Die graue Schachtel
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Die graue Schachtel

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Teil 12: Der Riss in der Realität

Der alte Steinbruch bei Bad Bentheim lag stumm und bedrohlich unter dem dichten Nebel der Winternacht. Die steilen Sandsteinwände ragten wie gigantische, schwarze Zähne in den verregneten Himmel. Am Grund des Steinbruchs sammelte sich ein tiefes, tiefschwarzes Wasserbecken – genau die Stelle, an der vor acht Jahren der Wagen von Anna gefunden worden war.

Zwei schwarze Limousinen standen mit brennenden Scheinwerfern am Ufer des Beckens. Das grelle Licht schnitt durch den Nebel und erhellte die Gestalt einer Frau, die an einen dicken Holzpfahl gebunden war. Elena. Ihr Gesicht war blass, eine Platzwunde blutete an ihrer Schläfe, doch ihre Augen brannten vor unnachgiebigem Trotz.

Vor ihr standen vier bewaffnete Männer in schweren Ledermänteln. An der Spitze der Gruppe stand ein Mann Ende fünfzig mit schütterem, grauem Haar und einem maßgeschneiderten Anzug unter dem Mantel. Es war Dr. Heinrich Voss – der ehemalige Chefchirurg des Janus-Projekts und einst rechte Hand von Viktor Kroll.

Ein leises Knirschen von Kies kündigte die Ankunft der Besucher an.

Aus dem Nebel traten zwei Gestalten hervor. Elias und Julian.

Elias trug einen langen, dunklen Mantel. Er ging ohne jede Hast, die Hände tief in den Taschen vergraben. Julian folgte ihm einen Schritt dahinter, die graue Schachtel offen in seinen Händen tragend.

Voss lächelte – ein breites, falsches Lächeln, das seine Goldzähne entblößte.

„Willkommen zu Hause, Viktor“, rief Voss über das Rauschen des Nebelregens hinweg. „Oder sollte ich Herr Vermeer sagen? Ich muss gestehen, Anouks kleines Experiment hat dich erstaunlich lange frisch gehalten.“

Elias blieb zehn Meter vor der Gruppe stehen. Sein Blick glitt kurz zu Elena, die leicht nickte, um zu signalisieren, dass sie durchhalten würde. Dann fixierte er Voss.

„Lass die Frau gehen, Heinrich“, sagte Elias mit jener tiefen, vibrierenden Stimme, die Voss seit dreißig Jahren nicht mehr gehört hatte. „Du hast bekommen, was du wolltest. Ich bin hier.“

Voss’ Lächeln verblasste leicht. Er spürte sofort, dass der Mann vor ihm kein gebrochener Buchhalter mehr war. Die Aura von Kroll war im Raum.

„Nicht so schnell, alter Freund“, sagte Voss und klatschte leise in die Hände. „Wir wollen alle das Gleiche. Die vier Milliarden auf den Liechtensteiner Konten. Julian hat uns erzählt, dass du das Serum injiziert hast. Das bedeutet, die Zugangsdaten sind wieder in deinem Kopf.“

„Sie sind in meinem Kopf“, bestätigte Elias ruhig. „Und sie werden dort auch bleiben, bis Elena in Sicherheit ist.“

„Glaubst du wirklich, du bist in der Position zu verhandeln?“, lachte Voss. Er zog eine kleine, silberne Fernbedienung aus der Tasche. „Unter Elenas Stuhl liegt eine Ladung C4. Ein Druck auf diesen Knopf, und sie wird zusammen mit dem Steinbruchwasser in die Luft gejagt. Gib mir die Transaktionsnummern, Viktor! Jetzt!“

Julian trat einen Schritt vor. „Voss! Bitte! Ich habe Ihnen die Schachtel gebracht! Lassen Sie uns das unblutig beenden!“

„Halt den Mund, Junge!“, zischte Voss. „Du bist nur der Bastard eines Experiments! Du hast hier gar nichts zu melden!“

Elias sah Voss lange an. Dann tat er etwas, womit niemand gerechnet hatte. Er begann leise zu lachen.

