TEIL 6 — DER MANN, DER MICH BESCHÜTZTE
Ich starrte auf die sieben Worte auf der Rückseite des Fotos.
„VERTRAUE NIEMALS DEM MANN, DER DICH BESCHÜTZT.“
Mein Vater hatte diese Nachricht vor mehr als zwanzig Jahren geschrieben.
Aber für wen?
Für mich?
Für meine Mutter?
Oder für jemanden, von dem ich damals noch nicht einmal wusste, dass es ihn gab?
Victor stand am Fuß der Treppe und hielt weiterhin die Waffe in der Hand.
„Gib mir das Foto, Daniel.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Warum?“
„Weil es dir nicht gehört.“
Ich musste lachen.
„Das ist ein Foto meiner Familie.“
„Du hast keine Ahnung, was deine Familie war.“
Emily trat neben mich.
„Daniel, hör nicht auf ihn.“
Victor sah sie an.
„Du hast dich vierzehn Monate versteckt und glaubst immer noch, du könntest ihm die Wahrheit erzählen?“
„Ich erzähle ihm endlich die Wahrheit.“
„Nein“, sagte Victor ruhig. „Du erzählst ihm nur den Teil, den du kennst.“
Ich sah zwischen den beiden hin und her.
„Was bedeutet die Nachricht meines Vaters?“
Niemand antwortete.
Dann ging Nora langsam auf mich zu.
„Ich glaube, ich weiß es.“
Victor richtete seine Waffe auf sie.
„Nora.“
Sie blieb stehen.
„Du solltest nicht hier sein.“
„Das weiß ich.“
„Dann geh.“
Nora schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Ich sah sie an.
„Warum hast du das Foto?“
Sie schluckte.
„Weil ich es vor drei Tagen in deinem alten Haus gefunden habe.“
„Und warum hast du es mir nicht sofort gegeben?“
„Weil ich Angst hatte.“
„Vor wem?“
Sie sah Victor an.
Dann Emily.
„Vor allen.“
Victor lächelte bitter.
„Endlich sagt jemand die Wahrheit.“
Plötzlich hörten wir draußen Reifen auf dem Kies.
Victor drehte den Kopf.
Emily flüsterte:
„Sie sind hier.“
„Wer?“
„Meridian.“
Victor hob die Waffe.
„Wir müssen gehen.“
Ich sah ihn überrascht an.
„Du willst uns mitnehmen?“
„Wenn ich euch hier lasse, seid ihr tot.“
Ich erinnerte mich an die Nachricht meines Vaters.
Vertraue niemals dem Mann, der dich beschützt.
Victor war genau dieser Mann.
Aber warum hatte mein Vater gewusst, dass ich eines Tages von ihm beschützt werden würde?
Wir hörten Türen zuschlagen.
Mehrere Männer.
Emily packte meinen Arm.
„Daniel, es gibt einen zweiten Ausgang.“
„Wo?“
Sie zeigte auf eine Wand hinter dem Regal.
Victor sah sie an.
„Du hast ihn gefunden.“
Emily nickte.
„Vor sechs Monaten.“
Wir schoben das Regal zur Seite.
Dahinter war eine schmale Tür.
„Geh“, sagte Victor.
Ich sah ihn an.
„Und du?“
„Ich komme nach.“
„Warum sollte ich dir vertrauen?“
Er sah mich lange an.
„Das solltest du nicht.“
Dann öffnete er die Tür.
Wir liefen durch einen engen Tunnel.
Emily vor mir.
Nora hinter mir.
Plötzlich hörte ich einen Schuss.
Ich drehte mich um.
„Victor!“
„Weiter!“, rief er.
Wir rannten.
Der Tunnel führte zu einem verlassenen Bootshaus.
Als wir hinausgingen, war die Nacht vollkommen still.
Emily atmete schwer.
„Wir müssen zu einem sicheren Ort.“
„Nein.“
Alle sahen mich an.
Ich hielt das Foto hoch.
„Ich will zuerst wissen, was mein Vater versteckt hat.“
Nora sah mich ernst an.
„Dann müssen wir zurück.“
„Wohin?“
Sie antwortete:
„Zu deinem Elternhaus.“
Ich erstarrte.
„Das Haus wurde vor Jahren verkauft.“
„Nein.“
Nora schüttelte den Kopf.
„Es wurde nie verkauft.“
„Was?“
„Die Person, die dort lebt, ist nicht der Eigentümer.“
Emily wurde blass.
„Wer lebt dort?“
Nora sah mich an.
„Dein Vater.“
Ich konnte nicht atmen.
„Mein Vater ist tot.“
„Offiziell.“
Sie zeigte auf das Foto.
„Aber dein Vater hat seinen Tod möglicherweise genauso geplant wie deine Mutter.“
Ich sah Emily an.
Sie weinte.
„Ich wusste es nicht.“
Zum ersten Mal glaubte ich ihr.
Doch bevor ich etwas sagen konnte, vibrierte mein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
Niemand sprach.
Dann hörte ich eine Stimme.
Eine Stimme, die ich seit vierzehn Jahren nicht mehr gehört hatte.
„Daniel.“
Meine Knie wurden weich.
Ich kannte diese Stimme.
Mein Vater.
„Wenn du diese Nachricht hörst“, sagte er, „ist Victor nicht mehr der gefährlichste Mann in deinem Leben.“
Dann Stille.
Ich sah Emily an.
„Wer dann?“
Sie antwortete nicht.
Denn plötzlich erschien auf meinem Telefon eine zweite Nachricht.
Ein Foto.
Darauf waren meine beiden Kinder zu sehen.
Sie schliefen.
Und darunter stand:
„KOMM ALLEIN.“



