Die graue Schachtel
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Die graue Schachtel

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Teil 10: Die Flut der Erinnerungen

Das eisige Wasser der Gracht hüllte ihn wie ein schwarzes Leichentuch ein.

Die Kälte war so extrem, dass sie den Sauerstoff in seiner Lunge schlagartig zu gefrieren schien. Elias – oder Viktor – sank tief hinab in den schlammigen Grund. Das dunkle, dreckige Wasser drang in seine Nase und seinen Mund. Der Reflex zu atmen setzte ein, doch sein Verstand wehrte sich verzweifelt.

In der eisigen Tiefe des Wassers verlangsamte sich das Schlagen seines Herzens. Und in diesem Grenzbereich zwischen Leben und Tod schmolzen die beiden Identitäten endlich zusammen.

Er war nicht mehr nur Viktor Kroll, der eiskalte Verbrecher. Er war nicht mehr nur Elias Vermeer, der schüchterne Buchhalter. Er war die Synthese zweier Leben. Ein Mann, der die tiefsten Abgründe des Bösen gekannt hatte, aber durch die Jahre mit Anna die kostbare Würde der Empathie gelernt hatte. Das Experiment von Anna war nicht gescheitert. Es hatte funktioniert – nicht indem es Viktor auslöschte, sondern indem es ihm eine Seele gab.

Ich darf nicht sterben, dachte er. Nicht für mich. Sondern um Julian zu retten. Vor sich selbst.

Mit einer letzten, verzweifelten Kraftanstrengung stieß er sich vom schlammigen Grund der Gracht ab. Seine Kleidung wog zentnerschwer, seine Muskeln krampften vor Kälte, doch der Überlebenswille eines Mannes, der zwei Leben in sich trug, trieb ihn nach oben.

Sein Kopf durchbrach die Wasseroberfläche unterhalb eines alten hölzernen Schiffsanlegers, zweihundert Meter flussabwärts von der Brücke. Er keuchte gierig nach Luft, klatschte mit den Händen gegen die glitschigen Holzpfähle und zog sich millimeterweise aus dem Wasser.

Hustend und spuckend lag er auf den feuchten Planken des Anlegers. Das Blut aus der Wunde an seiner Schläfe mischte sich mit dem Flusswasser. Seine Brille war verschwunden, doch seine Sicht auf die Welt war seltsam scharf geworden. Das Serum hatte seine Sinne geschärft; die kognitiven Fähigkeiten des eisigen Genies Viktor Kroll waren voll da, kombiniert mit der emotionalen Klarheit von Elias.

Er richtete sich langsam auf. Er musste handeln. Julian hatte die Schachtel, aber die Schachtel war leer. Der Inhalt – das Serum – war in Elias’ Blutkreislauf. Doch Julian wusste, dass das Netzwerk noch existierte. Er würde versuchen, die alten Unterschlüpfe von Viktor Kroll in Rotterdam oder Amsterdam aufzusuchen, um mit Hilfe der verbliebenen Loyalisten die Konten zu knacken.

Elias wusste genau, wohin Julian gehen würde. Weil er diese Unterschlüpfe vor dreißig Jahren selbst erbaut hatte.

Zwei Stunden später.

In einem verlassenen Lagerhaus im Industriehafen von Rotterdam. Der Regen peitschte gegen die rostgefressenen Wellblechwände. Im Inneren der riesigen, dunklen Halle brannte nur eine einzige starke Halogenlampe über einem massiven Stahltisch.

Julian stand an dem Tisch. Neben ihm standen drei kräftige Männer in dunklen Mänteln – ehemalige Söldner des alten Kroll-Netzwerks, die Julian mit dem Versprechen auf unermesslichen Reichtum rekrutiert hatte. Auf dem Tisch lag die geöffnete graue Schachtel.

