Teil 6: Der Weg nach Den Haag
Das Blaulicht schnitt in rhythmischen Wellen durch den Schnee, als Elias die Verwirrung der Rettungskräfte ausnutzte. Während die Sanitäter sich um den schwerverletzten Markus kümmerten und die Polizisten versuchten, die Unfallszene abzusichern, glitt Elias leise in den Schatten der Brückenpfeiler zurück. Der Schock hatte seinen Körper betäubt; die Kälte drang nicht mehr bis zu seinem Bewusstsein vor. Er funktionierte nur noch wie ein Automat.
Er schlich durch den tiefen Schnee des Flussufers, entfernt von der Straße, bis er das Gewerbegebiet am Rande der Kleinstadt erreichte. In seiner Manteltasche fühlte er sein Portemonnaie – er hatte immer Bargeld bei sich. Es reichte, um ein Taxi zur nächsten größeren Zugstation zu bezahlen.
Drei Stunden später saß Elias im Frühmorgenzug nach Amsterdam, mit Umstieg nach Den Haag. Der Waggon war fast leer. Das leblose, graue Licht des ersten Weihnachtstages drang durch die beschlagenen Scheiben. Er saß ganz hinten, das Gesicht im Kragen der geliehenen, zu großen Jacke verborgen, die er in der Bahnhofsmission gekauft hatte. Die graue Schachtel ruhte auf seinem Schoß, verhüllt in einer einfachen Plastiktüte.
Er starrte auf die Gravur an der Unterseite, die er im Licht des Zugabteils genauer untersuchen konnte.
25. Dezember 1971.
Sein Geburtsdatum. Was hatte das zu bedeuten? Anna hatte ihn kennengelernt, als er bereits dreißig Jahre alt war. Wie konnte sie ein Geheimnis besitzen, das bis zu dem Tag seiner Geburt zurückreichte? War seine gesamte Existenz, seine eigene Identität, ebenfalls Teil einer gewaltigen, finsteren Inszenierung?
Der Zug ratterte rhythmisch über die Schienen. Jedes Klacken der Räder schien seinen Namen zu rufen. Elias schloss die Augen und versuchte, sich an seine Kindheit zu erinnern. Seine Eltern waren einfache Leute gewesen – sein Vater ein Tischler aus einem kleinen Dorf in Niedersachsen, seine Mutter eine ruhige Frau, die früh gestorben war. Er hatte keine Geschwister. Keine nahen Verwandten. Ein unscheinbares, geradliniges Leben.
Oder etwa nicht?
Je länger er nachdachte, desto mehr Löcher taten sich in seinen Erinnerungen auf. Warum gab es keine Kinderfotos von ihm vor seinem sechsten Lebensjahr? Seine Eltern hatten immer gesagt, ein Hausbrand habe alle alten Alben zerstört. War das auch eine Lüge gewesen?
Gegen Mittag erreichte der Zug den Hauptbahnhof von Den Haag. Der holländische Winter war feucht und windig; statt Schnee fiel ein finsterer, eiskalter Nieselregen. Elias trat auf den Bahnhofsvorplatz. Die Stadt wirkte an diesem Feiertag wie ausgestorben. Nur wenige Passanten schlichen mit hochgezogenen Schultern über die nassen Straßen.
Er holte einen Zettel aus der Tasche, auf den er die Notiz gekritzelt hatte, die Elena ihm vor ihrer Bewusstlosigkeit flüsternd mitgegeben hatte: Lange Beestenmarkt 42.
Elias nahm die Straßenbahn. Seine Hand umklammerte die Tüte mit der Schachtel so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Er fühlte sich beobachtet. Jeder Fahrgast, der den Kopf drehte, jeder Passant auf der Straße schien ein potenzieller Verfolger zu sein. War Julians Netzwerk bereits hier? Hatte sein Sohn – oder das Phantom, das sich sein Sohn nannte – vorausgeahnt, wohin Elias fliehen würde?
Der Lange Beestenmarkt war eine schmale, historische Gasse im Zentrum von Den Haag. Die alten Backsteinhäuser standen eng aneinandergeschmiegt, mit hohen, schmalen Fenstern und dunklen Holztüren. Die Hausnummer 42 war ein unscheinbares Antiquitätengeschäft im Erdgeschoss. Die Schaufenster waren vollgestopft mit alten Uhren, verstaubten Ölgemälden, Silberbesteck und vergilbten Büchern. Das Schild an der Tür besagte: Gesloten – Geschlossen.
Elias trat in den schmalen Türrahmen, um dem Regen zu entkommen. Er klopfte vorsichtig an das Glas. Keine Reaktion. Er klopfte fester.
