TEIL 11 – Der Schatten in Zürich
Die Nachricht auf dem Bildschirm brannte wie Feuer in meinen Augen. Die Zentrale. Bisher hatten wir gedacht, die Familie Moretti sei ein lokales, mächtiges Netzwerk in Italien gewesen, aber der Verweis auf Zürich veränderte alles. „Was bedeutet das, Papa?“, fragte ich, während meine Hand krampfhaft seine festhielt. „Es gibt also noch jemanden, der in der Hierarchie über ihnen steht?“ Das Gesicht meines Vaters wurde düsterer, als ich es je zuvor gesehen hatte.
Er blickte zu Inspektor Rossi. „Die Familie Moretti war nur das ausführende Organ in Italien, Rossi. Aber die Finanzierung – das echte Geld hinter all diesen falschen Identitäten und Geldwäscheoperationen – stammte von einer internationalen Holding in Zürich. Wenn sie jetzt wissen, dass ich noch lebe und dass Emma und ich diesen Beweis in den Händen halten, werden sie nicht ruhen, bis alles und jeder ausgelöscht ist.“ Inspektor Rossi nickte ernst. „Wir müssen sofort handeln.
Wir bringen euch in eine geheime Einrichtung der Bundespolizei. Diese Akte geht noch heute an Interpol.“ Zwei Stunden später saßen wir in einem gepanzerten Polizeiwagen auf dem Weg zu einer gesicherten Anlage außerhalb von Mailand. Elena war inzwischen von ihren Eltern abgeholt worden, allerdings nicht, ohne dass wir uns fest umarmt und versprochen hatten, uns bald wiederzusehen.
Während das Auto über die Autobahn raste, blickte ich nach draußen. Die Welt schien so normal. Menschen fuhren in ihren Autos, tranken Kaffee an Tankstellen und hörten Radio, völlig ahnungslos von dem gewaltigen Sturm, der hinter den Kulissen tobte. In meiner Hand hielt ich den USB-Stick fest, den ich zuvor in meiner Tasche versteckt hatte, bevor Lorenzo in unsere Wohnung eingebrochen war.
Während des Durcheinanders in der Kapelle hatte er in meine Innentasche geglitten, und Lorenzo hatte nur die leeren Ordner mitgenommen. Ich schloss die Augen und steckte den Stick in meinen kleinen Kartenleser, den ich in meiner Tasche trug. Ich öffnete die verschlüsselte Datei auf meinem Laptop. Unter den Hunderten Dokumenten fiel eine Datei mit dem Datum von gestern Abend auf.
Nicht von Lorenzo erstellt, sondern automatisch mit einem Cloud-Server in Zürich synchronisiert. Ich öffnete die Datei per Klick. Es war kein Dokument, sondern eine Namensliste. Eine Liste von hochrangigen Politikern, Bankiers und… dem Namen des Direktors des Geschäfts, in dem ich gearbeitet hatte, Elenas Chef, und sogar des Bürgermeisters der Stadt.
Und darunter stand ein einziger, spezifischer Vermerk: „Transaktion mit Kartennummer MB-025 ist endgültig fehlgeschlagen. Aktivierung von Protokoll Omega wurde eingeleitet.“ Mir stockte der Atem. Ich wusste nicht, was Protokoll Omega bedeutete, aber der nächste Satz auf dem Bildschirm ließ mein Blut in den Adern gefrieren. „Zielperson auf Transport lokalisiert. Eliminierung erfolgt innerhalb von 10 Minuten.“ Ich blickte zum Armaturenbrett des Polizeiwagens. Der Fahrer nahm plötzlich eine Abfahrt, die nicht auf der Route zur gesicherten Einrichtung lag.


