Teil 7: Das Janus-Projekt
Das blaue Licht des Sensors warf lange, unheimliche Schatten an die Wände des verstaubten Hinterzimmers. Das mechanische Surren aus dem Inneren der grauen Schachtel klang wie das Ticken einer Zeitbombe. Elias stand da, unfähig sich zu bewegen, als hätte die Enthüllung des alten Antiquars sein gesamtes Rückgrat gebrochen.
„Versuchsobjekt...“, wiederholte Elias mit tonloser Stimme. Das Wort schmeckte wie Gift auf seiner Zunge. „Das ist absurd. Das ist eine krankhafte Fantasie! Ich erinnere mich an meine Kindheit! Ich erinnere mich an das Haus meiner Eltern in Niedersachsen! Der alte Apfelbaum im Garten... der Geruch von Omas Apfelkuchen...“
Der alte Mann – er hatte sich als Piet vorgestellt, ein ehemaliger Archivarshelfer des Dienstes – schüttelte traurig den Kopf.
„Das sind Standard-Erinnerungsbausteine, Elias. Modul 4: 'Ländliche Idylle'. Jeder Proband des Janus-Projekts bekam ähnliche Kindheitsmuster eingepflanzt. Sie wurden entwickelt, um ein stabiles, emotionales Fundament zu schaffen, wenn die ursprüngliche Identität gelöscht wurde.“
„Warum?!“, schrie Elias nun. Er packte Piet an den Revers seiner Weste. Die Wut, die Verzweiflung, die fundamentale Angst vor der Auflösung seines eigenen Ichs rissen ihn hinrunden. „Warum sollte jemand so etwas tun? Wer war ich wirklich vor 1990?!“
Piet weichte dem Blick nicht aus, obwohl sein kleiner Körper unter Elias’ Griff zitterte. „Du warst Viktor Kroll, Elias.“
Elias ließ los. Seine Hände fielen schlaff an seinen Seiten herab. Er schüttelte langsam, fast unmerklich den Kopf.
„Nein...“, flüsterte er. „Nein. Julian ist der Sohn von Viktor Kroll. Du hast vorhin gesagt... Elena hat gesagt, Kroll war der Kopf der Verbrecherorganisation!“
„Viktor Kroll war der Gründer des Netzwerks“, korrigierte ihn Piet leise. „Ein brillanter, aber skrupelloser Mann. 1989 erlitt er bei einem Anschlag schwerste Gehirnverletzungen. Er lag im Koma. Die Organisation wollte ihn tot sehen, um die Macht zu übernehmen. Doch Anouk – deine spätere 'Anna' – war die führende Neurowissenschaftlerin des Dienstes. Sie entführte Kroll aus dem Krankenhaus.“
Piet trat zum Tisch und schlug ein abgegriffenes, mit braunem Leder gebundenes Buch auf.
„Anouk glaubte, dass kein Mensch unrettbar böse sei. Sie wollte beweisen, dass man durch das Auslöschen von traumatischen und gierigen Erinnerungsmustern und das Einsetzen von Empathie und Sanftmut eine vollkommen neue, gute Seele erschaffen kann. Sie benutzte Kroll für ihr Wagemutiges Experiment. Sie löschte die Identität von Viktor Kroll komplett aus. Und erschuf... Elias Vermeer. Einen friedlichen, bescheidenen Buchhalter.“
Elias taumelte zu einem Stuhl und sank darauf zusammen. Die Welt um ihn herum verlor jeden Halt.
Er war nicht der Betrogene. Er war das Phantom. Er war nicht der friedliche Steuerberater, der zufällig in diese Verschwörung geraten war. Er war die Quelle des Übels. Das ursprüngliche Monster, dem man die Zähne gezogen und ein Schafsfell übergezogen hatte.
„Und Julian...?“, fragte Elias mit tränenerstickter Stimme. „Wenn ich Kroll war... dann ist Julian...“
„Julian ist dein leiblicher Sohn“, sagte Piet sanft. „Aus deinem früheren Leben als Viktor Kroll. Als Anouk dich umgewandelt hat, war Julian noch ein Kleinkind. Sie nahm das Kind mit, fälschte seine Papiere und gab es dir als dein Stiefkind zurück, damit das Familienszenario perfekt war. Aber Julian hatte die Gene seines Vaters. Die Gier, den Ehrgeiz, die Skrupellosigkeit. Als er vor einigen Jahren zufällig auf alte Unterlagen stieß, entdeckte er, wer sein Vater wirklich war. Er glaubte, Kroll sei tot oder verschollen – er ahnte nicht, dass der alte, schüchterne Mann, den er seinen 'Stiefvater' nannte, in Wahrheit der verhasste, mächtige Viktor Kroll selbst war!“
Ein schreckliches Lachen entwich Elias’ Kehle. Es klang gebrochen, fast wahnsinnig.
