TEIL 6 – Die Entscheidung des Augenblicks
Das Blut sauste mir in den Ohren. Der Videostream auf Lorenzos Handy zeigte Elenas Mutter, die arglos lächelte, während ein unbekannter Mann direkt hinter ihrem Stuhl stand und auf einen Anruf wartete. „Du bist ein Monster“, zischte Elena, während Tränen über ihre Wangen rollten. Sie machte den Versuch, auf das Telefon zuzuspringen, aber ich hielt sie zurück, indem ich ihren Arm festhielt. „Nein, Elena, tu das nicht!“, rief ich, obwohl meine eigene Stimme vor Machtlosigkeit zitterte.
Lorenzo streckte die Hand aus, die Handfläche nach oben gerichtet. Seine Augen waren kalt wie Eis. „Den Stick, Emma. Und die Akte. Jetzt.“ Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Wenn ich ihm gab, was er wollte, waren Elenas Mutter und wir vorerst in Sicherheit, aber ich würde die Wahrheit über meinen Vater wahrscheinlich nie wieder herausfinden. Andererseits, wenn ich mich weigerte, würde die Gewalt sofort zuschlagen.
Mit zitternden Fingern griff ich in meine Hosentasche. Ich zog den USB-Stick hervor und legte ihn langsam auf den Couchtisch. Danach holte ich die Papiere aus meiner Tasche und legte sie dazu. Lorenzo lächelte triumphierend. Er beugte sich vor, nahm die Sachen an sich und steckte sie in seine Innentasche. „Kluge Entscheidung“, sagte er in einem Tonfall, als hätte er ein lästiges Geschäft abgewickelt. „Glaub mir, Emma, das ist besser für alle.
Dein Vater hat ein gefährliches Spiel gespielt. Und wer mit dem Feuer spielt, verbrennt sich.“ Er drehte sich um und ging mit ruhigen Schritten zur Tür. Kurz bevor er hinausging, blieb er noch einmal stehen. „Oh, und falls du Pläne hast, morgen nach San Michele zu fahren… vergiss es. Diese Straßen sind ab sofort für neugierige Mädchen gesperrt.“ Die Tür fiel ins Schloss.
Wir blieben in einer erstickenden Stille zurück. Elena sank schluchzend auf den Boden. Ich kniete mich neben sie und schloss meine Arme um sie, aber ich konnte nicht weinen. Meine Augen waren trocken und starr auf den leeren Platz auf dem Couchtisch gerichtet. „Was… was machen wir jetzt?“, schluchzte Elena. „Er hat alles.“ „Nicht alles“, entgegnete ich mit einer eiskalten Ruhe, die ich kaum wiedererkannte.
Elena sah mich fragend an. Ich streckte die Hand aus und zog den originalen, handgeschriebenen Zettel meines Vaters aus meiner Handfläche. Er war verknüllt, aber der Text war noch vollkommen lesbar. „Er dachte, es gehe um die digitalen Dateien“, flüsterte ich. „Aber er hat vergessen, dass mein Vater klüger war als das. Auf diesem Zettel steht kein Passwort, aber der wahre Ort, an dem mein Vater früher seine Sachen versteckte, wenn der Familie Moretti der Boden zu heiß wurde.“ Elena wischte sich die Tränen weg. „Wo denn?“ „Nicht in San Michele“, sagte ich und blickte auf die Koordinaten, die unten auf das Papier gekritzelt waren. „Sondern in einer alten, verlassenen Kapelle knapp außerhalb des Dorfes, in der niemals jemand suchen wird.“


