Die Frau, die mich nie vergaß
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Die Frau, die mich nie vergaß

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TEIL 7 — Blutbande und Verrat

Meine Welt stand still. Das Geräusch des Regens, der auf das Dach der Kapelle schlug, der Wind, der durch die kaputte Tür piff, das Rascheln der Kleidung der bewaffneten Männer – alles trat in den Hintergrund. Das Einzige, was ich sah, war das Gesicht meines eigenen Sohnes, Julian.

Julian. Mein ältestes Kind. Der Junge, den ich auf meinem Schoß gewiegt hatte, dessen Knie ich versorgt hatte, wenn er fiel, den ich mit dem Geld, das Thomas und ich hart erspart hatten, zur Universität hatte gehen lassen.

„Julian…?“, stotterte ich, während sich die Tränen ihren Weg durch die Falten auf meinen Wangen bahnten. „Nein… Das ist ein Missverständnis. Was machst du hier?“

Julian machte einen Schritt nach vorne. Seine teuren Lederschuhe klackten hart auf dem Steinboden. Sein Gesicht zeigte keinerlei Emotion. Es war keine Spur mehr zu sehen von dem liebevollen Sohn, der mich jeden Monat mit einem Blumenstrauß besuchen kam.

„Es gibt kein Missverständnis, Mutter“, sagte Julian eiskalt. „Vater war ein Mann aus der Vergangenheit. Er verstand nicht, wie die Welt funktioniert. Er saß auf einer Goldmine an Informationen – Informationen, die auf dem internationalen Markt Milliarden wert sind – und er entschied sich dafür, sie in einem dreckigen Kirchenboden zu vergraben!“

„Dein Vater hat versucht, die Wahrheit zu schützen!“, schrie ich, während eine Welle des Abscheus durch mich hindurchging. „Er hat versucht zu verhindern, dass Schuldige damit davonkommen!“

Julian zuckte herablassend die Achseln. „Die Wahrheit ist ein Luxus für arme Leute, Mutter. Ich habe Karriere gemacht. Ich stehe kurz davor, zum Staatssekretär ernannt zu werden. Glaubst du, ich lasse mir meine Zukunft von ein paar staubigen Dokumenten aus dem Jahr 1978 ruinieren? Vater drohte, alles öffentlich zu machen. Er wollte meine Beförderung verhindern!“

Elena, die neben mir stand, sah Julian mit offenem Mund an. „Du hast deinen eigenen Vater ermordet…?“, flüsterte sie.

Julian sah Elena kalt an. „Mein 'Vater' starb, weil sein Herz dem Druck nicht standhielt, als ich ihn konfrontierte. Ich habe ihm die Spritze nicht gegeben, falls du das meinst. Aber er weigerte sich, mir den Standort dieser Kiste zu verraten. Er dachte, er sei schlau, indem er dich, Mutter, als Bauernopfer nutzte. Er wusste, dass ich dir nie etwas antun würde… dachte er.“

„Und würdest du mir etwas antun, Julian?“, fragte ich mit zitternder Stimme. Ich sah ihm starr in die Augen. „Würdest du deine eigene Mutter für eine Akte erschießen?“

Julian blieb einen Moment lang still. Ein kurzer Zweifel flammte in seinen Augen auf, verblasste jedoch ebenso schnell wieder. Er winkte einem der bewaffneten Männer neben sich zu.

„Ich muss dich nicht erschießen, Mutter“, sagte er. „Du bist 67. Du bist einsam, verwirrt und trauernd. Wenn man dich morgen zusammen mit deiner Nachbarin tot in einem Auto nach einem Unfall findet, wird niemand Fragen stellen. Sie werden sagen, es war ein tragischer Vorfall einer dementen alten Frau, die sich in der Nacht verfahren hat.“

Die kühle Berechnung in seiner Stimme schnitt tiefer als jedes Messer. Der Sohn, den ich aufgezogen hatte, hatte sich in ein von Macht und Gier getriebenes Monster verwandelt.

