Die graue Schachtel
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Die graue Schachtel

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Teil 13: Das Letzte Opfer

Das Echo der Schüsse dröhnte von den steilen Sandsteinwänden des Steinbruchs wider wie Donnergrollen. Das Wasser des tiefen Beckens peitschte auf, als verirrte Kugeln die Oberfläche trafen.

Elias bewegte sich mit der tödlichen Präzision, die Viktor Kroll einst zum gefürchtetsten Mann des Untergrunds gemacht hatte, doch getrieben von der schützenden Liebe von Elias Vermeer. Er feuerte zwei gezielte Schüsse ab. Die beiden Söldner an Voss’ Seite brachen zusammen, bevor sie ihre Waffen vollständig ausrichten konnten.

Voss, dem Blut aus der gebrochenen Nase lief, krabbelte panisch über den feuchten Kies, um nach der herausgefallenen Fernbedienung zu greifen.

„Julian! Hol Elena!“, schrie Elias, während er Voss den Weg abschnitt.

Julian hechtete durch das Mündungsfeuer zum Holzpfahl, zog ein Taschenmesser aus der Tasche und begann gehetzt die dicken Stricke durchzuschneiden, die Elena gefesselt hielten.

Voss bekam die Fernbedienung zu fassen. Sein Gesicht verzog sich zu einer fratzenhaften Maske aus purem Hass. „Wenn ich nicht reich werde, stirbt hier niemand als Sieger!“, brüllte er und drückte auf den roten Knopf.

Ein tiefes, Erschütterndes Grollen fuhr durch das Fundament des Steinbruchs.

Nicht Elenas Stuhl explodierte – Elias hatte die Sprengladung bereits vor dreißig Minuten entschärft, als er heimlich den Steinbruch erkundet hatte. Doch Anouks alte Sprengladungen in den tiefen Felsspalten der Nordwand zündeten.

Ein ohrenbetäubender Knall riss die Stille der Nacht auf. Risse frassen sich in rasender Geschwindigkeit durch den Sandstein über ihnen. Tonnenschwere Felsbrocken lösten sich aus der Wand und stürzten mit gewaltiger Macht in das Wasserbecken. Eine riesige Flutwelle aus eiskaltem Wasser und Schlamm schoss über das Ufer.

„Die Wand stürzt ein! Runter von hier!“, brüllte Elias.

Julian schnitt den letzten Strick durch. Elena sackte zusammen, doch Julian fing sie auf und stützte sie. Gemeinsam rannten sie auf den schmalen Ausstiegsweg zu, der aus dem Steinbruch herausführte.

Voss richtete sich auf, von Wahn gepackt. Er zog eine versteckte Derringer-Pistole aus dem Ärmel und zielte auf den Rücken von Julian.

„Wenn dein Vater mich ruiniert hat, bezahlt der Sohn!“, schrie Voss.

Elias sah die Bewegung im Augenwinkel. Die Zeit schien sich für ihn zu verlangsamen. Er sah die Waffe in Voss’ Hand. Er sah Julians ahnungslosen Rücken, wie er Elena die Böschung hinaufschleppte.

In diesem Sekundenbruchteil gab es keinen Zweifel mehr. Keine Abwägung zwischen Viktor Kroll und Elias Vermeer. Es gab nur die Pflicht eines Vaters.

Elias warf sich zwischen die Waffe und seinen Sohn.

Der Schuss knallte.

Die Kugel traf Elias mitten in die Brust. Der Aufprall war wie ein Hieb mit einem Vorschlaghammer. Er taumelte zurück, doch er stürzte nicht. Mit einer letzten, übermenschlichen Anstrengung packte er Voss am Revers seines Mantels und riss den kreischenden Arzt mit sich rückwärts über die Kante der Uferböschung.

Gemeinsam stürzten sie in das tobende, schwarze Wasser des Beckens, genau in dem Moment, als ein gigantischer Felsblock aus der Nordwand herabstürzte und die Stelle, an der sie lagen, mit tonnenschwerem Gestein begrub.

„PAPA!“, schrie Julian. Der Schrei riss ihm die Kehle auf.

Er wollte zurückstürzen, wollte mit blassen Händen die Steine wegräumen, doch Elena packte ihn mit aller Kraft am Arm.

„Nein, Julian! Es ist zu spät! Der ganze Hang kommt herunter!“, rief sie unter Tränen. „Er hat sein Leben gegeben, damit du lebst! Geh!“

Ein zweiter Hangrutsch begrub die Scheinwerfer der Limousinen. Die Dunkelheit schluckte den Steinbruch. Julian ließ sich von Elena die Böschung hinaufziehen, während hinter ihnen der Steinbruch von Bad Bentheim zu einem ewigen Grab aus Wasser und Stein wurde.

Die Geräusche des Einsturzes verhallten langsam. Nur das Rauschen des Regens blieb zurück.

Unter den Trümmern, tief im kalten, dunklen Wasser, lag Elias.

Das Wasser füllte seine Lungen, der Schmerz in seiner Brust verblasste langsam zu einer tauben Gefühllosigkeit. Seine Augen waren offen, blickten durch das schwarze Nass hinauf in den Nachthimmel, wo die Wolken für einen winzigen Moment aufgerissen waren und ein einziger, hell glänzender Stern sichtbar wurde.

In seinen letzten Zügen stiegen Bilder vor seinem geistigen Auge auf.

Nicht das Penthouse in Zürich. Nicht die Gewalttaten von Viktor Kroll.

Er sah Anna. Sie stand an einem weiten, sonnenbeschienenen Strand, der Wind blies ihr das blonde Haar ins Gesicht, und sie streckte die Hand nach ihm aus.

„Du hast es geschafft, Elias“, hörte er ihre Stimme in seinem Geist. „Du bist als der Mann gestorben, den ich geliebt habe.“

Ein friedliches Lächeln stahl sich auf die Lippen des sterbenden Mannes. Elias Vermeer schloss die Augen.

Das Monster war tot. Der Buchhalter war heimgekehrt.