TEIL 33 — DIE TOCHTER DER FALSCHEN MUTTER
Claire konnte den DNA-Bericht nicht aus der Hand legen.
Sie las ihn erneut.
Und erneut.
Jedes Mal stand dort dasselbe.
Biologische Mutter: Eleanor Reed.
Nicht Isabella.
Nicht die Frau, die sie gerade vor sich sah.
Eleanor.
Die Frau, die seit Jahrzehnten behauptet hatte, ihre Mutter zu sein.
Die Frau, die sie aufgezogen hatte.
Die Frau, deren Identität niemals Eleanor gewesen war.
Claire hob den Kopf.
„Dann war alles eine Lüge.“
Isabella schüttelte den Kopf.
„Nicht alles.“
„Was soll daran wahr sein?“
„Dass du geschützt werden musstest.“
Claire lachte bitter.
„Geschützt? Ich habe mein ganzes Leben in einem falschen Namen gelebt.“
Mara trat näher.
„Claire …“
„Nein.“
Claire sah sie an.
„Du bist die Tochter von Isabella.“
Mara nickte.
„Ja.“
„Und ich bin die Tochter der Frau, die Isabella ersetzen sollte.“
„Ja.“
Claire schloss die Augen.
„Dann sind wir keine Schwestern.“
Isabella trat vor.
„Doch.“
Claire sah sie an.
„Wie?“
„Dein Vater ist derselbe.“
Claire erstarrte.
„Jonathan.“
Isabella nickte.
„Jonathan ist dein Vater.“
Mara sagte:
„Dann sind wir Halbschwestern.“
Isabella schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Sie zog ein weiteres Dokument aus ihrer Tasche.
„Ihr seid Vollschwestern.“
Claire verstand nicht.
„Aber der DNA-Test …“
„Der Test wurde manipuliert.“
Marcus lächelte.
„Nein.“
Alle sahen ihn an.
„Der Test ist echt.“
Claire drehte sich zu ihm.
„Dann erklär es.“
Marcus sah zu Isabella.
„Sie hat dir nie erzählt, dass du adoptiert wurdest.“
Isabella wurde bleich.
„Das stimmt nicht.“
Marcus zog ein zweites Dokument hervor.
„Deine echte Mutter ist Eleanor.“
Claire wurde still.
„Aber Eleanor ist meine Schwester.“
„Nein.“
Marcus lächelte.
„Eleanor ist deine Großmutter.“
Stille.
Claire konnte kaum atmen.
„Was?“
Isabella sagte:
„Marcus lügt.“
„Dann sag mir die Wahrheit!“
Isabella sah sie an.
„Eleanor war meine Schwester.“
Claire erstarrte.
„Dann ist sie nicht meine Mutter.“
„Nein.“
„Aber der DNA-Test sagt …“
„Weil Eleanor deine biologische Großmutter ist.“
Claire verstand plötzlich.
„Der Bericht wurde so ausgewertet, dass …“
Thomas sagte:
„Eine Großmutter kann in bestimmten Tests als Mutter erscheinen, wenn die Daten falsch referenziert werden.“
Marcus lachte.
„Sehr schön.“
Claire sah ihn an.
„Du hast den Bericht manipuliert.“
„Nein.“
Er hob den Kopf.
„Ich habe nur dafür gesorgt, dass du glaubst, er sei manipuliert.“
Claire sah ihn verwirrt an.
„Was willst du?“
Marcus antwortete:
„Den Zugang.“
„Zu was?“
„Zum Erbe.“
Claire schüttelte den Kopf.
„Du hast keine Ahnung, was ich erben soll.“
Marcus trat näher.
„Doch.“
Er zeigte auf die Wand.
„Alles, was unter dieser Stadt verborgen liegt.“
Claire sah Thomas an.
„Was meint er?“
Thomas schwieg.
„Thomas.“
Er atmete tief durch.
„Die Familie Caldwell besitzt nicht nur Unternehmen.“
„Was dann?“
„Konten.“
„Wie viele?“
„Hunderte.“
„Wie viel Geld?“
Thomas sah sie an.
„Niemand kennt die genaue Summe.“
Mara sagte:
„Es geht nicht nur um Geld.“
Claire sah sie an.
„Was dann?“
„Macht.“
Isabella trat näher.
„Dein Vater hat diese Struktur aufgebaut, um sie zu zerstören.“
Claire wurde still.
„Jonathan?“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil er herausgefunden hatte, dass die Caldwell-Familie Menschen verschwinden ließ.“
Claire sah auf die Namen an den Wänden.
Plötzlich ergab alles Sinn.
Die Identitäten.
Die falschen Todesfälle.
Die neuen Namen.
Die Menschen, die offiziell nie existiert hatten.
„Marcus gehört zu ihnen.“
Thomas nickte.
„Seine Familie.“
Marcus lächelte.
„Meine Familie hat diese Stadt aufgebaut.“
„Und zerstört.“
„Das ist Ansichtssache.“
Claire hob die Waffe.
„Wo ist Jonathan?“
Marcus' Lächeln verschwand.
„Tot.“
„Du hast gesagt, sein Tod sei vorgetäuscht.“
„Das war er.“
Claire erstarrte.
„Dann lebt er?“
Marcus sagte nichts.
Isabella schloss die Augen.
Mara flüsterte:
„Er lebt.“
Claire sah sie an.
„Wo?“
Marcus antwortete:
„Das ist die Frage, die du deinem Vater selbst stellen solltest.“
Er warf einen kleinen Schlüssel auf den Boden.
Claire erkannte ihn.
Er hatte dieselbe Form wie der Schlüssel, den sie gefunden hatte.
„Was öffnet der?“
Marcus sagte:
„Eine Tür.“
„Welche?“
„Die Tür zu deinem Vater.“
Plötzlich ertönte ein lauter Knall.
Das Licht erlosch.
Schüsse hallten durch den Raum.
Claire ging zu Boden.
Mara zog sie hinter den Grabstein.
Isabella rief:
„Thomas!“
„Hier!“
Dann hörte Claire Marcus schreien.
„Nicht!“
Ein Schuss.
Stille.
Das Licht flackerte.
Claire sah auf.
Marcus lag am Boden.
Aber er lebte.
Neben ihm stand eine Gestalt.
Ein Mann.
Alt.
Graues Haar.
Schwarzer Mantel.
Claire starrte ihn an.
Ihr Herz blieb stehen.
Der Mann sah sie an.
Und sagte:
„Claire.“
Sie kannte diese Stimme.
Aus Tonaufnahmen.
Aus Briefen.
Aus Erinnerungen.
Aus den Geschichten ihrer Kindheit.
„Papa?“
Der Mann nickte.
„Ich bin gekommen, um dich nach Hause zu bringen.“
Claire begann zu weinen.
Jonathan Reed stand vor ihr.
Lebendig.
Und hinter ihm erschien eine weitere Person.
Eine Frau.
Claire sah sie an.
Es war die Frau vom Foto.
Aber nicht Mara.
Eine andere.
Jünger.
Mit denselben Augen wie Claire.
Jonathan sagte:
„Und sie ist der Grund, warum ich meinen Tod vortäuschen musste.“
Claire flüsterte:
„Wer ist sie?“
Jonathan antwortete:
„Deine zweite Schwester.“
Mara wich zurück.
„Das ist unmöglich.“
Jonathan sah sie an.
„Nein.“
Er blickte zu Claire.
„Es gab nie zwei Töchter.“
Pause.
„Es gab drei.“