Julian suchte das Erbe seines Vaters. Er jagte einem Phantom nach – und die Person, die er bedrohte, die er töten wollte, war der Vater selbst, verwandelt in einen gebrechlichen, alten Mann!
„Und die Schachtel?“, fragte Elias und blickte auf das blaue Leuchten, das langsam intensiver wurde. „Was ist in dieser Schachtel?“
„Deine echten Erinnerungen“, sagte Piet leise. „Die vollständigen Datensätze von Viktor Kroll. Die Passwörter zu den Konten, die Namen der Netzwerk-Mitglieder... aber auch das Bewusstsein dessen, wer du früher warst. Anouk hat sie verschlossen. Sie wusste, dass das Experiment gefährlich war. Sie wusste, dass die Vergangenheit dich irgendwann einholen würde. Sie hat das Schloss so programmiert, dass es nur durch deine ursprüngliche, unkoordinierte DNA – aktiviert durch den Todesstress oder ein tiefes Trauma – geöffnet werden kann.“
Plötzlich ertönte von draußen ein lautes, splitterndes Geräusch.
Die Glasscheibe des Antiquitätengeschäfts wurde von außen zertrümmert. Eiskalter Wind und der Lärm von stiefelnden Schritten drangen in den Laden.
„Sie sind hier!“, schrie Piet erschrocken.
Elias sprang auf. Durch die halbgeöffnete Tür des Hinterzimmers sah er zwei schwarz gekleidete Männer mit Sturmgewehren in den Verkaufsraum eindringen. Hinter ihnen trat eine Gestalt ins Licht der Straßenlaternen.
Julian.
Er trug einen dunklen Ledermantel, seine Züge waren hart wie Granit. Er hielt eine Pistole mit Schalldämpfer im Anschlag.
„Vater!“, rief Julian durch den Laden, seine Stimme dröhnte von den Holzwänden wider. „Ich weiß, dass du hier bist! Der Antiquar war ein bekannter Kontakt von Mutter. Es gibt kein Versteck mehr!“
Piet drückte Elias gegen eine geheime Wandtür hinter einem großen Bücherschrank. „Schnell! Durch den Hinterausgang! Der Weg führt in die Grachten!“
„Und Sie?“, fragte Elias panisch.
„Ich bin alt, Elias. Mich interessieren sie nicht. Sie wollen nur dich und die Schachtel!“ Piet stieß ihn durch die Öffnung und zog den Schrank wieder zu.
Elias stolperte durch einen dunklen, feuchten Gang nach draußen. Der eiskalte Regen klatschte auf sein Gesicht. Er befand sich in einer schmalen Gasse direkt an einer der vielen Grachten von Den Haag. Das dunkle, fast schwarze Wasser glitzerte unheimlich im schwachen Licht der Straßenlaternen.
Er hörte Schüsse im Inneren des Ladens. Einen dumpfen Schrei. Piet.
„Nein!“, flüsterte Elias, Tränen mischten sich mit dem Regenwasser auf seinen Wangen.
Er rannte die Gracht entlang, die graue Schachtel fest an seine Brust gepresst. Das blaue Licht des Sensors pulsierte nun in einem raschen Herzschlag-Rhythmus. Ein leises Klacken ertönte.
Der Deckel der Schachtel sprang einen Zentimeter weit auf.
Elias blieb unter der Bogenbrücke stehen. Seine Zitternden Finger griffen nach dem Rand des Deckels. Er hob ihn an.
Darin lag keine Festplatte, kein Geld, kein Gold. Darin lag eine kleine, silberne Injektionsspritze, gefüllt mit einer leuchtend blauen Flüssigkeit, und ein alter, abgewetzter Diktiergerät-Kassettenrekorder mit einer eingelegten Bandkassette.
Auf der Kassette stand mit Annas Handschrift geschrieben: „Wenn du dies hörst, Elias... musst du entscheiden, wer du sein willst. Der Mann, den ich geliebt habe... oder das Monster, das ich zerstört habe.“
Elias hob die Kassette an – doch bevor er den Play-Knopf des kleinen Geräts drücken konnte, schoss ein roter Laserpunkt über das Gehäuse der Schachtel und blieb direkt auf seiner Brust stehen.
Aus dem Schatten der Brücke trat Julian hervor. Die Waffe auf Elias gerichtet.
„Endstation, Papa“, sagte Julian mit einem eiskalten Lächeln. „Gib mir die Spritze. Sie enthält den Zugangscode zu den Konten. Und dann... verabschiede dich von deinem falschen Leben.“



