortete:

„Unter das alte Caldwell-Hotel.“

Claire sah ihn an.

„Aber das Hotel ist weg.“

„Das Gebäude.“

Er deutete nach vorne.

„Nicht das, was darunter liegt.“

Sie gingen weiter.

Nach einigen Minuten erreichten sie einen großen Raum.

Claire blieb stehen.

Regale.

Kisten.

Schränke.

Und in der Mitte ein großer Schreibtisch.

Darauf lag ein schwarzer Ordner.

Claire ging langsam darauf zu.

Auf dem Deckel stand:

JONATHAN CALDWELL — LETZTE ANWEISUNGEN

Sie öffnete ihn.

Der erste Satz ließ ihr Herz stehen bleiben.

Claire darf niemals erfahren, dass Eleanor die Nacht von 1954 überlebt hat.

Claire sah ihre Mutter an.

„Warum?“

Eleanor begann zu weinen.

„Weil Jonathan glaubte, dass ich in Gefahr war.“

Claire blätterte weiter.

Wenn Claire mich sucht, darf sie nicht wissen, dass Eleanor lebt.

Wenn sie Eleanor findet, muss sie den Schlüssel erhalten.

Claire runzelte die Stirn.

„Der Schlüssel war also für mich bestimmt.“

Daniel nickte.

„Ja.“

Claire las weiter.

Der Schlüssel öffnet nicht das Archiv.

Sie hielt inne.

„Was?“

Darunter stand:

Er öffnet den Raum hinter dem Archiv.

Claire sah Daniel an.

„Es gibt noch einen Raum.“

„Ja.“

„Was befindet sich dort?“

Daniel antwortete:

„Das wissen wir nicht.“

Claire ging zu einer weiteren Wand.

Dort war ein kleines Symbol eingraviert.

Ein Kreis.

Darüber ein R.

REED.

Sie steckte den Schlüssel hinein.

Nichts geschah.

„Funktioniert nicht.“

Eleanor trat näher.

„Dreh ihn um.“

Claire drehte den Schlüssel.

Auf der Rückseite erschien eine winzige Gravur.

12.12.

Ihr Geburtsdatum.

Sie steckte ihn erneut hinein.

Diesmal öffnete sich die Wand.

Dahinter befand sich ein kleiner Raum.

Claire trat ein.

Ein einzelner Stuhl.

Ein Tonbandgerät.

Und ein Umschlag.

Auf dem Umschlag stand:

Für Claire. Wenn sie endlich allein ist.

Claire nahm ihn.

„Das ist von Jonathan.“

Eleanor nickte.

„Ja.“

Claire setzte sich.

Sie legte das Tonbandgerät auf den Tisch.

Ein altes Band war bereits eingelegt.

Sie drückte auf Play.

Ein Rauschen.

Dann eine Stimme.

Jonathans Stimme.

Claire begann sofort zu weinen.

„Meine liebe Claire.“

Sie schloss die Augen.

„Wenn du das hörst, bedeutet es, dass ich tot bin oder dass ich dich nicht mehr erreichen kann.“

Eine Pause.

„Ich habe dir viele Dinge verschwiegen.“

Claire öffnete die Augen.

„Aber eine Sache darfst du niemals glauben.“

Das Band rauschte.

„Eleanor hat dich nie verlassen.“

Claire sah ihre Mutter an.

Eleanor weinte lautlos.

Jonathan fuhr fort:

„Samuel war dein biologischer Vater.“

Claire schluckte.

„Aber ich war dein Vater.“

Eine lange Pause.

„Und ich habe dich geliebt.“

Claire presste die Hand auf ihren Mund.

„Doch es gibt einen Grund, warum du dieses Band erst jetzt hören darfst.“

Die Stimme wurde ernster.

„Der Mann, dem du vertraust, ist nicht der Mann, für den du ihn hältst.“

Claire erstarrte.

Daniel sah sie an.

„Was meint er?“

Claire hob eine Hand.

Jonathan sprach weiter.

„Wenn du diesen Raum erreicht hast, wirst du wahrscheinlich glauben, dass Marcus hinter allem steckt.“

Claire sah Daniel an.

„Aber Marcus ist nur der Erbe.“

Daniel wurde blass.

„Was?“

„Der wahre Besitzer des Netzwerks ist jemand anderes.“

Claire hielt den Atem an.

„Jemand, den du bereits kennst.“

Das Band klickte.

