TEIL 7 — MEIN VATER WAR NOCH AM LEBEN
Ich starrte auf das Foto meiner Kinder.
Sie schliefen in ihren Betten.
Jemand stand im Hintergrund.
Eine dunkle Gestalt.
Mein Herz raste.
„Wo sind die Kinder?“, fragte Emily.
„Zu Hause.“
Nora nahm mir das Telefon aus der Hand.
Sie sah das Bild an und wurde blass.
„Das ist kein altes Foto.“
„Woher weißt du das?“
„Schau auf die Uhr.“
Oben rechts war die aktuelle Zeit eingeblendet.
Das Foto war vor wenigen Minuten aufgenommen worden.
„Wir müssen sofort zurück.“
Emily schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Meine Kinder sind dort!“
„Genau deshalb darfst du nicht einfach zurückgehen.“
Ich packte sie an den Schultern.
„Das sind meine Kinder.“
„Und Meridian weiß das.“
Nora unterbrach uns.
„Es gibt noch eine Möglichkeit.“
„Welche?“
„Wir finden deinen Vater.“
Ich sah sie an.
„Er hat mich gerade angerufen.“
„Dann weiß er, dass Meridian deine Kinder hat.“
„Vielleicht steckt er dahinter.“
Nora schwieg.
Emily sagte leise:
„Dein Vater hätte deine Kinder niemals gefährdet.“
„Du kennst ihn?“
Sie sah zu Boden.
„Ja.“
Ich erstarrte.
„Woher?“
„Bevor ich dich kennengelernt habe, kannte ich deinen Vater.“
„Warum hast du mir das nie gesagt?“
„Weil er mir verboten hatte, deinen Namen zu erwähnen.“
„Warum?“
Emily antwortete:
„Weil du nicht zufällig ausgewählt wurdest.“
Ich verstand nichts.
„Was bedeutet das?“
„Dein Vater wusste, dass Meridian eines Tages nach dir suchen würde.“
Nora öffnete ihren Laptop.
„Wir müssen herausfinden, woher der Anruf kam.“
Nach wenigen Minuten erschien eine Adresse.
Ich kannte den Ort.
Ein altes Krankenhaus außerhalb der Stadt.
„Warum sollte mein Vater dort sein?“
Emily flüsterte:
„Weil er dort gearbeitet hat.“
Wir fuhren sofort los.
Das Krankenhaus stand seit Jahren leer.
Die Fenster waren zerbrochen.
Die Eingangstüren standen offen.
Wir gingen hinein.
An der Wand hingen alte Bilder.
Ärzte.
Krankenschwestern.
Patienten.
Dann blieb Emily stehen.
Sie zeigte auf ein Foto.
Mein Vater.
Neben ihm standen drei Männer.
Einer davon war Victor.
Der zweite war mir unbekannt.
Der dritte…
Ich erkannte ihn sofort.
Mein Vater hatte ihn auf einem Familienfoto vor Jahren markiert.
Samuel Reed.
Mein Onkel.
Der Mann, der angeblich vor meiner Geburt gestorben war.
„Das ist unmöglich“, sagte ich.
Nora sah mich an.
„Warum?“
„Weil mein Vater mir erzählt hat, Samuel sei bei einem Unfall ums Leben gekommen.“
Emily flüsterte:
„Er lebt.“
Hinter uns ertönte ein Geräusch.
Wir drehten uns um.
Ein Mann stand am Ende des Flurs.
Er war älter geworden.
Sein Haar war grau.
Aber ich erkannte seine Augen.
Mein Vater.
„Papa?“
Er blieb stehen.
Ich ging auf ihn zu.
Dann blieb ich plötzlich stehen.
Ich konnte nicht entscheiden, ob ich ihn umarmen oder schlagen wollte.
„Du bist am Leben.“
Er nickte.
„Ja.“
„Vierzehn Jahre lang habe ich geglaubt, du bist tot.“
„Ich musste verschwinden.“
„Und meine Mutter?“
„Sie musste ebenfalls verschwinden.“
„Und Emily?“
Er sah sie an.
„Sie hat versucht, dich zu schützen.“
Ich zeigte auf Nora.
„Und sie?“
Mein Vater sah sie lange an.
„Nora ist die Einzige, der du im Moment vertrauen kannst.“
Mein Magen zog sich zusammen.
Die Nachricht auf dem Foto.
Vertraue niemals dem Mann, der dich beschützt.
Ich sah meinen Vater an.
„Dann bist du also der Mann, der mich beschützt.“
Er antwortete nicht.
„Papa.“
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich habe dich dein ganzes Leben lang beschützt.“
„Aber du hast mich belogen.“
„Ja.“
„Warum?“
Er trat näher.
„Weil deine Geburt kein Zufall war.“
Ich verstand die Worte nicht.
„Was soll das heißen?“
Er sah Emily an.
Dann Nora.
„Meridian hat dich seit deiner Geburt beobachtet.“
„Warum?“
Mein Vater legte seine Hand auf meine Schulter.
„Weil deine Mutter und ich nicht deine biologischen Eltern sind.“
Die Welt schien stehen zu bleiben.
„Was?“
Emily begann zu weinen.
„Daniel…“
Ich wich zurück.
„Wer bin ich?“
Mein Vater antwortete:
„Das wissen wir nicht.“
„Was?“
„Wir wissen nur, dass deine DNA mit einem Projekt verbunden ist, das Meridian vor mehr als dreißig Jahren gestartet hat.“
Plötzlich ging im gesamten Gebäude das Licht an.
Mein Vater sah zur Decke.
„Sie haben uns gefunden.“
Nora zog ihre Waffe.
„Wie viele?“
Mein Vater antwortete:
„Zu viele.“
Dann ertönte eine Stimme aus den Lautsprechern.
Victor.
„Daniel.“
Eine Pause.
„Du wolltest wissen, wer du bist.“
Dann erschien auf einem Bildschirm vor uns ein altes Dokument.
Oben stand:
MERIDIAN — SUBJECT 001.
Darunter war ein Name.
Meiner.
Ich konnte nicht mehr atmen.



