TEIL 19 — Was ich vergessen hatte
Die Kassette lief weiter.
Ich konnte mich nicht bewegen.
Die Stimme des Mannes kam aus dem alten Gerät.
Ruhig.
Fast freundlich.
„Du wirst eines Tages verstehen, warum sie gehen musste.“
Dann hörte ich meine Tochter.
„Mama darf es nicht wissen.“
Ich schloss die Augen.
Ich wollte nicht mehr hören.
Doch meine Tochter saß neben mir und weinte.
„Ich erinnere mich nicht daran“, sagte sie.
Ich sah sie an.
„Du warst neunzehn.“
„Ich weiß.“
„Vielleicht hast du es verdrängt.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Dann sah sie mich plötzlich an.
„Vielleicht hast du es verdrängt.“
Ich erstarrte.
„Was meinst du?“
Sie zeigte auf das Tonband.
„Hör genau hin.“
Wir spulten zurück.
Die Stimme des Mannes war diesmal deutlicher.
Er sagte:
„Sie hat es selbst entschieden.“
Meine Tochter hielt den Atem an.
Dann kam ein Geräusch.
Eine Tür.
Meine Stimme.
„Lass sie in Ruhe.“
Ich sah meine Tochter an.
„Das habe ich gesagt?“
Sie nickte.
„Ja.“
„Aber ich erinnere mich nicht.“
Das Band lief weiter.
Der Mann sagte:
„Dann musst du dich an die Nacht erinnern, bevor du alles vergessen hast.“
Plötzlich hörte man einen lauten Knall.
Dann Stille.
Das Band endete.
Ich saß lange schweigend da.
In meinem Kopf tauchten Bilder auf.
Regen.
Ein dunkler Flur.
Meine Tochter auf der Treppe.
Eine Tasche.
Eine Tür.
Und dann…
Clara.
Sie stand in unserer Küche.
Sie hielt meine Tochter am Arm.
Sie sagte etwas.
Ich konnte die Worte nicht hören.
Ich schlug mir die Hände vor das Gesicht.
„Ich habe es gewusst.“
Meine Tochter sah mich an.
„Was?“
„Ich habe gewusst, dass du nicht freiwillig gegangen bist.“
„Mama…“
„Ich wusste es.“
Tränen liefen mir über das Gesicht.
„Aber am nächsten Morgen war da nichts mehr.“
Meine Tochter nahm meine Hand.
„Vielleicht hast du dich selbst gezwungen, es zu vergessen.“
In diesem Moment klingelte mein Handy.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
Niemand sagte etwas.
Dann eine Stimme.
„Jetzt erinnerst du dich.“
Ich sprang auf.
„Wer sind Sie?“
Keine Antwort.
„Warum haben Sie meine Tochter damals verfolgt?“
Stille.
Dann:
„Ich habe sie nicht verfolgt.“
Ich erstarrte.
„Wer dann?“
Die Stimme sagte nur:
„Frag Clara.“
Die Verbindung wurde beendet.
Meine Tochter sah mich an.
„Wir müssen sie finden.“
Ich nickte.
Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wusste ich, dass wir nicht mehr davonlaufen konnten.
Wir fuhren noch am selben Abend zu dem Haus, das auf dem Foto zu sehen war.
Der Weg führte durch einen verschneiten Wald.
Lukas blieb im Auto.
Meine Tochter und ich gingen zur Tür.
Sie war nicht abgeschlossen.
Wir traten ein.
Das Haus war leer.
Doch auf dem Tisch stand eine Tasse.
Der Kaffee darin war noch warm.
Meine Tochter flüsterte:
„Sie war hier.“
Ich sah mich um.
An der Wand hingen Fotos.
Dutzende.
Fotos von meiner Tochter.
Aus verschiedenen Jahren.
Neunzehn.
Zweiundzwanzig.
Siebenundzwanzig.
Dreißig.
Vierunddreißig.
Und eines von vor wenigen Wochen.
Ich ging näher.
Neben den Fotos hing ein einziges Bild von mir.
Darunter stand:
„Sie hat immer gewartet.“
Meine Tochter begann zu weinen.
Dann hörten wir ein Geräusch hinter uns.
Eine Tür knarrte.
Wir drehten uns um.
Eine Frau stand im Türrahmen.
Älter.
Blasser.
Aber ich erkannte sie sofort.
„Clara.“
Sie sah mich an.
Und sagte:
„Du hättest niemals hierherkommen dürfen.“
Ich ging einen Schritt auf sie zu.
„Warum hast du meine Tochter damals fortgeschickt?“
Clara sah zu meiner Tochter.
Dann wieder zu mir.
„Weil ich wusste, was passieren würde, wenn sie bleibt.“
„Was?“
Clara antwortete nicht.
Stattdessen sagte sie einen Satz, der alles veränderte:
„Der Mann vor deiner Tür war nie unser Feind.“



