TEIL 5 — GAVINS WAHRHEIT
Die Nachricht ließ mich erstarren.
Du hättest Gavin nicht vertrauen sollen.
Ich starrte auf den Bildschirm.
Laura sah mein Gesicht.
„Was ist passiert?“
Ich zeigte ihr die Nachricht.
Sie wurde blass.
„Wer hat sie geschickt?“
„Ich weiß es nicht.“
Draußen wurde erneut gegen die Tür geschlagen.
Dann hörten wir Sirenen.
Die Männer draußen rannten zurück zu ihrem Wagen.
Ein Streifenwagen bog um die Ecke.
Hannah kam ins Haus.
„Die Polizei ist da!“
Ich atmete erleichtert auf.
Doch mein Blick blieb auf der Nachricht.
Gavin.
Warum sollte jemand behaupten, dass ich ihm nicht vertrauen konnte?
* * *
Eine Stunde später saßen wir auf der Polizeiwache.
Detective Miller hörte sich alles an.
Den Ordner.
Die Versicherung.
Die Fotos.
Laura.
Das Kind.
Den falschen Pass.
Die Nachricht.
Als ich fertig war, sagte er:
„Wir müssen über Gavin sprechen.“
Mein Herz sank.
„Warum?“
Er schob mir ein Foto über den Tisch.
Es zeigte Gavin vor einem Lagerhaus.
Neben ihm stand Brandon.
Ich sah das Bild an.
„Wann wurde das aufgenommen?“
„Vor drei Jahren.“
Genau das Jahr, von dem Gavin gesprochen hatte.
Ich konnte kaum atmen.
„Er hat mir gesagt, er hätte Brandon beim Diebstahl von Dokumenten gesehen.“
„Das stimmt“, sagte Miller.
„Aber er hat Ihnen nicht erzählt, dass er damals mit ihm zusammengearbeitet hat.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Was?“
„Gavin war früher Sicherheitschef eines Unternehmens, das Brandon benutzt hat.“
Ich sah Laura an.
Sie nickte langsam.
„Ich wusste es.“
„Warum hast du mir nichts gesagt?“
„Weil ich nicht wusste, ob ich ihm vertrauen kann.“
Ich fühlte mich plötzlich vollkommen verloren.
Wem konnte ich noch glauben?
Miller nahm einen weiteren Umschlag.
„Wir haben Gavins Fingerabdrücke auf einigen alten Dokumenten gefunden.“
„Welche Dokumente?“
„Versicherungsunterlagen.“
Ich schluckte.
„Meine?“
Er nickte.
„Ihre.“
Dann legte er ein weiteres Foto auf den Tisch.
Es zeigte Gavin vor meinem Haus.
Nicht gestern.
Nicht letzte Woche.
Vor acht Monaten.
Kurz nachdem meine Schwangerschaft begonnen hatte.
Ich schloss die Augen.
„Er hat mich beobachtet.“
„Das glauben wir.“
Dann vibrierte Millers Telefon.
Er las eine Nachricht.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Wir haben Brandon.“
„Wo?“
„Er wurde vor zwanzig Minuten aus dem Krankenhaus abgeholt.“
Ich sah ihn entsetzt an.
„Von wem?“
Miller antwortete nicht sofort.
Dann sagte er:
„Von Gavin.“
* * *
Wir fuhren sofort los.
Ich saß im Polizeiwagen neben Laura.
Hannah blieb bei Emma.
Die Adresse, die wir bekamen, führte zu einem alten Lagerhaus am Stadtrand.
Die Polizei umstellte das Gebäude.
Ich blieb im Wagen.
Doch dann hörte ich einen Schrei.
Brandon.
Ich erkannte seine Stimme sofort.
Miller rannte hinein.
Wenige Sekunden später hörte ich mehrere laute Geräusche.
Dann Stille.
Schließlich kamen zwei Polizisten heraus.
Gavin wurde in Handschellen abgeführt.
Sein Gesicht war völlig ausdruckslos.
Brandon folgte.
Er war verletzt.
Aber er lebte.
Als er mich sah, blieb er stehen.
„Maya.“
Ich sagte nichts.
„Ich wollte dir nie wehtun.“
Ich lachte bitter.
„Du hast meinen Bauch gegen eine Kasse geschleudert.“
Er senkte den Blick.
„Ich hatte Angst.“
„Wovor?“
Er sah zu Laura.
Dann zu Miller.
„Vor ihnen.“
„Wen meinst du?“
Brandon schwieg.
Miller trat näher.
„Sie haben keine Wahl mehr.“
Brandon schloss die Augen.
„Gavin wollte das Geld.“
Ich sah Gavin an.
Er lächelte kalt.
„Brandon hat unterschrieben.“
„Was unterschrieben?“
Gavin sagte:
„Einen Vertrag.“
„Welchen Vertrag?“
Brandon begann zu weinen.
Zum ersten Mal sah ich ihn nicht als den Mann, den ich geheiratet hatte.
Ich sah einen Feigling.
„Ich sollte dich nur heiraten“, sagte er.
„Nur?“
„Ich sollte dein Vermögen übertragen. Deine Versicherung erhöhen. Und nach der Geburt…“
Er konnte den Satz nicht beenden.
Ich trat einen Schritt zurück.
„Nach der Geburt was?“
Miller antwortete:
„Das Baby sollte verschwinden.“
Ich presste eine Hand auf meinen Bauch.
Die Welt schien sich zu drehen.
„Warum?“
Brandon flüsterte:
„Weil Gavin wusste, dass dein Kind Anspruch auf einen Teil des Vermögens deines Vaters hatte.“
Ich sah Gavin an.
„Du wolltest mein Geld.“
Er sagte nichts.
„Und Brandon sollte es für dich beschaffen.“
Gavin lächelte.
„Ihr beide wart nur Figuren in einem größeren Spiel.“
„Was bedeutet das?“
Er beugte sich leicht vor.
„Brandon war nie der Kopf.“
Miller trat sofort dazwischen.
„Wer war es?“
Gavin schwieg.
Dann hörte ich eine Stimme hinter uns.
„Ich.“
Wir drehten uns um.
Ein älterer Mann stand am Eingang.
Mein Herz blieb stehen.
Ich kannte ihn.
Ich hatte sein Gesicht auf alten Familienfotos gesehen.
Mein Vater hatte ihn immer seinen Geschäftspartner genannt.
Aber mein Vater war seit fünf Jahren tot.
Der Mann lächelte.
„Hallo, Maya.“
Ich konnte kein Wort sagen.
Miller zog seine Waffe.
„Wer sind Sie?“
Der Mann antwortete ruhig:
„Der Mann, der dafür gesorgt hat, dass alle glauben, ich sei tot.“
Dann sah er mich an.
„Und jetzt ist es Zeit, dir zu erzählen, warum dein Vater wirklich gestorben ist.“



