TEIL 11 — WAS IN MEINEM BABY VERBORGEN IST
Ich konnte Sophias Worte nicht verstehen.
Oder vielleicht wollte ich sie nicht verstehen.
„Was meinst du?“
Sophia hielt meine Hand.
Ihre Finger waren eiskalt.
„Harris glaubt, dass dein Baby die letzte genetische Verbindung zu unserem Vater trägt.“
Miller trat näher.
„Erklären Sie das.“
Sophia sah ihn an.
„Unser Vater hatte eine seltene genetische Mutation.“
„Welche?“
„Eine, die Harris unbedingt kontrollieren wollte.“
Ich sah auf meinen Bauch.
„Und mein Baby?“
Sophia schluckte.
„Es könnte diese Mutation geerbt haben.“
„Ist das gefährlich?“
„Für das Baby vielleicht nicht.“
„Dann verstehe ich es nicht.“
Sophia sah mich direkt an.
„Für Harris ist dein Baby ein Beweis.“
„Ein Beweis wofür?“
„Dass sein Projekt funktioniert hat.“
Stille.
Miller sagte:
„Welches Projekt?“
Sophia antwortete:
„Genesis.“
* * *
Wir brachten Sophia in ein sicheres Krankenhaus.
Sie bekam sofort medizinische Versorgung.
Doch bevor sie behandelt wurde, übergab sie Miller einen kleinen Datenträger.
„Das hat unser Vater mir gegeben.“
„Wann?“
„Bevor er starb.“
Miller sah mich an.
„Warum haben Sie ihn so lange behalten?“
Sophia antwortete:
„Weil ich Angst hatte.“
„Vor Harris?“
„Vor allen.“
Sie sah mich an.
„Ich wusste nicht, wem ich vertrauen konnte.“
Der Datenträger enthielt hunderte Dateien.
Finanztransaktionen.
Forschungsberichte.
Patientenakten.
Und schließlich eine Videodatei.
Mein Vater erschien auf dem Bildschirm.
Er sah älter aus als im ersten Video.
Erschöpft.
Verzweifelt.
„Maya, wenn du dieses Video siehst, hast du wahrscheinlich bereits erfahren, dass du zwei Schwestern hast.“
Ich begann zu weinen.
Mein Vater fuhr fort:
„Ich habe euch drei Mädchen getrennt, weil ich glaubte, dass ich euch dadurch retten könnte.“
Er machte eine Pause.
„Aber ich habe mich geirrt.“
Dann sagte er etwas, das niemand erwartet hatte.
„Harris war nie allein.“
Miller erstarrte.
„Was?“
Mein Vater sprach weiter:
„Er hatte Unterstützung in der Regierung. In Krankenhäusern. In Banken. Und in meiner eigenen Familie.“
Meine Mutter begann zu weinen.
„Nein.“
Ich sah sie an.
„Was hat er damit gemeint?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht.“
Das Video lief weiter.
„Richard war nur ein Teil des Plans. Gavin war nur ein Werkzeug. Brandon wurde eingesetzt, um Maya zu überwachen.“
Ich schloss die Augen.
Mein Vater kannte die Wahrheit.
Schon bevor Brandon mich geheiratet hatte.
Dann sagte er:
„Aber der gefährlichste Mensch ist nicht derjenige, der dir am nächsten steht.“
Ich hielt den Atem an.
„Es ist derjenige, den du niemals verdächtigen würdest.“
Das Video endete.
Miller stand auf.
„Wir müssen herausfinden, wer das ist.“
* * *
Drei Tage später wurde Brandon aus dem Gefängnis gebracht.
Nicht zur Verhandlung.
Zu einer geheimen Befragung.
Miller konfrontierte ihn mit dem Video.
Brandon sah erschüttert aus.
„Ich wusste nichts davon.“
„Du hast Maya überwacht.“
„Ja.“
„Du hast sie wegen des Geldes geheiratet.“
„Ja.“
„Aber wusstest du von Genesis?“
Brandon schwieg.
Miller schlug die Akte auf den Tisch.
„Brandon.“
Er begann zu weinen.