Dann sagte Jonathan:

„Und sein Name ist Thomas.“

Claire erstarrte.

Daniel wich zurück.

„Nein.“

Eleanor schloss die Augen.

Claire sah sie an.

„Du wusstest es.“

Eleanor sagte nichts.

„Mama.“

Eleanor flüsterte:

„Ich wusste nicht, dass Thomas noch lebt.“

Claire sprang auf.

„Was hat Thomas getan?“

Das Band lief weiter.

Jonathan sagte:

„Thomas war acht Jahre alt, als er dich aus dem Hotel brachte.“

Claire sah Daniel an.

„Das wissen wir.“

„Aber er war nicht zufällig dort.“

Claire erstarrte.

Jonathan fuhr fort:

„Sein Vater arbeitete für Hale.“

Claire wurde blass.

„Thomas wusste, wohin er dich bringen sollte.“

„Warum?“

„Weil er den Auftrag hatte, dich verschwinden zu lassen.“

Claire konnte kaum atmen.

Dann kam der nächste Satz.

„Doch Thomas entschied sich dagegen.“

Claire sah auf.

„Er hat mich gerettet.“

„Ja.“

Das Band rauschte.

„Und deshalb hat er seit 1954 versucht, dich zu schützen.“

Claire atmete aus.

Doch dann sagte Jonathan:

„Aber er hat dir nie erzählt, warum er dich gerettet hat.“

Stille.

„Nicht aus Liebe.“

Claire wurde kalt.

„Sondern aus Schuld.“

Das Band stoppte.

Claire starrte auf das Gerät.

„Nein.“

Daniel sagte:

„Wir müssen hier raus.“

Claire sah ihn an.

„Warum?“

„Weil Thomas wusste, dass wir irgendwann hierherkommen.“

Plötzlich hörten sie Schritte.

Langsam.

Ruhig.

Jemand kam den Tunnel entlang.

Claire griff nach dem Umschlag.

Die Schritte wurden lauter.

Eleanor flüsterte:

„Er ist hier.“

Claire sah zur Tür.

Eine Gestalt erschien im Eingang.

Thomas.

Er stand dort.

Blut an seinem Hemd.

In seiner Hand hielt er keine Waffe.

Nur ein altes Foto.

„Claire.“

Sie wich zurück.

„Du.“

Thomas sah sie traurig an.

„Ich wollte nie, dass du es auf diese Weise erfährst.“

Claire hielt den Umschlag fest.

„Was hast du 1954 getan?“

Thomas schwieg.

„Sag es!“

Thomas sah Eleanor an.

Dann Claire.

„Ich war nicht derjenige, der dich aus dem Hotel retten sollte.“

Claire wurde bleich.

„Wer dann?“

Thomas antwortete:

„Ich sollte dich töten.“

Stille.

Eleanor begann zu weinen.

Claire konnte kaum stehen.

Thomas machte einen Schritt auf sie zu.

„Aber ich konnte es nicht.“

Claire sah ihn an.

„Warum?“

Thomas senkte den Kopf.

„Weil ich deine Mutter kannte.“

„Was hat das damit zu tun?“

Thomas hob das alte Foto.

Auf dem Bild standen Eleanor und ein junger Mann.

Claire erkannte ihn.

Samuel.

Doch neben Samuel stand noch jemand.

Ein Mann, den sie nie zuvor gesehen hatte.

Thomas zeigte auf ihn.

„Das ist mein Vater.“

Claire sah das Foto genauer an.

Auf der Rückseite stand:

Thomas muss Claire töten, bevor sie erfährt, wer ihre Mutter wirklich ist.

Claire hob den Blick.

„Wer ist deine Mutter?“

Thomas antwortete nicht.

Dann ertönte hinter ihnen eine andere Stimme.

„Ich.“

Alle drehten sich um.

Eine Frau stand am Ende des Tunnels.

Claire erkannte sie sofort.

Sophia.

Doch Sophia hielt eine alte Pistole in der Hand.

Und sie sagte:

„Ich bin nicht Anna.“

Sie sah Claire direkt an.

„Ich bin Eleanor.“

Claire erstarrte.

Eleanor neben ihr wurde kreidebleich.

Die Frau am Ende des Tunnels lächelte.

„Und die Frau, die du deine Mutter genannt hast …“

Sie deutete auf Eleanor.

„…ist meine Schwester.“