Die graue Schachtel
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Die graue Schachtel

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Teil 8: Die Stimme aus der Vergangenheit

Der rote Laserpunkt brannte stetig auf Elias’ Brust, genau über seinem schlagenden Herzen. Der Regen klatschte rhythmisch auf den Steinboden der Bogenbrücke, und das schwarze Wasser der Gracht gluckste träge unter ihren Füßen.

„Eine Injektionsspritze?“, fragte Julian mit einem verächtlichen Unterton, während er langsam näher trat. Seine Stiefel knirschten auf dem nassen Pflaster. „Glaubst du wirklich, Mutter hätte ein Vermögen von vier Milliarden Euro auf einen USB-Stick gezogen? Das ist synthetische DNA, du alter Narr! Die Passwörter zu den Konten sind in dieser Flüssigkeit codiert. Man muss sie nur in ein Sequenziergerät einspeisen. Gib sie mir!“

Elias blickte von der silbern leuchtenden Spritze auf das Gesicht seines Sohnes. In den Zügen von Julian sah er nun nicht mehr den Jungen, dem er einst das Fahrradfahren beigebracht hatte. Er sah die kalte, rücksichtslose Entschlossenheit eines Raubtiers – dieselbe Entschlossenheit, die, wie Piet gesagt hatte, einst sein eigenes Leben als Viktor Kroll bestimmt hatte.

War es die Genetik? War das Böse vererblich? Oder war Julian nur das Opfer einer schrecklichen Kette von Lügen, die Anna ins Rollen gebracht hatte?

„Julian...“, sagte Elias leise, seine Stimme war trotz des Laserpunkts seltsam ruhig geworden. „Du weißt nicht, was diese Spritze wirklich ist. Es ist nicht nur ein Passwort. Es ist meine Vergangenheit. Die Vergangenheit deines Vaters.“

Julian lachte trocken. „Mein Vater war Viktor Kroll! Ein Mann von Macht, ein Mann, der die Welt beherrschte! Nicht ein elender, kleiner Buchhalter, der seit acht Jahren in einer verstaubten Wohnung um eine tote Frau weint!“

Elias spürte eine tiefe, schmerzhafte Erschütterung. „Ich bin Viktor Kroll, Julian.“

Julian fror in der Bewegung ein. Der Laserpunkt zitterte für einen winzigen Bruchteil einer Sekunde auf Elias’ Brust.

„Was für einen Unsinn redest du da?“, zischte Julian, doch seine Stimme verlor einen Teil ihrer festen Sicherheit.

„Anna hat Kroll nicht getötet“, fuhr Elias fort, er machte einen kleinen Schritt vorwärts, ignoriere den Laser. „Sie hat sein Gehirn umprogrammiert. Sie hat die Erinnerungen des Monsters gelöscht und einen neuen Menschen geschaffen. Mich. Elias Vermeer. Ich bin der Mann, den du suchst. Ich bin dein leiblicher Vater.“

Ein langes Schweigen legte sich über die düstere Gracht. Nur das Rauschen des Regens war zu hören. Julian starrte Elias an, seine Züge verkrampften sich. Verwirrung, Unglaube und ein plötzlicher, tiefer Abscheu rangen in seinem Gesicht miteinander.

„Du... du lügst!“, schrie Julian plötzlich los. Das Schalldämpfer-Gewehr zitterte nun deutlich in seinen Händen. „Du versuchst nur, Zeit zu gewinnen! Mein Vater war ein Titan! Du bist gar nichts! Du bist nur ein Schatten!“

„Willst du die Wahrheit hören?“, fragte Elias. Er hob den kleinen Kassettenrekorder aus der Schachtel. „Mutter hat diese Kassette hinterlassen. Für den Tag, an dem die Wahrheit ans Licht kommt. Lass uns hören, was sie zu sagen hat.“

Elias drückte mit dem Daumen auf die verrostete Play-Taste des Diktiergeräts.

Ein leises Rauschen erklang aus dem winzigen Lautsprecher. Dann ertönte eine Stimme.

Es war Annas Stimme.

Sanft, klar, aber von einer unendlichen Traurigkeit erfüllt. Elias’ Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als er diese vertraute Stimme nach acht Jahren der Stille wieder hörte.