„Ich wusste nur, dass Harris Informationen über sie wollte.“
„Welche Informationen?“
„Ihre medizinischen Daten.“
„Warum?“
„Er sagte, sie sei wichtig.“
„Für was?“
Brandon sah mich an.
„Er hat nie gesagt, dass es um das Baby geht.“
Ich fragte:
„Wer hat dich bezahlt?“
Brandon senkte den Kopf.
„Eine Stiftung.“
„Welche?“
Er zögerte.
Dann nannte er den Namen.
Bennett Family Foundation.
Ich erstarrte.
„Was?“
„Das ist unmöglich.“
Brandon schüttelte den Kopf.
„Sie existiert seit über zwanzig Jahren.“
Miller wurde blass.
„Wer sitzt im Vorstand?“
Brandon antwortete:
„Deine Mutter.“
Ich sah zu meiner Mutter.
Sie wurde kreidebleich.
„Das ist nicht wahr.“
Doch Miller überprüfte bereits die Daten.
Wenige Minuten später bestätigte sich alles.
Meine Mutter war seit Jahren Mitglied des Vorstands.
Ich konnte kaum atmen.
„Warum hast du mir nie davon erzählt?“
Sie begann zu weinen.
„Weil ich deinen Vater schützen wollte.“
„Oder Harris?“
„Nein!“
„Dann sag mir die Wahrheit!“
Sie stand auf.
„Ich habe nicht gewusst, was sie wirklich tun.“
„Aber du hast Geld überwiesen.“
„Ich dachte, es wäre Forschung.“
„An wen?“
Sie schwieg.
Miller fragte:
„An wen?“
Meine Mutter sah mich an.
Dann sagte sie:
„An Dr. Harris.“
Die Tür ging plötzlich auf.
Ein Beamter stürmte herein.
„Detective!“
Miller drehte sich um.
„Was ist passiert?“
„Dr. Harris ist verschwunden.“
„Wie?“
„Er hat das Krankenhaus vor zwanzig Minuten verlassen.“
Miller fluchte.
„Wo ist Sophia?“
Der Beamte antwortete:
„Sie ist nicht mehr auf ihrem Zimmer.“
Mein Herz setzte aus.
„Was?“
Miller rannte los.
Ich hinterher.
Wir erreichten das Zimmer.
Das Bett war leer.
Das Fenster stand offen.
Auf dem Kissen lag ein Zettel.
Ich nahm ihn.
Darauf stand:
„Maya, wenn du das liest, bin ich wieder bei ihm. Komm nicht nach mir. Er will, dass du kommst.“
Darunter stand eine Adresse.
Eine Adresse, die ich kannte.
Mein Elternhaus.
Ich sah Miller an.
„Er will mich dort haben.“
Miller nickte.
„Das ist eine Falle.“
Ich hielt den Zettel fester.
Dann spürte ich einen heftigen Tritt meines Babys.
Ich sah auf meinen Bauch.
Und plötzlich hörte ich in meinem Kopf wieder die Stimme meines Vaters:
„Vertraue niemandem.“
Ich wusste, dass ich nicht allein dorthin gehen durfte.
Doch dann klingelte mein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
Eine Männerstimme sagte:
„Maya, wenn du deine Schwester lebend wiedersehen willst, komm allein.“
Ich fragte:
„Wer sind Sie?“
Die Stimme lachte.
„Du kennst mich seit deiner Kindheit.“
Dann legte er auf.
Ich sah Miller an.
„Wer könnte das sein?“
Er antwortete nicht.
Denn in diesem Moment bekam er eine Nachricht.
Er las sie.
Sein Gesicht wurde völlig weiß.
„Maya…“
„Was?“
Er zeigte mir sein Telefon.
Eine Überwachungskamera hatte den Mann aufgenommen, der Sophia entführt hatte.
Das Bild war unscharf.
Aber sein Gesicht war deutlich genug.
Ich erkannte ihn sofort.
Ich hatte ihn mein ganzes Leben lang gekannt.
Es war mein eigener Onkel Richard.
Doch Richard saß im Gefängnis.
Und genau in diesem Moment kam eine zweite Nachricht:
„Der Mann im Gefängnis ist nicht Richard.“



