TEIL 2 — „ICH KENNE DIESEN MANN“
Sirenen waren bereits zu hören, als Gavin Brandon noch immer am Kragen festhielt.
„Lassen Sie mich los!“, brüllte Brandon. „Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie sich anlegen!“
Gavin bewegte sich keinen Zentimeter.
„Doch“, sagte er ruhig. „Ich weiß ziemlich genau, mit wem ich es zu tun habe.“
Ich lag noch immer auf dem kalten Boden.
Die Frau von der Nachbarkasse kniete neben mir und hielt meine Hand.
„Atmen Sie langsam“, sagte sie. „Der Rettungswagen ist unterwegs.“
Ich wollte antworten, aber meine Stimme versagte.
Mein ganzer Körper zitterte.
Das Einzige, woran ich denken konnte, war mein Baby.
Ich legte beide Hände auf meinen Bauch.
„Bitte beweg dich“, flüsterte ich. „Bitte, mein Schatz.“
Dann spürte ich es.
Ein winziger Tritt.
Schwach.
Aber eindeutig.
Mir liefen sofort Tränen über das Gesicht.
„Mein Baby… es bewegt sich.“
Die Frau neben mir lächelte erleichtert.
Doch Brandon hörte es.
„Siehst du?“, sagte er sofort. „Es ist alles in Ordnung. Das beweist doch, dass ich nichts getan habe.“
Ich sah ihn an.
Ich konnte kaum glauben, was ich hörte.
Er hatte gerade meinen Bauch gegen eine Metallkante geschleudert.
Und jetzt benutzte er die Bewegung unseres ungeborenen Kindes als Beweis für seine Unschuld.
In diesem Moment kamen zwei Polizisten in den Laden.
„Was ist hier passiert?“
Gavin deutete auf Brandon.
„Er hat seine schwangere Frau gegen die Kasse gestoßen. Mehrere Personen haben es gesehen.“
„Das stimmt nicht!“, rief Brandon.
Einer der Polizisten trat auf ihn zu.
„Hände hinter den Rücken.“
„Sie machen einen Fehler! Ich bin Regionalleiter! Ich kenne Leute bei—“
Die Handschellen klickten.
Zum ersten Mal sagte Brandon nichts.
Die Sanitäter kamen wenige Sekunden später zu mir.
Sie untersuchten meinen Blutdruck, meinen Bauch und überprüften die Herztöne des Babys.
Als ich den schnellen Herzschlag hörte, begann ich zu weinen.
„Das Herz schlägt“, sagte die Sanitäterin. „Aber Sie müssen sofort ins Krankenhaus.“
Ich wurde auf die Trage gelegt.
Als ich an Brandon vorbeigeschoben wurde, begegneten sich unsere Blicke.
Er sah nicht mehr wütend aus.
Er sah nervös aus.
Und dann bemerkte ich etwas.
Gavin stand hinter ihm und hielt noch immer Brandons Handy in der Hand.
„Das ist heruntergefallen, als ich ihn festgehalten habe“, erklärte er dem Polizisten.
Brandon wurde kreidebleich.
„Geben Sie mir mein Handy.“
Gavin antwortete nicht.
Der Polizist nahm es an sich.
„Wir werden es sichern.“
„Nein!“
Brandon schrie das Wort so laut, dass sich alle im Laden umdrehten.
Der Polizist sah ihn lange an.
„Warum ist Ihnen Ihr Telefon wichtiger als Ihre verletzte Frau?“
Brandon schwieg.
Ich wurde hinausgebracht.
Doch kurz bevor sich die Türen des Krankenwagens schlossen, hörte ich Gavin sagen:
„Officer, ich muss Ihnen etwas sagen.“
Der Polizist drehte sich zu ihm.
Gavin senkte die Stimme.
„Ich kenne diesen Mann.“
Dann zeigte er auf das Handy.
„Und ich glaube, dass Sie sich seine Nachrichten sehr genau ansehen sollten.“
* * *
Im Krankenhaus wurde ich sofort untersucht.
Zum Glück hatte das Baby keinen Herzstillstand erlitten.
Aber die Ärzte wollten mich über Nacht beobachten.
Ich lag allein in einem kleinen Zimmer.
Brandon war nicht da.
Zum ersten Mal seit Monaten hatte ich Ruhe.
Doch diese Ruhe fühlte sich seltsam an.
Mein Handy vibrierte.
Eine Nachricht.
Von einer unbekannten Nummer.
„Sie kennen nicht die Wahrheit über Ihren Mann.“
Ich starrte auf den Bildschirm.
Eine zweite Nachricht folgte.
„Fragen Sie ihn, warum er jeden Donnerstagabend nach Westbrook fährt.“
Dann kam eine dritte Nachricht.
Ein Foto.
Ich öffnete es.
Darauf war Brandon zu sehen.
Er stand vor einem kleinen Haus.
Neben ihm stand eine Frau.
Und auf ihrem Arm…
war ein kleines Mädchen.
Ich hielt den Atem an.
Ich kannte diese Frau nicht.
Aber das Kind trug eine pinke Jacke mit einem kleinen weißen Einhorn.
Und plötzlich erinnerte ich mich.
Brandon hatte mir vor sechs Monaten erzählt, er müsse donnerstags immer länger im Büro bleiben.
Ich hatte ihm geglaubt.
Ich hatte ihm immer geglaubt.
Bis zu diesem Moment.
Dann kam eine weitere Nachricht.
„Das Kind ist nicht das größte Geheimnis.“
Mein Herz begann zu rasen.
Ich tippte:
„Wer sind Sie?“
Die Antwort kam sofort.
„Jemand, der versucht hat, Sie zu warnen.“
Dann verschwand die Nummer.
Ich legte das Handy auf den Tisch.
Meine Hände zitterten.
Brandon hatte mich nicht nur geschlagen.
Vielleicht hatte ich meinen eigenen Ehemann überhaupt nicht gekannt.
Und während ich versuchte, die Gedanken zu ordnen, öffnete sich die Tür.
Gavin stand dort.
Er sah ernst aus.
„Darf ich mit Ihnen sprechen?“
Ich nickte.
Er setzte sich neben mein Bett.
„Es gibt etwas, das ich Ihnen erzählen muss.“
Ich schluckte.
„Was?“
Gavin sah zur Tür.
Dann sagte er leise:
„Ich habe Ihren Mann vor drei Jahren schon einmal gesehen. Und damals war er nicht mit einer anderen Frau hier.“
Er machte eine Pause.
„Er war mit einem Mann hier.“
Ich runzelte die Stirn.
„Was bedeutet das?“
Gavin sah mich direkt an.
„Er hat damals etwas aus diesem Laden gestohlen.“
Mein Herz blieb beinahe stehen.
„Was?“
Gavin antwortete:
„Dokumente.“
Dann fügte er hinzu:
„Und ich glaube, dass genau diese Dokumente der Grund sind, warum Ihr Mann heute so viel Angst vor seinem Handy hatte.“