„Elias... oder soll ich dich Viktor nennen? Wenn du dieses Band hörst, bedeutet es, dass das Kartenhaus eingestürzt ist. Es bedeutet, dass mein Experiment gescheitert ist – oder vollendet, je nachdem, wer gerade zuzuhört.“

Julian trat noch einen Schritt näher, wie hypnotisiert von der Stimme seiner Mutter. Er senkte die Waffe um ein paar Zentimeter, ohne es zu merken.

„Viktor... als ich dich vor dreißig Jahren umgewandelt habe, tat ich es aus Rache und aus Hoffnung. Rache für all die Leben, die du als Kopf der Organisation zerstört hattest. Aber die Hoffnung war stärker. Ich wollte beweisen, dass die Liebe einen Menschen heilen kann, selbst den grausamsten Sünder. Ich habe dir ein neues Leben gegeben. Ich habe dir Elias gegeben. Und in all den Jahren, die wir zusammen verbrachten... habe ich gelernt, Elias von ganzem Herzen zu lieben.“

Elias spürte, wie heiße Tränen über seine Wangen liefen. Sie hatte ihn geliebt. Die Ehe war keine reine Lüge gewesen. Das Gefühl war echt gewesen.

„Aber ich habe eine schreckliche Sünde begangen“, fuhr die Stimme auf dem Band fort. „Ich habe Julian belogen. Ich wollte ihn vor dem Erbe seines Vaters schützen, doch indem ich ihm die Wahrheit verschwieg, habe ich den Samen des Hasses in seinem Herzen gepflanzt. Julian... mein geliebter Sohn... wenn du das hörst, bitte ich dich um Vergebung.“

Julian atmete schwer. Seine Lippen zitterten leicht.

„Das Vermögen in Liechtenstein existiert“, sagte Annas Stimme. „Aber die Spritze enthält keine Passwörter. Sie enthält das Serum zur Umkehrung des Janus-Projekts. Wer diese Flüssigkeit injiziert bekommt, erhält all seine ursprünglichen Erinnerungen zurück – verliert aber die Erinnerungen des neuen Lebens. Wenn Elias sich die Spritze setzt, wird Viktor Kroll erwachen. Und Elias Vermeer wird für immer sterben.“

Das Band lief mit einem leisen Klacken aus. Stille hüllte die Brücke ein.

Elias blickte auf die silberne Spritze in seiner Hand. Das war also die Entscheidung.

Entweder er blieb Elias – der gebrochene, alte Mann ohne echte Vergangenheit, gejagt von seinem eigenen Sohn. Oder er injizierte sich das Serum, wurde wieder der mächtige, skrupellose Viktor Kroll, der in der Lage wäre, sich gegen Julian und das Netzwerk zu wehren... aber er würde all die Erinnerungen an die Liebe zu Anna, an die Jahre des Friedens, an seine Menschlichkeit verlieren.

„Ein Serum zur Wiederherstellung...“, flüsterte Julian. Ein unheimliches Glänzen trat wieder in seine Augen. Die Rührung war verflogen, ersetzt durch eine neue, noch gefährlichere Idee. „Wenn du wieder Viktor Kroll wirst... dann weißt du die Zugangsdaten im Kopf! Du brauchst keine Passwörter auf Festplatten! Du weißt, wo die Milliarden sind!“

Julian richtete die Waffe wieder voll auf Elias’ Kopf.

„Setz dir die Spritze, Vater!“, befahl Julian, seine Stimme war kalt wie Eis. „Erwecke das Monster! Gib mir meinen wahren Vater zurück, damit er mir mein Erbe aushändigt! Und wenn du es nicht tust... erschieße ich dich hier und jetzt und nehme das Serum mit ins Labor!“

Elias sah seinen Sohn an. Die Tragödie hatte ihren Höhepunkt erreicht. Der Sohn verlangte von ihm, seine Seele zu opfern, um ein Monster zu gebären.

Elias hob die Spritze. Die Nadel glänzte im Schein der Straßenlaterne. Er setzte die Spitze an seine Halsschlagader.

„Du willst Viktor Kroll zurück, Julian?“, fragte Elias leise, ein dunkler Schimmer trat in seine eigenen Augen. „Du hast keine Ahnung, was du heraufbeschwörst.“

Bevor Julian reagieren konnte, drückte Elias den Kolben der Spritze nach unten.