Teil 11: Der Schatten der Schuld
Die Dunkelheit in der riesigen Lagerhalle war absolut. Das Prasseln des Regens auf dem Blechdach klang wie das Trommeln von tausend kleinen Fingern. Panik breitete sich aus.
„Wo ist er?!“, schrie einer der Söldner in der Finsternis. Schüsse peitschten blind durch den Raum, Mündungsfeuer erhellte für Bruchteile von Sekunden die riesigen Schatten der Lagerbehälter.
Doch Elias war nicht mehr dort, wo er gestanden hatte. Er bewegte sich lautlos durch die Halle, wie ein Geist, der die Geometrie des Gebäudes besser kannte als die Erbauer selbst. Seine Schritte auf dem Betonboden waren unhörbar.
Ein dumpfer Schlag ertönte. Der erste Söldner ging ohne einen Laut zu Boden, bewusstlos geschlagen mit der schweren Waffenseite. Zwei Sekunden später folgte das Krachen von Holz und Metall, als der zweite Söldner über ein künstliches Hindernis stolperte und von einer präzisen Rechten im Nacken außer Gefecht gesetzt wurde.
Keine zwei Minuten nach dem Erlöschen des Lichts war es wieder vollkommen still in der Halle. Nur das Schmerzensstöhnen von Branko, der mit seiner zerschossenen Hand am Boden lag, war zu hören.
Ein Leuchten erhellte plötzlich eine Ecke der Halle.
Elias hatte einen Notstromgenerator an der Wand aktiviert. Das flackernde Licht von zwei Wandstrahlern flutete den Raum mit einem blassen, gelben Schein.
Julian lag am Boden nahe dem Stahltisch. Er hatte versucht zu fliehen, war aber über ein Kabel gestolpert und hielt sich nun den verknacksten Knöchel. Er starrte hoch zu Elias, der mit verschränkten Armen vor ihm stand. Die Waffe lag gesichert auf dem Tisch.
„Was... was willst du von mir?“, keuchte Julian, seine Stimme überschlug sich vor Angst. „Wenn du mich töten willst, dann tu es endlich! Du bist doch das Monster! Du bist Viktor Kroll!“
Elias kniete sich langsam vor seinem Sohn nieder. Er nahm seine durchnässte Jacke ab und legte sie schonend über Julians zitternde Schultern. Die Geste war so voller elterlicher Fürsorge, dass Julian verwirrt verstummte.
„Ich werde dich nicht töten, Julian“, sagte Elias leise. „Ich habe mein ganzes Leben als Viktor Kroll geglaubt, dass Macht bedeutet, andere zu beherrschen und zu vernichten. Aber die letzten dreißig Jahre als Elias Vermeer haben mir etwas anderes beigebracht. Macht bedeutet, die Menschen zu schützen, die man liebt – selbst wenn sie es nicht verdienen.“
Julian sah ihn ungläubig an. „Du... du liebst mich immer noch? Nach all dem, was ich getan habe? Ich habe auf dich geschossen! Ich wollte dich vernichten!“
„Du bist mein Sohn“, antwortete Elias, und seine Augen füllten sich mit Tränen. „Nicht weil wir dasselbe Blut teilen. Sondern weil ich dich gehalten habe, als du Fieber hattest. Weil ich deine Tränen getrocknet habe, als Anna starb. Die Genetik macht keinen Vater, Julian. Die Liebe tut es. Und diese Liebe verschwindet nicht, nur weil man die Wahrheit erfährt.“
Julian senkte den Kopf. Ein tiefes, erschütterndes Schluchzen brach aus ihm heraus. Die harte, gierige Fassade des künftigen Gangsterbosses zersplitterte vollkommen. Er war wieder der kleine Junge, der in der Dunkelheit nach seiner Mutter und seinem Vater rief.
„Ich wollte das alles nicht...“, weinte Julian, die Hände vor das Gesicht geschlagen. „Ich habe die Akten gefunden... ich dachte, Mutter hätte mich belogen... ich dachte, ich hätte das Recht auf dieses Geld... ich wollte nur kein Niemand sein!“
Elias legte den Arm um die Schultern seines Sohnes und zog ihn an sich. Für einige Minuten gab es nur das Rauschen des Regens und das Weinen des jungen Mannes in den Armen des alten Mannes.
„Das Geld ist verflucht, Julian“, flüsterte Elias. „Es hat Blut an sich. Das Blut von hunderten Menschen, die Viktor Kroll zerstört hat. Wenn du dieses Geld nimmst, wirst du genau zu dem Monster, das Anouk aus dieser Welt tilgen wollte.“
Julian blickte langsam auf. „Was werden wir tun?“
„Wir werden die Konten auflösen“, sagte Elias mit einer Entschlossenheit, die keinen Zweifel ließ. „Ich werde die Passwörter verwenden, um das gesamte Vermögen an internationale Hilfsorganisationen und die Opfer der Organisation zu überweisen. Bis auf den letzten Cent.“
„Aber die Organisation...“, stammelte Julian. „Die Männer von Kroll... sie werden dich jagen! Sie werden nicht zulassen, dass Milliarden einfach verschwinden!“
„Lass das meine Sorge sein“, antwortete Elias mit dem kühlen Lächeln von Viktor Kroll. „Ich kenne jeden einzelnen von ihnen. Ich kenne ihre Namen, ihre Verstecke, ihre Schwächen. Ich werde ihnen eine Nachricht schicken, die sie nie vergessen werden.“
Er stand auf und half Julian auf die Beine.
Plötzlich vibrierte ein Mobiltelefon auf dem Stahltisch. Es war Julians Telefon.
Julian blickte auf das Display. Die Nummer war unterdrückt.
Elias bedeutet ihm, den Lautsprecher einzuschalten. Julian wischte über den Bildschirm.
„Julian?“, ertönte eine raue, mechanisch verzerrte Stimme aus dem Lautsprecher. „Hör mir genau zu. Wir haben deine Spur nach Rotterdam verfolgt. Die Polizei hat das Gebäude in Den Haag umstellt. Und wir haben die Frau.“
Elias’ Herz setzte einen Schlag aus. „Welche Frau?“, fragte Julian mit brüchiger Stimme.
„Elena“, antwortete die Stimme kalt. „Sie hat den Unfall überlebt. Und wenn du und dein 'Vater' nicht innerhalb von zwei Stunden im alten Steinbruch bei Bad Bentheim seid – mit der Schachtel und den Codes –, werden wir ihr Stück für Stück das Leben austreiben. Und danach holen wir uns dich.“
Das Gespräch wurde abgebrochen.
Elias starrte auf das schwarze Display. Der Steinbruch bei Bad Bentheim. Der Ort, an dem Annas Auto vor acht Jahren über die Klippe gestürzt war. Der Ort, an dem Elias’ erstes Leben endgültig zerbrochen war.
Die Vergangenheit hatte nicht nur an seine Tür geklopft. Sie verlangte den finalen Tribut am Ursprungsort der Lüge.
„Wir können da nicht hin!“, rief Julian panisch. „Das ist eine Falle! Die verbleibende Führungsriege der Organisation erwartet dich dort!“
Elias griff nach seiner Jacke und überprüfte den Magazinstand der Pistole. Seine Züge verhärteten sich wieder zu jenem unerschütterlichen Granit, der einst ganze Kartelle zittern ließ.
„Es ist keine Falle, Julian“, sagte Elias leise. „Es ist eine Einladung zur Schlussrechnung. Und diesmal werde ich nicht das Opfer sein.“



