TEIL 10 — DAS GEHEIMNIS MEINER GEBURT
Meine Mutter wollte zuerst nicht reden.
Als ich sie mit der Akte konfrontierte, wurde ihr Gesicht bleich.
„Woher hast du das?“
„Von meinem Vater.“
Sie setzte sich.
„Maya, du musst mir zuhören.“
„Nein.“
Meine Stimme zitterte.
„Diesmal hörst du mir zu.“
Sie senkte den Kopf.
„Dein Vater wollte dich schützen.“
„Alle sagen das.“
Ich legte die Akte auf den Tisch.
„Aber niemand sagt mir wovor.“
Meine Mutter begann zu weinen.
„Du warst nicht das Kind, das sie erwartet hatten.“
Ich verstand den Satz nicht.
„Was bedeutet das?“
Sie sah mich an.
„Als ich mit dir schwanger war, wussten wir, dass etwas nicht stimmte.“
„Was?“
„Deine Blutwerte.“
Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.
„Welche Blutwerte?“
„Dein Vater hatte damals Kontakt zu einem Forschungsteam.“
„Harris?“
Sie nickte.
„Er war einer der Ärzte.“
„Was hat er gemacht?“
„Er untersuchte genetische Erkrankungen.“
„Und mich?“
Meine Mutter schwieg.
„Er hat mich untersucht.“
„Ja.“
„Warum?“
Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Weil du genetische Merkmale hattest, die auch deine Schwestern hatten.“
Ich erstarrte.
„Schwestern?“
„Dein Vater wollte nie, dass du erfährst, dass es Sophia gab.“
„Warum?“
„Weil Sophia verschwunden war.“
„Und Elena?“
„Elena wurde versteckt.“
Ich stand auf.
„Warum habt ihr alle gelogen?“
Meine Mutter weinte.
„Weil dein Vater Angst hatte.“
„Vor Harris?“
Sie nickte.
„Harris wollte euch drei Mädchen untersuchen.“
„Warum?“
Meine Mutter sah mich an.
„Weil ihr Teil eines Projekts wart.“
Mir wurde schwindelig.
„Projekt Genesis.“
Sie nickte.
„Ja.“
* * *
Ich rief Miller an.
Eine Stunde später saßen wir gemeinsam im Wohnzimmer.
Meine Mutter erzählte alles.
Vor fast dreißig Jahren hatte mein Vater eine Firma gegründet, die medizinische Forschung finanzierte.
Dabei lernte er Harris kennen.
Harris leitete ein geheimes Forschungsprogramm.
Offiziell ging es um die Heilung seltener genetischer Krankheiten.
Inoffiziell ging es um etwas anderes.
Harris wollte bestimmte genetische Merkmale von Kindern untersuchen und verändern.
Mein Vater hatte zunächst geholfen.
Bis er erkannte, was wirklich geschah.
„Warum hat er nicht sofort die Polizei gerufen?“, fragte Miller.
Meine Mutter sah zu Boden.
„Weil er zu tief darin steckte.“
„Und dann?“
„Er versuchte, alle Daten zu löschen.“
„Was geschah mit Sophia?“
Meine Mutter schloss die Augen.
„Harris nahm sie.“
Elena begann zu weinen.
„Warum habt ihr sie nicht zurückgeholt?“
„Wir haben es versucht.“
„Nicht genug.“
Elena stand auf.
„Ihr habt mich jahrelang glauben lassen, dass sie tot ist.“
Meine Mutter konnte nichts sagen.
Dann öffnete Miller einen weiteren Ordner.
„Es gibt noch etwas.“
Er zeigte auf eine Liste.
Mehrere Patienten.
Mehrere Kinder.
Und neben einigen Namen stand:
TRANSFERIERT.
Neben Sophia:
AKTIV.
Ich spürte, wie mein Körper erstarrte.
„Aktiv?“
Miller nickte.
„Das bedeutet, dass sie möglicherweise noch lebt und überwacht wird.“
„Wo?“
„Wir suchen danach.“
In diesem Moment klingelte das Telefon meiner Mutter.
Sie ging ran.
„Hallo?“
Ihre Augen wurden plötzlich groß.
„Wer spricht da?“
Sie wurde blass.
Dann reichte sie mir langsam das Telefon.
„Für dich.“
Ich nahm es.
„Hallo?“
Eine weibliche Stimme antwortete.
Leise.
Zitternd.
Aber irgendwie vertraut.
„Maya?“
Ich bekam keine Luft.
„Wer bist du?“
„Ich habe lange auf dich gewartet.“
„Sophia?“
Stille.
Dann:
„Ja.“
Ich begann zu weinen.
„Wo bist du?“
„Unter dem Krankenhaus.“
Miller riss mir das Telefon aus der Hand.
„Sophia, bleiben Sie am Telefon.“
Doch die Verbindung brach ab.
Ich sah Miller an.
„Sie lebt.“
Er nickte.
„Und wir holen sie da raus.“
* * *
Wir fuhren noch in derselben Nacht zum Krankenhaus.
Die Polizei sicherte den gesamten Bereich.
Miller und ein Spezialteam gingen in den Keller.
Ich musste draußen bleiben.
Es fühlte sich unerträglich an.
Nach zwanzig Minuten kam ein Beamter heraus.
„Detective Miller möchte, dass Sie kommen.“
Ich rannte hinein.
Im unterirdischen Bereich fanden wir eine verschlossene Station.
Dahinter standen medizinische Geräte.
Betten.
Monitore.
Und an der Wand hingen Fotos.
Fotos von mir.
Von Elena.
Von Sophia.
Doch dann sah ich das letzte Foto.
Es war erst wenige Tage alt.
Darauf war Sophia.
Eine erwachsene Frau.
Sie saß in einem Krankenhausbett.
Neben ihr stand Dr. Harris.
Ich ging näher.
Unter dem Foto stand:
„Phase Drei beginnt, sobald Maya schwanger ist.“
Meine Hand wanderte automatisch zu meinem Bauch.
„Mein Baby.“
Miller sah mich an.
„Jetzt wissen wir, warum Harris es so dringend wollte.“
Plötzlich ertönte ein Alarm.
Eine rote Lampe begann zu blinken.
Dann öffnete sich eine Tür.
Eine Frau taumelte heraus.
Blass.
Abgemagert.
Aber lebendig.
Elena schrie:
„Sophia!“
Die beiden Schwestern fielen sich in die Arme.
Ich konnte nur weinen.
Doch Sophia sah mich an.
Ihr Blick war voller Angst.
„Maya.“
„Ja?“
Sie griff nach meiner Hand.
„Du darfst dein Baby nicht zur Welt bringen.“
Ich erstarrte.
„Warum?“
Sophia sah hinter mich.
„Weil Harris nicht dein Baby will.“
Sie flüsterte:
„Er will, was in deinem Baby ist.“



