TEIL 3 – Flucht durch die Gasse
„Schnell, raus hier!“, zischte Elena, während sie aufstand und das Fenster aufdrückte. Die kalte Außenluft strömte sofort herein, vermischt mit dem Geruch von nassem Asphalt und Abgasen aus der Gasse. Ich zögerte keinen Moment. Ich schnappte mir die Akte vom Tisch, stopfte die Papiere in meine Handtasche und kletterte über die Fensterbank. Mein Stiefel berührte das nasse Metall der Feuertreppe, und mit einem dumpfen Schlag landete ich in der schmalen, schattigen Gasse hinter dem Laden.
Elena folgte mir sofort, ihre Absätze klackten laut auf den Stahlstufen. Wir rannten weiter, bis wir um die Ecke gebogen waren, geschützt durch die Betonwände des nebenstehenden Lagerhauses. Erst als wir atemlos gegen die Mauer lehnten, wagten wir es, nach hinten zu blicken. Die Hintertür des Geschäfts stand einen Spalt offen. Die Silhouette eines Mannes in einem langen, dunklen Mantel stand in der Öffnung und spähte in die Dunkelheit der Gasse.
Er trug einen Hut, der seine Augen verbarg, aber die Golduhr an seinem Handgelenk blitzte kurz im Straßenlicht auf. Mein Magen drehte sich um. Diese Uhr… Sie hatte exakt denselben Stil wie die von Frau Moretti. „Hast du das gesehen?“, flüsterte Elena mit brüchiger Stimme. „Das war kein gewöhnlicher Kunde, Emma. Sie sind hinter dir her.“ „Wer ist ‚sie‘?“, fragte ich und kniff den Reißverschluss meiner Tasche fest zu, in der sich die Akte befand. „Die Familie Moretti?
Oder… hat das etwas mit meinem Vater zu tun?“ Wir nahmen die U-Bahn zu meiner kleinen Wohnung am Stadtrand. Die Fahrt fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Jedes Mal, wenn ein Fahrgast aufblickte oder sich in unsere Richtung drehte, überkam mich blanke Angst. Einmal glaubte ich, einen Mann mit demselben Mantel zu erkennen, aber glücklicherweise stieg er an der nächsten Haltestelle aus.
Zu Hause angekommen machte ich alle Lichter aus und zog die schweren Vorhänge zu. Erst als wir sicher auf dem Sofa saßen, wagte ich es, die Papiere aus meiner Tasche zu holen. Ich breitete die Kopien der Banktransaktionen auf dem Couchtisch aus. „Schau hier“, zeigte ich hin. „Die letzten drei Transaktionen dieser Karte wurden am selben Ort in San Michele getätigt.
Eine Adresse am Rande des Dorfes: Via del Sole 14. Weißt du, was das ist, Elena?“ Elena beugte sich über das Papier. Ihre Augen glitten über die Adresse. „Via del Sole… Das klingt nicht nach einem Geschäft oder einem Bankgebäude. Das klingt nach einem Wohnhaus. Oder einem Versteck.“ „Morgen ist Dienstag“, sagte ich, und plötzlich fügte sich alles wie ein Puzzleteil zusammen. „Der Tag, an dem die Karte immer exakt um zwölf Uhr benutzt wird.“ Elena sah mich starr an. „Du willst doch nicht Etwa nach San Michele fahren?
Das ist wahnsinnig, Emma! Du läufst direkt in eine Falle!“ „Wenn mein Vater dort ist oder wenn dort jemand Antworten über seinen angeblichen Tod hat, dann muss ich gehen“, sagte ich mit einer Stimme, die keinen Raum für Widerrede ließ. Ich stand auf und ging zu dem alten Schrank in der Ecke des Wohnzimmers. Hinter einem Stapel alter Bücher lag eine kleine Eisenkiste.
Es war die Kiste mit den Sachen, die meine Mutter nach ihrem Tod hinterlassen hatte. Ich hatte sie seit Jahren nicht mehr geöffnet. Mit zitternden Fingern nahm ich den rostigen Deckel ab. Unter alten Fotos und Schmuck lag ein kleiner, silberner Schlüssel mit einem gravierten Monogramm: M.B. Neben dem Schlüssel lag ein handgeschriebener Zettel meines Vaters, datiert auf genau eine Woche vor dem angeblichen Autounfall. Ich las den ersten Satz und fühlte, wie der Boden unter meinen Füßen wegsackte.


