TEIL 7 — DAS KIND, DAS VICTOR FÜRCHTETE
Ich starrte auf den Bildschirm.
99,8 Prozent.
Ich las die Zahl noch einmal.
Dann noch einmal.
„Das ist unmöglich.“
David sagte nichts.
„Victor ist Daniels Vater.“
„Ja.“
„Mein Kind ist von Daniel.“
„Ja.“
„Dann müsste Victor der Großvater sein.“
David nickte.
„Genau.“
Ich sah ihn an.
„Warum ist das in einer geheimen Akte?“
„Weil jemand diesen Test absichtlich durchgeführt hat.“
Ich fühlte mich plötzlich krank.
„Wer?“
„Das müssen wir herausfinden.“
Ich schloss den Laptop.
„Nein.“
David sah mich fragend an.
„Nein?“
„Ich will wissen, warum Victor den Test wollte.“
Ich dachte an seinen Blick.
An die Zigarette.
An seine Wut.
An den Moment, als er meinen Bauch verletzt hatte.
Er hatte meinen Bauch nicht zufällig getroffen.
Er hatte gewusst, dass mein Kind dort war.
Aber warum?
Wir verbrachten den Rest der Nacht damit, die Dateien zu untersuchen.
Gegen fünf Uhr morgens fanden wir eine zweite Datei.
Ein Gespräch zwischen Victor und einem Arzt.
Dr. Adrian Keller.
Mein Arzt.
Ich erkannte seine Stimme sofort.
„Wie weit ist die Schwangerschaft?“, fragte Victor.
„Sechs Monate.“
„Und das Kind?“
„Gesund.“
„Gut.“
Eine Pause.
Dann fragte Victor:
„Hat der Test funktioniert?“
Dr. Keller antwortete:
„Ja.“
„Und?“
„Das Kind trägt eine seltene genetische Kombination.“
„Was bedeutet das?“
„Dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit der rechtmäßige biologische Nachkomme der Mercer-Linie ist.“
Victor sagte:
„Dann müssen wir sicherstellen, dass Laura keine Kontrolle darüber bekommt.“
Ich hielt den Atem an.
„Wie?“
Dr. Keller antwortete:
„Wenn sie stirbt, fällt das Vermögen an das Kind.“
Victor lachte leise.
„Dann darf weder Laura noch das Kind sterben.“
Ich erstarrte.
David stoppte die Aufnahme.
„Was bedeutet das?“
Ich flüsterte:
„Sie wollen mein Kind nicht töten.“
„Nein.“
„Sie wollen es kontrollieren.“
David nickte.
„Und dich ebenfalls.“
Mir wurde plötzlich klar, warum Daniel mich nie wirklich verlassen hatte.
Warum er immer wieder zurückkam.
Warum er so besessen davon war, dass ich ihm vertraute.
Solange ich lebte, konnte er über mich auf das Vermögen zugreifen.
Wenn ich starb, würde mein Kind erben.
Aber wenn er das Sorgerecht bekam…
konnte er die Kontrolle über alles behalten.
Mein Handy klingelte.
Die Polizei.
„Frau Mercer, wir haben neue Informationen.“
Ich stand auf.
„Welche?“
„Wir haben das Video Ihres Ehemannes überprüft.“
„Und?“
„Es wurde manipuliert.“
Ich schloss die Augen.
Erleichterung.
„Das bedeutet, dass er gelogen hat.“
„Ja.“
„Und Victor?“
„Gegen ihn liegt inzwischen ausreichend Material vor, um ihn vorläufig festzunehmen.“
Ich atmete tief durch.
Dann sagte die Beamtin:
„Aber es gibt ein Problem.“
„Welches?“
„Ihr Ehemann ist verschwunden.“
Ich erstarrte.
„Daniel?“
„Ja.“
„Wo?“
„Wir wissen es nicht.“
Ich sah David an.
Er wurde blass.
„Sein Handy wurde zuletzt in der Nähe des Flughafens registriert.“
„Will er fliehen?“
„Möglicherweise.“
Nach dem Gespräch setzte ich mich.
Daniel war verschwunden.
Aber warum?
Dann fiel mir seine letzte Nachricht ein.
Jemand anderes hat das Video erstellt.
Vielleicht war Daniel nicht der Haupttäter.
Vielleicht hatte er Angst.
Ich nahm mein Handy.
Ich schrieb ihm:
Wo bist du?
Keine Antwort.
Eine Stunde später kam eine Nachricht.
Nicht vertrauen.
Ich starrte darauf.
Dann folgte:
Nicht einmal David.
Mein Herz schlug schneller.
Ich sah meinen Anwalt an.
Er hatte die Nachricht ebenfalls gelesen.
„Was soll das bedeuten?“
David antwortete:
„Ich weiß es nicht.“
Dann kam eine zweite Nachricht.
Der Mann, der dir geholfen hat, kennt die Wahrheit über deine Eltern.
Ich blickte zu David.
„Was weißt du über meine Eltern?“
Er wurde still.
„David.“
„Laura, das ist kompliziert.“
„Nein.“
Ich stand auf.
„Es ist nicht kompliziert.“
„Laura—“
„Du hast mich jahrelang beschützt.“
„Ja.“
„Aber vor wem?“
Er schwieg.
„Vor Victor?“
Keine Antwort.
„Vor Daniel?“
Wieder Schweigen.
Dann sagte er:
„Vor deinem Vater.“
Ich erstarrte.
„Mein Vater ist tot.“
David schüttelte langsam den Kopf.
„Das dachten wir.“
Ich konnte nicht sprechen.
„Was meinst du?“
Er setzte sich.
„Jonathan Mercer ist möglicherweise noch am Leben.“
Mein Herz schlug gegen meine Rippen.
„Wo?“
„Ich weiß es nicht.“
„Du hast gerade gesagt, er lebt.“
„Ich sagte möglicherweise.“
„David, hör auf.“
Er öffnete eine alte Akte.
Darin lag ein Foto.
Ein Mann.
Älter.
Mit grauem Haar.
Ich erkannte ihn nicht.
Aber darunter stand:
Jonathan Mercer — Status unbekannt.
Ich sah David an.
„Warum hast du mir das nie gesagt?“
„Weil ich vor drei Jahren eine Nachricht erhalten habe.“
„Von wem?“
Er drehte das Foto um.
Auf der Rückseite stand:
Wenn Laura jemals die Wahrheit erfährt, wird Jonathan zurückkommen.
Ich schluckte.
„Und wer hat das geschrieben?“
David sagte:
„Deine Mutter.“
Ich hielt den Atem an.
„Rebecca Hale?“
„Ja.“
Dann vibrierte mein Telefon.
Eine neue Nachricht.
Diesmal von einer unbekannten Nummer.
Laura, dein Vater ist nicht tot.
Darunter:
Und er ist näher, als du glaubst.
Dann kam ein Foto.
Ich öffnete es.
Es zeigte einen Mann vor einem Café.
Ich zoomte hinein.
Und erkannte ihn.
Er stand nur wenige Meter hinter David.



