TEIL 15 — DER URSPRUNG VON MERIDIAN
Ich konnte mich nicht bewegen.
Der Mann vor mir war nicht nur der Gründer von Meridian.
Er war der Mann, den ich jahrelang für den schlimmsten Feind meiner Familie gehalten hatte.
Aber jetzt stand er einfach dort.
Ruhig.
Fast traurig.
Als hätte er diesen Moment erwartet.
„Du bist also Daniel.“
Seine Stimme war älter, als ich erwartet hatte.
Nicht kalt.
Nicht grausam.
Einfach müde.
Ich ballte meine Hände.
„Wo ist meine Mutter?“
Der Mann sah kurz auf den dunklen Bildschirm.
„Sie ist näher, als du denkst.“
„Hör auf mit diesen Rätseln.“
Ich trat einen Schritt nach vorne.
„Meine Familie wurde wegen dir zerstört.“
Er sah mich lange an.
„Nein, Daniel.“
Eine Pause.
„Deine Familie wurde wegen der Entscheidungen zerstört, die Menschen aus Angst getroffen haben.“
Ich wollte widersprechen.
Aber irgendetwas in seiner Stimme ließ mich innehalten.
* * *
Elias stellte sich neben mich.
„Du hast ihn gefunden.“
Der Gründer sah meinen Bruder an.
„Nein.“
Ein kleines Lächeln.
„Er hat mich gefunden.“
Ich sah zwischen den beiden hin und her.
„Ihr kennt euch.“
Elias schwieg.
Und wieder spürte ich dieses Gefühl.
Dieses Gefühl, dass alle außer mir die Wahrheit kannten.
„Natürlich kennt er mich“, sagte der Gründer.
„Ich habe ihn erschaffen.“
Mein Blick wanderte zu Elias.
„Was?“
Elias sah weg.
Der Mann ging zu einem alten Tisch.
Darauf lagen Akten.
„Meridian begann nicht mit Geld.“
Er öffnete eine Mappe.
„Nicht mit Macht.“
Eine weitere Seite.
„Und auch nicht mit Kontrolle.“
Er sah mich an.
„Es begann mit einer Angst.“
„Welche Angst?“
„Dass die Menschheit irgendwann eine Technologie erschafft, die sie nicht mehr kontrollieren kann.“
Ich runzelte die Stirn.
„Was hat das mit meiner Familie zu tun?“
Er legte ein Foto auf den Tisch.
Darauf waren drei Wissenschaftler.
Eine davon war meine Mutter.
Ich erstarrte.
„Meine Mutter war Wissenschaftlerin?“
Elias nickte langsam.
„Eine der besten.“
Ich sah das Bild an.
Meine Mutter.
Nicht als Mutter.
Nicht als Frau, die mich großgezogen hatte.
Sondern als jemand völlig anderes.
„Sie hat Meridian gegründet.“
Der Satz traf mich.
„Warum?“
Der Gründer antwortete:
„Weil sie glaubte, dass die Welt vorbereitet werden musste.“
* * *
Er zeigte auf Elias.
„Dein Bruder war der erste Versuch.“
Elias sah auf den Boden.
„Ein Kind, dessen Gehirn anders auf bestimmte Daten reagieren konnte.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das klingt verrückt.“
„Das dachte deine Mutter auch.“
Der Gründer sah mich an.
„Bis sie entdeckte, dass es funktioniert.“
Ich sah Elias.
„Was wurde mit dir gemacht?“
Er antwortete leise:
„Sie haben getestet, wie weit ein Mensch verändert werden kann.“
Stille.
„Und du?“
Er sah mich an.
„Du warst anders.“
„Warum?“
„Weil deine Mutter einen Fehler korrigieren wollte.“
Ich wurde wütend.
„Ich bin also nur ein Experiment?“
Der Gründer schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Er kam näher.
„Du bist das Gegenteil davon.“
* * *
Er öffnete eine Datei.
Mein Name erschien.
SUBJECT 002 — DANIEL
Darunter:
UNVORHERGESEHENE EMOTIONALE STABILITÄT
KEINE KONTROLLIERBARE MANIPULATION
FREIER WILLE ERHALTEN
Ich verstand es nicht.
„Was bedeutet das?“
Der Gründer sah mich an.
„Meridian wollte einen Menschen erschaffen, der Informationen verarbeiten kann, ohne seine Menschlichkeit zu verlieren.“
„Und Elias?“
Sein Blick wurde traurig.
„Elias war perfekt.“
Eine Pause.
„Aber nicht frei.“
Ich sah meinen Bruder an.
Zum ersten Mal sah ich nicht ein Geheimnis.
Ich sah ein Opfer.
* * *
„Warum hat meine Mutter mich versteckt?“
Der Gründer antwortete:
„Weil sie erkannt hat, dass Meridian falsch geworden war.“
„Aber sie war die Gründerin.“
„Ja.“
Er nickte.
„Und genau deshalb wusste sie, wie gefährlich es war.“
Er zeigte auf die Bildschirme.
„Nach Jahren übernahmen Menschen die Kontrolle, die nicht mehr schützen wollten.“
„Sie wollten Macht.“
Ich dachte an Wendy.
An ihre Familie.
An alle Lügen.
„Und mein Vater?“
Der Gründer wurde still.
„Dein Vater versuchte, dich zu retten.“
„Aber er hat gelogen.“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil er glaubte, dass Wahrheit dich töten würde.“
Ich lachte leise.
„Und die Lügen haben mich fast zerstört.“
Der Mann nickte.
„Das ist der Fehler, den viele Menschen machen.“
„Welcher?“
„Sie glauben, dass eine Lüge harmloser ist als die Wahrheit.“
* * *
Plötzlich ertönte ein Alarm.
Rote Lichter blinkten.
Elias schaute zur Tür.
„Sie sind hier.“
Ich sah ihn an.
„Wer?“
Sein Gesicht wurde ernst.
„Die neue Führung von Meridian.“
„Aber du hast gesagt, der Gründer bist du.“
Der Mann lächelte traurig.
„Ich war es einmal.“
Dann ging die Tür auf.
Mehrere bewaffnete Männer betraten den Raum.
Hinter ihnen stand eine Person.
Eine Person, die ich niemals erwartet hätte.
Meine eigene Mutter.
Aber sie sah anders aus.
Stärker.
Kälter.
Und sie hielt eine Waffe.
Ich konnte kaum sprechen.
„Mama?“
Sie sah mich an.
Ihre Augen waren voller Schmerz.
„Daniel.“
Eine Pause.
„Es tut mir leid.“
Ich sah auf die Waffe.
„Was machst du hier?“
Sie antwortete:
„Ich beende endlich, was ich vor Jahren begonnen habe.“
Elias trat vor.
„Nein.“
Meine Mutter sah ihn an.
„Du warst immer mein größter Fehler.“
Diese Worte trafen ihn.
Und mich auch.
Denn plötzlich wusste ich:
Meine Mutter war nicht zurückgekommen, um uns zu retten.
Sie war zurückgekommen…
um alles zu beenden.
* * *