Drinnen im dunklen Verkaufsraum bewegte sich etwas. Ein Schatten glitt zwischen den vollgestopften Regalen hindurch. Eine kleine, gebeugte Gestalt näherte sich der Tür. Ein älterer Mann mit einer dicken Brille und einem zerzausten Kranz aus weißem Haar blickte durch die Scheibe.
Als der alte Mann Elias’ Gesicht sah, weiteten sich seine Augen hinter den dicken Gläsern. Seine Hand zitterte, als er das Schloss aufschloss und die Tür einen Spalt breit öffnete.
„Wir haben geschlossen, Meinheer“, sagte der Mann auf Deutsch mit starkem holländischen Akzent.
„Ich... ich suche nach Antworten“, sagte Elias lautlos und zog die graue Schachtel leicht aus der Plastiktüte hervor. „Elena hat mich geschickt. Es geht um Anouk. Anouk van der Meer.“
Der alte Mann erstarrte. Er blickte hastig die leere Straße hinauf und hinab, packte Elias am Ärmel und zog ihn mit überraschender Kraft ins Innere des Ladens. Die Tür wurde sofort wieder abgesperrt und verriegelt.
Der Duft von altem Papier, Bienenwachs und trockenem Holz füllte die Luft. Der Alte atmete schwer.
„Anouk...“, flüsterte er. „Sie ist seit acht Jahren tot.“
„Ich weiß“, antwortete Elias. „Ich war ihr Ehemann. Elias Vermeer.“
Der Antiquar starrte ihn an, als sähe er einen Geist. Er trat einen Schritt zurück, nahm seine Brille ab, wischte sie an der Weste ab und setzte sie wieder auf.
„Elias...?“, fragte er ungläubig. „Du bist Elias?“
„Ja. Kennen Sie mich?“
Der alte Mann stützte sich auf einen Ladentisch. „Ich kenne dich nicht persönlich, Elias. Aber ich kenne deine Stimme aus den Aufnahmen. Und ich kenne dein Gesicht von den Dokumenten, die Anouk vor dreißig Jahren hier hinterlegt hat.“
Elias’ Herz schlug ihm bis zum Hals. „Was für Dokumente?“
Der Mann antwortete nicht direkt. Er ging zu einer schweren Eichentür im Hinterraum des Ladens, bedeutete Elias zu folgen und führte ihn in ein kleines, von Kerzenlicht erleuchtetes Arbeitszimmer. An den Wänden hingen hunderte alte Fotografien.
Der Alte zeigte auf ein Foto im Schwarz-Weiß-Format, das in einem schlichten Holzrahmen an der Wand hing. Es stammte aus den 1970er Jahren.
Elias trat näher. Auf dem Foto war ein junger Mann zu sehen, der in einem Laborstuhl saß. An seinen Schläfen waren Elektroden befestigt. Neben ihm stand eine Frau im weißen Arztkittel.
Elias fühlte, wie das Blut in seinen Ohren rauschte. Der junge Mann auf dem Foto... das war er selbst. Als Zwanzigjähriger.
Doch das Schrecklichste war die Frau im Arztkittel. Es war keine Fremde. Es war eine junge Version von Anna.
„Was... was ist das?“, stammelte Elias, der Verstand drohte ihm zu schwinden. „Anna war Kunstlehrerin! Warum... warum trägt sie da einen Kittel? Warum bin ich da drauf?“
Der alte Antiquar blickte ihn voller tiefem, unendlichem Mitleid an.
„Anouk war keine Kunstlehrerin, Elias. Und sie hat dich nicht kennengelernt, als du dreißig warst. Sie war die Leiterin des 'Janus-Projekts' im holländischen Geheimdienst. Einem Projekt zur Wiederherstellung und Veränderung von menschlichen Erinnerungen.“
Der Mann trat ganz nah an Elias heran und legte seine zitternde Hand auf dessen Schulter.
„Du hast nie ein normales Leben gehabt, Elias. Deine Erinnerungen an deine Kindheit, an deine Eltern, an dein ganzes Leben vor 1990... sie existieren nicht. Sie wurden dir von Anouk eingesetzt. Du warst nicht ihr Ehemann, Elias. Du warst ihr Versuchsobjekt Nummer Eins.“
Elias taumelte zurück. Der Raum drehte sich um ihn. Die graue Schachtel glitt aus seinen Händen und schlug mit einem dumpfen Dröhnen auf dem hölzernen Dielenboden auf.
Und in diesem Augenblick – durch den Erschütterungsimpuls des Aufpralls – klickte etwas im Inneren der Schachtel. Ein leises, mechanisches Surren setzte ein. Der Daumenabdruck-Sensor auf der Unterseite begann in einem unheimlichen, tiefen Blau zu leuchten.



