TEIL 2 — Geheimnisse aus der Vergangenheit
Meine Hände zitterten, als ich den Inhalt der Holzschachtel betrachtete. Ganz oben lag ein verwittertes Ledernotizbuch, gebunden mit einem vergilbten Band, das vom Zahn der Zeit durchtränkt schien. Daneben lagen ein Messingschlüssel mit einem aufwendigen Muster und ein Stapel handgeschriebener Briefe. Die Buchstaben auf dem obersten Brief waren unverkennbar: die robuste, leicht nach rechts geneigte Handschrift meines verstorbenen Ehemannes Thomas.
„Wie kommst du daran, Elena?“, fragte ich mit heiserer Stimme, während ich wie gebannt auf den Namen meines Mannes starrte. Thomas war vor fünf Jahren an einem plötzlichen Herzstillstand gestorben. Ich dachte, ich wüsste alles über ihn. Wir waren schließlich zweiundvierzig Jahre verheiratet gewesen. Wir teilten ein Haus, Kinder, Freude und Leid. Es gab keine Geheimnisse zwischen uns… dachte ich immer.
Elena seufzte tief und trat in meinen Flur. Sie schloss die Tür vorsichtig hinter sich, als könnten die Nachbarn die Geheimnisse hören, die sie mit sich trug, wenn sie die Tür offen ließe. „Thomas hat mir diese Schachtel gegeben, Maria. Genau eine Woche bevor er starb“, sagte sie leise, während sie die Schachtel vorsichtig auf den Küchentisch stellte. „Er ließ mich schwören, dass ich sie dir erst geben würde, wenn die Zeit reif ist. Er sagte: 'Wenn Maria zu einsam wird, wenn sie aufzugeben droht, dann gib ihr diesen Schlüssel zu meinem echten Leben.'“
Mein Herz klopfte mir im Hals. „Mein 'echtes' Leben? Was in aller Welt bedeutet das?“
„Thomas hat dich von ganzem Herzen geliebt, Maria. Daran darfst du niemals zweifeln“, antwortete Elena hastig, als befürchte sie, ich würde die falschen Schlüsse ziehen. „Aber es gibt Dinge aus seiner Vergangenheit, die er dir nicht erzählen konnte, solange er lebte. Dinge, die dich in Gefahr hätten bringen können. Nun, da er nicht mehr da ist und die Stürme der Vergangenheit sich gelegt haben, ist es an der Zeit, dass du die Wahrheit erfährst.“
Ich nahm den ersten Brief auf. Das Papier fühlte sich brüchig und kalt an. Als ich den Brief entfaltete, fiel ein altes Schwarz-Weiß-Foto heraus. Auf dem Foto war ein junger Thomas zu sehen, nicht älter als fünfundvierzig Jahre. Aber er war nicht allein. Neben ihm stand eine bildschöne Frau mit dunklem, lockigem Haar und einer auffälligen Narbe an ihrer linken Augenbraue. Sie hielten sich nicht wie Liebende, sondern wie Partner, die durch ein gemeinsames Trauma verbunden waren. Auf der Rückseite des Fotos stand in Thomas' Handschrift geschrieben: 'Antwerpen, 1978. Flugnummer 402. Vergiss sie nie.'
1978… Das war das Jahr, bevor Thomas und ich uns kennenlernten. Er hatte mir immer erzählt, dass er in dieser Zeit als einfacher Tischler in einem kleinen Dorf gearbeitet habe. Er sprach selten über seine Jugend oder über die siebziger Jahre, und ich hatte dahinter nie etwas Ungewöhnliches vermutet. Ich nahm an, dass er einfach ein ruhiger Mann war, der lieber nach vorne blickte als zurück.
„Wer ist diese Frau, Elena?“, fragte ich, während meine Finger über die Narbe auf dem Foto glitten.
Elena blickte durch das Fenster nach draußen, wo ein leichter Nieselregen einzusetzen begann. „Ihr Name war Sofia. Und wenn du wissen willst, was wirklich mit Thomas geschehen ist, müssen wir heute irgendwohin gehen. An den Ort, an den er jeden Montag punktgenau ging, wenn er sagte, dass er zum Baumarkt fahre.“
Mir stockte der Atem. Ich erinnerte mich an diese Montage. Thomas verließ das Haus immer pünktlich um zwei Uhr nachmittags und kam erst gegen sechs zurück. Manchmal brachte er eine Packung Schrauben oder ein Schleifpapier mit, um seine Geschichte zu untermauern. Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, dass eine Fahrt zum Baumarkt keine vier Stunden dauern musste.
„Wohin fahren wir?“, fragte ich, während ich schnell meine Jacke anzog.
„Zu einem alten Lagerhaus am Rande der Stadt“, sagte Elena. „Der Messingschlüssel in der Schachtel passt zu der Tür eines Raumes im obersten Stockwerk. Ich war selbst nie da drin. Thomas hat es mir verboten. Er sagte, dass nur du das Recht hättest, diese Schwelle zu übertreffen.“
Eine halbe Stunde später saßen wir in Elenas altem, rostigem Auto. Die Scheibenwischer glitten rhythmisch über die Windschutzscheibe und erzeugten ein eintöniges, beruhigendes Geräusch, das in starkem Kontrast zu dem Sturm in meinem Kopf stand. Die Stadt wandelte sich langsam von gemütlichen Wohnvierteln in ein graues Industriegebiet. Hohe, verlassene Fabrikgebäude ragten gegen den grauen Himmel empor.
Elena parkte das Auto vor einem verfallenen Backsteingebäude. Die Fenster waren mit Holzbrettern vernagelt und das Dach wies Spuren der Zerstörung durch den Zahn der Zeit auf. Es wirkte wie ein Ort, an dem seit Jahrzehnten niemand mehr gewesen war.
„Hier ist es“, sagte Elena.
Wir stiegen aus und gingen zu einer kleinen eisernen Seitentür. Elena zeigte auf das Schloss. Mit zitternden Fingern steckte ich den Messingschlüssel aus der Schachtel in das Schlüsselloch. Das Schloss drehte sich überraschend geschmeidig, als wäre es erst gestern geölt worden. Die Tür schwang mit einem tiefen Stöhnen auf. Drinnen war es stockdunkel und es roch nach Feuchtigkeit, altem Papier und… einer Note des vertrauten Pfeifentabaks, den Thomas früher immer geraucht hatte.
Wir stiegen eine staubige Holztreppe hinauf ins oberste Stockwerk. Am Ende eines langen, dunklen Flurs befand sich eine schwere Eichentür. Hier passte der Schlüssel erneut.
Ich drückte die Tür auf. Der Raum dahinter war überraschend sauber. Es gab einen großen Schreibtisch, Wände voller Landkarten und Zeitungsausschnitte aus den siebziger und achtziger Jahren, und in der Mitte des Raumes stand ein dicker Stahltresor.
Aber es war nicht der Tresor, der meine Aufmerksamkeit erregte. Auf dem Schreibtisch stand eine brandneue, brennende Kerze. Das Wachs war noch flüssig und warm.
Jemand war erst vor wenigen Minuten hier gewesen.
Bevor ich etwas sagen konnte, hörten wir unten die schwere Eisentür mit einem lauten Knall zufallen, gefolgt vom Geräusch hastiger Schritte auf der Holztreppe…