Es war kein irres Lachen, sondern das kalte, spöttische Lachen eines Schachmeisters, der seinen Gegner in fünf Zügen mattgesetzt hat.

„Was ist so komisch?!“, herrschte Voss ihn an, seine Hand krampfte um die Fernbedienung.

„Du warst schon immer ein schlechter Arzt, Heinrich“, sagte Elias und trat noch einen Schritt näher. „Und ein noch schlechterer Strategist. Du glaubst wirklich, Anouk hätte diese Schachtel gebaut, um das Geld zu verstecken?“

Voss verengte die Augen. „Was redest du da?“

„Anouk hat die Schachtel nicht gebaut, um das Vermögen zu sichern“, erklärte Elias leise. „Sie hat sie als Köder gebaut. Für den Tag, an dem die Gierigen der Organisation versuchen würden, das Erbe zu stehlen.“

Elias zog seine rechte Hand aus der Manteltasche. Er hielt kein Gewehr. Er hielt ein kleines, schwarzes Steuergerät mit einem leuchtenden roten Schalter.

„Als ich das Serum injiziert bekam, sind nicht nur die Erinnerungen an die Konten zurückgekehrt“, sagte Elias. „Sondern auch die Erinnerung daran, was Anouk vor ihrem Tod getan hat. Sie hat die Liechtensteiner Konten bereits vor acht Jahren aufgelöst.“

Voss wurde bleich. „Was?! Das ist unmöglich!“

„Das Geld existiert nicht mehr, Heinrich“, fuhr Elias fort. „Anouk hat alle vier Milliarden in einen globalen Treuhandfonds für die Opfer der Organisation eingezahlt. Was auf den Servern in Liechtenstein liegt, ist kein Vermögensspeicher. Es ist ein digitaler Selbstzerstörungs-Virus. Sobald jemand versucht, mit meinen alten Passwörtern darauf zuzugreifen, löscht er sämtliche Konten und verdeckten Identitäten des gesamten Netzwerks weltweit.“

Ein Schockwelle ging durch die Männer von Voss. Sie blickten sich unsicher um. Ihr ganzer Traum von unermesslichem Reichtum zerfiel in diesen wenigen Sekunden zu Staub.

„Du lügst!“, schrie Voss, von Raserei gepackt. „Du blaffst nur!“

„Probier es aus“, sagte Elias eiskalt. „Aber vorher solltest du wissen, was dieses Steuergerät in meiner Hand macht.“

Elias hob das schwarze Gerät.

„Die Detonationen, die du vorbereitet hast, Heinrich... Anouk hat den Steinbruch vor acht Jahren mit ihren eigenen Ladungen präpariert. Um Spuren zu verwischen. Wenn ich diesen Schalter drücke, stürzt die gesamte Nordwand des Steinbruchs ein. Das Wasser wird uns alle verschlingen.“

Voss starrte Elias an. Er sah keine Furcht in den Augen seines ehemaligen Chefs. Er sah einen Mann, der bereit war, den Tod zu umarmen, um dem Bösen ein Ende zu setzen.

„Du bist verrückt...“, flüsterte Voss. „Du bist völlig wahnsinnig geworden...“

In diesem Augenblick schnappte sich Julian die graue Schachtel und warf sie mit aller Kraft direkt in das Gesicht von Voss.

Die schwere Schachtel traf Voss voll an der Nase. Der Arzt schrie auf, verlor das Gleichgewicht und ließ die Fernbedienung fallen.

„Jetzt, Elias!“, schrie Elena.

Elias zögerte nicht. Er stürzte nach vorne, hebelte mit einer schnellen Bewegung den ersten Söldner aus und riss die Waffe aus dessen Händen. Schüsse peitschten durch die Nacht, Blitze erhellten den Nebel, als der finale Kampf im Steinbruch entbrannte.