„Gib mir die Kassette, Mutter“, sagte Julian und streckte seine Hand aus. „Mach es nicht schlimmer, als es ohnehin schon ist.“

Ich sah auf die Kassette in meinen Händen. Darin lag der Beweis für alles, was Thomas zu schützen versucht hatte. Und darin lag auch der Schlüssel zur Aufdeckung der Korruption meines eigenen Sohnes. Wenn ich dies übergäbe, wäre Thomas' Opfer umsonst gewesen.

„Nein“, sagte ich leise, aber bestimmt.

Julian runzelte die Stirn. „Was hast du gesagt?“

„Ich habe NEIN gesagt!“, schrie ich.

In diesem Moment steckte ich meine Hand in meine Jackentasche und zog die Pistole hervor, die ich Victor abgenommen hatte. Ich richtete sie nicht auf Julian – ich konnte sie nicht auf mein eigenes Kind richten –, sondern ich richtete sie auf den großen Messingkronleuchter, der über Julians Männern an der Decke hung.

Ich hatte noch nie in meinem Leben geschossen. Meine Hände zitterten. Aber ich schloss die Augen und drückte den Abzug durch.

EIN LAUTER KNALL hallte durch die Kapelle.

Die Kugel traf die verrostete Kette des Kronleuchters. Mit einem ohrenbetäubenden Scheppern von Eisen und Glas stürzte die zentnerschwere Konstruktion nach unten, genau auf Julians bewaffnete Männer.

Funken flogen umher, Staub und Mörtel wirbelten herab und panische Schreie erfüllten den Raum.

„Renn, Elena!“, schrie ich.

Ich packte die Metallkassette und Elenas Hand. Wir sprinteten so schnell uns unsere alten Beine tragen konnten zu einer kleinen Tür hinter dem Altar, die zum alten Klostergarten führte.

Hinter uns hörte ich Julian wutentbrannt schreien: „Greift sie euch! Lasst sie nicht mit dieser Kassette entkommen!“

Wir stürmten in die stürmische Nacht hinaus. Der Klostergarten war ein Labyrinth aus hohen Efeumauern, Steinbögen und eingesunkenen Gehwegen. Der Regen schlug erbarmungslos herab.

„Wohin müssen wir?“, keuchte Elena, während wir durch den Schlamm rannten.

„Zum Fluss am Rande des Geländes!“, rief ich. Ich erinnerte mich an die Karte aus Thomas' Tagebuch. An der Rückseite des Klosters floss ein schmaler Grenzfluss, der nach Belgien führte. Thomas hatte dort früher ein kleines Ruderboot für seine Fluchtwege liegen gehabt.

Wir hörten die Schritte von Julians Männern, die in den Garten stürmten. Taschenlampenstrahlen strich über die Hecken.

Wir erreichten das Ufer des Flusses. Das Wasser floss durch den heftigen Regen wild und dunkel. Und dort, festgebunden an einem Holzpfahl unter einer überhängenden Weide, lag ein altes hölzernes Ruderboot.

„Steig ein!“, rief ich Elena zu.

Elena kletterte ängstlich in das schwankende Boot. Ich löste das Seil und wollte gerade einsteigen, als eine Hand meine Schulter fest packte.

Ich wurde nach hinten gezogen und fiel in den Schlamm. Ich blickte nach oben.

Es war Julian. Sein Gesicht war ruß- und schlammverschmiert, seine Augen weit aufgerissen vor Wahn.

„Es ist vorbei, Mutter“, sagte er, während er versuchte, mir die Kiste aus den Händen zu reißen. „Du wirst mir mein Leben nicht ruinieren!“

Wir rangen im pitschnassen Schlamm. Ich kämpfte mit einer Kraft, von der ich nicht gewusst hatte, dass ich sie besaß, getrieben von der Erinnerung an Thomas. Ich klammerte meine Finger um einen schweren Stein, der neben mir im Schlamm lag, und holte aus…