TEIL 3 — DAS HAUS IN WESTBROOK
Ich schlief in dieser Nacht kaum.
Immer wieder sah ich das Foto vor mir.
Brandon vor diesem Haus.
Die unbekannte Frau.
Das kleine Mädchen.
Und dann Gavins Worte.
Dokumente.
Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte.
Am nächsten Morgen kam Detective Miller in mein Krankenhauszimmer.
Er war Mitte fünfzig, hatte graues Haar und sprach mit einer ungewöhnlichen Ruhe.
„Ihr Mann wurde gestern Abend vorläufig festgenommen“, sagte er.
Ich nickte.
„Was passiert jetzt?“
„Das hängt davon ab, was wir bei der Untersuchung feststellen.“
Er setzte sich.
„Wir haben die Aufnahmen der Überwachungskameras. Mehrere Kunden haben ausgesagt. Und der Angriff ist ziemlich eindeutig.“
Ich sah aus dem Fenster.
„Ich möchte nicht zurück zu ihm.“
„Das müssen Sie auch nicht.“
Ich sah ihn überrascht an.
„Wir können Ihnen helfen, an einen sicheren Ort zu kommen.“
Ich schwieg einige Sekunden.
Dann fragte ich:
„Was ist auf seinem Handy?“
Detective Miller sah mich aufmerksam an.
„Warum fragen Sie?“
„Weil er völlig außer sich war, als Sie es mitgenommen haben.“
Der Detective lehnte sich zurück.
„Wir haben noch keinen vollständigen Zugriff. Aber wir haben bereits einige interessante Dinge gefunden.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Welche Dinge?“
„Zahlungen. Mehrere Überweisungen auf ein Konto, das nicht auf Ihren Namen läuft.“
„Wie viel?“
Er sah in seine Unterlagen.
„In den letzten zwei Jahren ungefähr 240.000 Dollar.“
Ich erstarrte.
„Was?“
„Das Geld wurde regelmäßig in kleinere Beträge aufgeteilt.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das kann nicht sein. Brandon verdient gut, aber wir haben keine 240.000 Dollar.“
Der Detective sah mich ernst an.
„Genau deshalb ist es interessant.“
Ich dachte an unsere Ehe.
An die Rechnungen.
An die angeblich hohen Ausgaben.
An die vielen Abende, an denen Brandon mir gesagt hatte, wir müssten sparen.
Und plötzlich ergab vieles einen anderen Sinn.
„Hat er noch andere Konten?“
„Wir prüfen das.“
Dann holte der Detective ein Foto aus einer Mappe.
Es war das gleiche Haus wie auf meinem Handy.
„Kennen Sie diese Adresse?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Westbrook.“
Mein Magen verkrampfte sich.
„Die Frau dort heißt Laura Bennett.“
Ich sah ihn an.
„Und das Kind?“
„Emma. Sechs Jahre alt.“
Sechs.
Ich rechnete automatisch.
Brandon hatte mich vor sieben Jahren geheiratet.
Ich spürte, wie mir kalt wurde.
„Ist sie seine Tochter?“
Der Detective antwortete nicht sofort.
Dann sagte er:
„Wir wissen es noch nicht.“
Ich atmete langsam aus.
„Aber Sie vermuten es.“
„Wir prüfen es.“
Nach dem Gespräch blieb ich allein zurück.
Ich wusste, dass ich Antworten brauchte.
Also bat ich meine Schwester Hannah, meine Sachen aus unserem Haus zu holen.
Eine Stunde später rief sie mich an.
„Maya…“
Ihre Stimme klang seltsam.
„Was ist?“
„Ich glaube, du solltest selbst herkommen.“
„Warum?“
„Ich habe etwas in Brandons Arbeitszimmer gefunden.“
„Was?“
Sie schwieg.
Dann sagte sie:
„Einen zweiten Reisepass.“
Mein Herz setzte aus.
„Was?“
„Nicht auf deinen Namen. Nicht einmal auf seinen.“
Ich schloss die Augen.
„Was steht darin?“
„Der Name ist Daniel Reed.“
Ich kannte diesen Namen nicht.
Hannah schickte mir ein Foto.
Auf der ersten Seite war Brandons Gesicht.
Aber der Name war tatsächlich:
Daniel Reed.
Ich starrte auf das Bild.
„Das kann nicht sein.“
„Doch.“
„Bist du sicher?“
„Ja.“
Dann hörte ich Hannah plötzlich sagen:
„Warte.“
„Was?“
„Hier ist noch etwas.“
Ich hörte Schubladen öffnen.
Papier rascheln.
Dann wurde sie ganz still.
„Hannah?“
„Maya… ich glaube, ich habe etwas gefunden, das du sehen musst.“
„Was?“
„Einen Ordner.“
„Was steht drauf?“
Ihre Stimme zitterte.
„Dein Name.“
* * *
Am Abend durfte ich das Krankenhaus verlassen.
Ich wollte direkt zu meiner Schwester.
Als ich den Ordner öffnete, lagen darin Kopien von Bankunterlagen, Immobilienpapieren und Versicherungsverträgen.
Doch eine Seite ließ mich erstarren.
Es war ein Versicherungsformular.
Mein Name stand darauf.
Daneben eine Summe.
1.500.000 Dollar.
Als Begünstigter war Brandon eingetragen.
Ich blickte Hannah an.
„Wann wurde das abgeschlossen?“
Sie nahm das Dokument.
Ihre Augen wurden groß.
„Vor acht Monaten.“
Acht Monate.
Genau kurz nachdem ich schwanger geworden war.
Ich konnte kaum atmen.
Dann fiel ein weiteres Blatt aus dem Ordner.
Darauf stand ein Datum.
Und eine Adresse.
Westbrook.
Ich verstand plötzlich, warum Brandon so nervös geworden war.
Warum er nicht wollte, dass jemand sein Handy untersuchte.
Warum er wütend wurde, wenn ich Fragen stellte.
Aber dann entdeckte ich etwas, das alles veränderte.
Auf der letzten Seite stand handschriftlich:
„Wenn Maya jemals die Wahrheit erfährt, muss sie sofort verschwinden.“
Darunter stand ein Name.
Nicht Brandon.
Nicht Daniel Reed.
Sondern:
Laura Bennett.
Ich sah Hannah an.
„Wir müssen zu diesem Haus.“
„Bist du verrückt?“
„Vielleicht.“
Ich nahm den Ordner.
„Aber wenn Laura weiß, was Brandon getan hat, ist sie vielleicht die Einzige, die mir die Wahrheit sagen kann.“
Wir wussten nicht, dass uns jemand bereits beobachtete.
Als wir das Haus verließen, stand am Ende der Straße ein schwarzer Wagen.
Der Fahrer hob sein Handy.
Und schickte eine Nachricht:
„Sie hat den Ordner gefunden.“



