TEIL 30 — DIE FRAU, DIE NICHT EXISTIEREN DURFTE
Niemand bewegte sich.
Claire sah die Frau am Ende des Tunnels an.
Dann sah sie Eleanor.
Dann wieder die Frau.
Ihr Herz schlug so laut, dass sie glaubte, alle müssten es hören.
„Das ist unmöglich.“
Die Frau lächelte.
„Das hast du schon einmal gesagt.“
Claire schüttelte den Kopf.
„Sophia.“
„Dieser Name gehört mir nicht.“
„Du hast mir erzählt, du seist Sophia.“
„Ich habe dir erzählt, was du hören solltest.“
Eleanor machte einen Schritt nach vorn.
„Du bist nicht Eleanor.“
Die Frau lachte leise.
„Und du bist es auch nicht.“
Claire sah ihre Mutter an.
„Was meint sie?“
Eleanor antwortete nicht.
Die Frau hob die Pistole.
„Frag sie.“
Claire drehte sich zu Eleanor.
„Wer bist du?“
Eleanor weinte.
„Claire …“
„Nein.“
Claire wich zurück.
„Keine Geheimnisse mehr.“
Sie zeigte auf die Frau.
„Sie behauptet, meine Mutter zu sein.“
Dann zeigte sie auf Eleanor.
„Du hast siebzig Jahre lang behauptet, meine Mutter zu sein.“
Ihre Stimme brach.
„Eine von euch lügt.“
Stille.
Thomas stand zwischen ihnen.
Er sah aus, als hätte er plötzlich jedes Geheimnis seines Lebens verloren.
Die Frau sagte:
„Eleanor starb 1956.“
Claire erstarrte.
„Was?“
„Die Frau, die du vor dir siehst, ist nicht Eleanor.“
Claire sah ihre Mutter an.
„Sag etwas.“
Eleanor schloss die Augen.
„Ich habe dich geliebt.“
„Das ist keine Antwort.“
„Ich weiß.“
Claire trat näher.
„Wer bist du?“
Eleanor begann zu weinen.
„Ich bin Elena.“
Claire wurde bleich.
„Elena?“
Die Frau am Ende des Tunnels lachte.
„Endlich.“
Claire konnte kaum atmen.
„Aber Elena ist meine Schwester.“
„Ja.“
„Sie lebt.“
„Ja.“
Claire sah die Frau an.
„Dann wer bist du?“
Die Frau senkte langsam die Waffe.
„Ich bin die Frau, die Eleanor 1954 ersetzt hat.“
Claire starrte sie an.
„Warum?“
„Weil Eleanor sterben sollte.“
Thomas sagte plötzlich:
„Das stimmt.“
Claire drehte sich zu ihm.
„Du wusstest es.“
„Nicht alles.“
„Du wusstest genug.“
Thomas senkte den Kopf.
„Ja.“
Claire trat auf ihn zu.
„Warum hast du mich damals gerettet?“
Thomas sah sie an.
„Weil deine Mutter mich darum gebeten hat.“
„Welche?“
Er antwortete nicht.
Claire schrie:
„Welche?“
Die Frau am Ende des Tunnels sagte:
„Ich.“
Claire sah sie an.
„Du hast mich retten lassen?“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil du die einzige Person warst, die das Geheimnis überleben konnte.“
Claire verstand immer weniger.
„Welches Geheimnis?“
Die Frau sah auf den alten Schreibtisch.
„Das Geheimnis, warum Jonathan bereit war, seinen eigenen Tod vorzutäuschen.“
Claire nahm den Umschlag.
„Dann erklär mir das.“
Die Frau schüttelte den Kopf.
„Öffne ihn.“
Claire öffnete den Umschlag.
Darin lag ein einziges Blatt.
Jonathan hatte darauf nur wenige Zeilen geschrieben.
Claire, wenn du dies liest, hast du endlich verstanden, dass die Frau, die dich großgezogen hat, nicht deine Mutter war.
Claire hielt den Atem an.
Aber glaube auch nicht der Frau, die behauptet, deine Mutter zu sein.
Ihre Hände begannen zu zittern.
Denn Eleanor starb nicht 1956.
Claire sah auf.
„Was?“
Die Frau lächelte nicht mehr.
Jonathan schrieb weiter:
Eleanor wurde 1956 unter einer anderen Identität begraben.
Claire las den Satz zweimal.
Dann:
Die Frau, die danach ihren Namen trug, war jemand anderes.
Claire sah zu Eleanor.
Die ältere Frau weinte.
„Ich wollte dir die Wahrheit sagen.“
„Wann?“
„Als ich sicher war.“
„Und wann wäre das gewesen?“
Eleanor antwortete:
„Nie.“
Claire schloss die Augen.
Der letzte Satz des Briefes stand allein.
Wenn du wissen willst, wo Eleanor wirklich ist, suche nach dem Grab ohne Namen.
Claire sah auf.
„Wo ist es?“
Niemand antwortete.
Dann sagte Thomas:
„Ich kenne es.“
Claire drehte sich zu ihm.
„Bring mich hin.“
Thomas zögerte.
„Claire …“
„Jetzt.“
Er nickte.
Doch bevor er sich bewegen konnte, ertönte ein Geräusch aus dem Tunnel.
Schritte.
Viele Schritte.
Daniel kam plötzlich angerannt.
„Wir müssen weg!“
Claire sah ihn an.
