TEIL 11 — DER GRÜNDER VON MERIDIAN
Der Mann stand nur wenige Meter entfernt.
Ruhig.
Fast freundlich.
Ich hatte ihn seit meiner Kindheit gekannt.
Er hatte mir Bücher geschenkt.
Er hatte mir bei meinen Hausaufgaben geholfen.
Er war bei meiner Hochzeit gewesen.
Und jetzt wusste ich, dass er der Mann war, vor dem mein Vater mich mein ganzes Leben lang versteckt hatte.
„Du hast mich beobachtet.“
Er nickte.
„Seit deiner Geburt.“
„Warum?“
„Weil du wertvoll bist.“
Victor hob seine Waffe.
„Lass ihn gehen.“
Der Mann lachte.
„Du beschützt ihn immer noch.“
„Ja.“
„Obwohl er dein Sohn ist?“
Ich sah Victor an.
Er sagte nichts.
Mein Vater trat vor.
„Du bekommst ihn nicht.“
Der Mann sah meinen Vater an.
„Du hast immer geglaubt, du könntest mich besiegen.“
„Vielleicht nicht heute.“
„Heute schon.“
Er schnippte mit den Fingern.
Zwei Männer erschienen.
Sie hielten meine Kinder.
Ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.
„Lass sie frei.“
„Gib mir den echten Schlüssel.“
„Ich habe ihn nicht.“
„Doch.“
Er zeigte auf mich.
„Du hast ihn.“
Ich verstand nicht.
Er sagte:
„Der Schlüssel ist nicht aus Metall.“
Dann zeigte er auf meinen Kopf.
„Er ist in dir.“
Mein Vater schloss die Augen.
Ich erinnerte mich an seine Worte.
Etwas wurde in deiner DNA versteckt.
Aber ich wusste nicht wie.
Der Mann kam näher.
„Deine Mutter hat die Daten nicht auf einen Computer übertragen.“
„Wo dann?“
„In deine genetische Struktur.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das ist unmöglich.“
„Nicht für Elena.“
Nora trat vor.
„Das ist wissenschaftlich absurd.“
Der Mann lächelte.
„Vielleicht.“
Dann sah er sie an.
„Aber du hast die Berechnungen selbst gesehen.“
Nora wurde blass.
Ich sah sie an.
„Was meint er?“
Sie antwortete:
„Ich habe vor Monaten eine Datei gefunden.“
„Welche?“
„Eine genetische Sequenz.“
„Und?“
„Sie entsprach deiner DNA.“
Ich konnte kaum atmen.
Mein Körper war also der Tresor.
Mein Leben war der Schlüssel.
Plötzlich hörte ich einen lauten Knall.
Die Lichter gingen aus.
Victor hatte geschossen.
Chaos brach aus.
Ich rannte zu meinen Kindern.
Mein Vater kämpfte gegen einen der Männer.
Emily zog den zweiten zu Boden.
Nora öffnete eine Tür.
„Hier!“
Wir rannten.
Dann spürte ich einen Schmerz in meinem Arm.
Ich fiel.
Victor stand über mir.
„Daniel!“
„Was ist passiert?“
„Du wurdest getroffen.“
Ich sah Blut.
„Meine Kinder?“
„Sie sind draußen.“
„Und Emily?“
„Bei ihnen.“
Ich wollte aufstehen.
Victor hielt mich zurück.
„Du musst mir zuhören.“
„Was?“
Er beugte sich zu mir.
„Dein Vater hat dir nicht nur einen falschen Schlüssel gegeben.“
„Was dann?“
„Er hat auch deine Erinnerungen verändert.“
Ich erstarrte.
„Was?“
„Du erinnerst dich nicht an deine Kindheit.“
„Doch.“
„Nicht an alles.“
Dann zog Victor ein kleines Gerät aus seiner Tasche.
„Elena hat gewusst, dass Meridian dich eines Tages finden würde.“
„Was hat sie getan?“
„Sie hat deine Erinnerungen verschlüsselt.“
„Warum?“
„Damit niemand dich zwingen konnte, die Wahrheit zu verraten.“
Ich sah ihn an.
„Wie kann ich mich erinnern?“
Victor hielt das Gerät an meine Schläfe.
„Indem du dich entscheidest, ob du die Wahrheit wirklich wissen willst.“
Ich nickte.
Das Gerät begann zu summen.
Plötzlich sah ich Bilder.
Meine Mutter.
Mein Vater.
Victor.
Ein Labor.
Ein Baby.
Dann hörte ich die Stimme meiner Mutter.
„Wenn du dich daran erinnerst, bedeutet das, dass Meridian dich gefunden hat.“
Ein weiteres Bild.
Ich war vielleicht sechs Jahre alt.
Meine Mutter kniete vor mir.
Sie weinte.
„Daniel, du darfst niemals deinem Beschützer vertrauen.“
Ich sah Victor.
Dann meinen Vater.
Doch dann erschien ein drittes Bild.
Meine Mutter sprach mit jemandem.
Nicht mit Victor.
Nicht mit meinem Vater.
Mit meiner Tante.
Und meine Mutter sagte:
„Wenn mir etwas passiert, vertraue ich nur ihr.“
Ich öffnete die Augen.
„Meine Tante.“
Victor nickte.
„Ja.“
„Sie war auf unserer Seite.“
„Lange Zeit.“
„Was ist passiert?“
Victor sah mich ernst an.
„Sie hat Meridian nie verraten.“
Ich verstand.
Meine Tante hatte meine Kinder.
Sie hatte uns in eine Falle gelockt.
Und meine Mutter hatte ihr vertraut.
Victor sagte:
„Sie war von Anfang an der Verräter.“
In diesem Moment erhielt Nora eine Nachricht.
Sie las sie.
Dann sah sie mich an.
„Daniel…“
„Was?“
„Deine Tante hat die Kinder nicht.“
„Wer dann?“
Nora drehte ihr Telefon zu mir.
Auf dem Bildschirm stand nur ein Satz:
„ICH HABE SIE.“
Darunter war eine Signatur.
EMILY.