„Es war nichts weiter drin?!“, herrschte einer der Söldner, ein Hüne mit kahlgeschorenem Kopf namens Branko, Julian an. „Wir haben für dich die Zelle geknackt und die Bullen abgelenkt, Junge! Du hast gesagt, in dieser Schachtel liegen die Passwörter zu den Konten in Liechtenstein!“

„Die Passwörter waren im Serum!“, rief Julian verzweifelt. Er durchsuchte die Schachtel immer wieder, wendete das Metall gehetzt hin und her. „Mein Vater hat sich das Serum injiziert! Aber er ist tot! Er ist in die Gracht gestürzt!“

Branko packte Julian am Kragen und hob ihn mühelos ein paar Zentimeter vom Boden ab. Seine Augen blitzten gefährlich. „Du hast uns also mit Märchen gefüttert? Dein alter Herr ist tot und das Geld ist weg?“

„Nein! Warten Sie!“, schrie Julian, die Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Es gibt ein Backupsystem! In den Akten meiner Mutter stand etwas von einem zentralen Server im Hauptquartier in Den Haag...“

„Es gibt kein Backupsystem, Julian.“

Die Stimme erklang aus der tiefen Dunkelheit am Ende der Lagerhalle.

Die drei Söldner und Julian erstarrten. Branko ließ Julian langsam los. Alle vier wendeten sich der Schattengrenze zu.

Ein Mann trat aus dem Dunkeln ins gelbe Licht der Halogenlampe.

Er war nass bis auf die Knochen. Aus der Wunde an seiner Schläfe sickerte getrocknetes Blut. Seine Kleidung war zerrissen, doch er ging aufrecht, mit schwebender, furchteinflößender Anmut. Die Waffe, die er in der rechten Hand hielt – eine schwere Polizeipistole, die er einem niedergeschlagenen Wachtmeister am Bahnhof entwendet hatte – lag so ruhig in seiner Hand, als wäre sie ein Teil seines Arms.

Julian weiteten die Augen. „Du... du lebst?!“

Branko zog seine eigene Waffe, doch bevor er den Lauf heben konnte, ertönte ein Peitschenknall.

Ein Schuss schlug mit chirurgischer Präzision direkt durch Brankos rechte Handfläche. Die Waffe fiel klappernd zu Boden, Branko schrie auf und sank wimmernd auf die Knie.

Die beiden anderen Söldner erstarrten vor Entsetzen. Sie erkannten die eisige Präzision dieses Schusses. Es war die Legende persönlich.

„Viktor...“, flüsterte einer der Söldner mit bleichem Gesicht. „Herr Kroll... Sie sind es wirklich...“

„Lasst die Waffen fallen. Sofort“, sagte der Mann mit einer Stimme, die wie gefrorener Stahl klang.

Die beiden Männer zögerten nicht eine Sekunde. Sie warfen ihre Pistolen auf den Betonboden und traten mit erhobenen Händen zurück. Sie kannten die Geschichten über Viktor Kroll. Man verhandelte nicht mit ihm. Man gehorchte.

Julian starrte den Mann an. Er sah die narbige Stirn, die eisigen Augen, die absolute Kälte der Bewegung.

„Du... du bist jetzt ganz Viktor Kroll“, stammelte Julian, Tränen der Angst traten in seine Augen. „Elias ist tot...“

Der Mann trat bis an den Tisch heran. Er blickte auf die graue Schachtel, dann sah er Julian direkt in die Augen. Und für einen winzigen Augenblick erweichte sich der eisige Blick. Eine unendliche Traurigkeit trat darin hervor.

„Elias ist nicht tot, Julian“, sagte er leise. „Elias ist die Seele, die Viktor gefehlt hat. Und wegen dieser Seele bin ich hier. Nicht um dich zu töten. Sondern um das zu beenden, was deine Mutter begonnen hat.“

Elias hob die Waffe und richtete sie auf die Halogenlampe über dem Tisch.

Mit einem Schuss erlosch das Licht. Die Halle versank in absoluter, tiefster Finsternis.

Ein metallisches Geräusch ertönte, gefolgt von einem dumpfen Knall und dem Schrei von Julian.