„Was ist passiert?“
„Marcus.“
„Wo ist er?“
„Er hat Leute mitgebracht.“
Elena trat aus dem Schatten.
„Wie viele?“
Daniel antwortete:
„Mindestens zehn.“
Thomas nahm Claire am Arm.
„Wir gehen.“
Claire riss sich los.
„Nicht ohne Antworten.“
Thomas sah sie an.
„Wenn wir bleiben, bekommst du gar keine.“
Die Frau am Ende des Tunnels lächelte.
„Lauft.“
Claire sah sie an.
„Und du?“
„Ich habe lange genug gewartet.“
„Worauf?“
Die Frau hob ihre Waffe.
„Auf sie.“
Am anderen Ende des Tunnels erschienen Männer.
Marcus stand vorne.
Er sah Claire an.
„Gib mir den Schlüssel.“
Claire hielt ihn hoch.
„Nein.“
Marcus lächelte.
„Dann sterben heute Nacht die letzten Zeugen.“
Ein Schuss fiel.
Die Frau am Ende des Tunnels schoss zuerst.
Alle gingen zu Boden.
Thomas zog Claire hinter den Schreibtisch.
Daniel zog Eleanor in einen Seitengang.
Elena schoss zurück.
Chaos brach aus.
Claire sah den Schlüssel in ihrer Hand.
Plötzlich bemerkte sie etwas.
Auf dem Boden lag eine kleine Metallplatte.
Darauf stand:
REED — 1954
Sie hob sie auf.
Darunter war ein weiterer Schlüssel.
Ein viel kleinerer.
Claire nahm ihn.
„Was ist das?“
Thomas sah ihn.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Wo hast du den gefunden?“
„Hier.“
„Gib ihn mir.“
Claire wich zurück.
„Warum?“
Thomas wurde blass.
„Weil du nicht wissen willst, was er öffnet.“
Claire sah ihn an.
„Doch.“
Sie steckte den Schlüssel ein.
Dann bemerkte sie eine Gravur.
Ein Datum.
12. Dezember 1954.
Ihr Geburtsdatum.
Und darunter drei Buchstaben.
E. R.
Claire flüsterte:
„Eleanor Reed.“
Thomas schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
„Was dann?“
Er antwortete:
„Elena Reed.“
Claire erstarrte.
Sie blickte zu Elena.
„Du bist eine Reed.“
Elena sah sie an.
Zum ersten Mal wirkte sie wirklich verängstigt.
„Claire …“
„Du bist nicht Eleanors Tochter.“
Elena schwieg.
Claire verstand.
„Du bist Davids Tochter.“
Elena schloss die Augen.
„Ja.“
Claire wich zurück.
Alles begann sich erneut zu verschieben.
Die Namen.
Die Mütter.
Die Väter.
Die Identitäten.
Nichts war mehr sicher.
Dann hörte sie Marcus lachen.
„Jetzt verstehst du endlich.“
Claire drehte sich um.
Marcus stand am Ende des Tunnels.
Er hielt etwas in der Hand.
Ein altes Foto.
„Deine Familie hat dir immer erzählt, dass du die letzte Erbin bist.“
Er hob das Foto.
„Das bist du nicht.“
Claire sah das Bild.
Darauf waren zwei Babys.
Nebeneinander.
Unter dem ersten stand:
Claire Reed.
Unter dem zweiten:
Unbekannt.
Claire wurde bleich.
„Wer ist das zweite Kind?“
Marcus lächelte.
„Deine Schwester.“
Stille.
„Sie lebt.“
Claire konnte kaum atmen.
„Wo?“
Marcus sah sie an.
„Sehr viel näher, als du denkst.“
Dann fiel das Licht erneut aus.
Als es wenige Sekunden später zurückkam, war Marcus verschwunden.
Ebenso die Frau, die behauptet hatte, Eleanor zu sein.
Nur Claire, Thomas, Daniel und Elena standen noch im Tunnel.
Auf dem Boden lag das Foto.
Claire hob es auf.
Sie drehte es um.
Auf der Rückseite stand ein einziger Satz:
Wenn Claire jemals die Wahrheit erfährt, wird ihre Schwester sie finden.
Claire sah langsam auf.
„Meine Schwester lebt.“
Thomas sagte nichts.
„Und ihr wisst, wer sie ist.“
Niemand antwortete.
Claire sah einen nach dem anderen an.
„Wer ist sie?“
Stille.
Dann vibrierte ihr Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Eine Nachricht.
Nur ein Satz:
Du suchst seit siebzig Jahren nach mir. Jetzt suche ich nach dir.
Claire starrte auf den Bildschirm.
Darunter erschien ein Foto.
Eine junge Frau.
Graue Augen.
Dunkles Haar.
Und ein Gesicht, das Claire erschreckend ähnlich sah.
Claire flüsterte:
„Wer bist du?“
Eine zweite Nachricht kam.
Deine Schwester.
Claire hob langsam den Blick.
Im selben Moment hörten sie Schritte hinter sich.
Nicht Marcus.
Nicht Elena.
Nicht Thomas.
Eine Frau kam durch den dunklen Tunnel auf sie zu.
Claire sah ihr entgegen.
Und noch bevor sie das Gesicht erkennen konnte, wusste sie:
Die Geschichte der Familie Caldwell war nicht vorbei.
Sie hatte gerade erst begonnen.
FORTSETZUNG FOLGT …



