TEIL 2 — DAS KONTO, DAS NIE MIR GEHÖREN SOLLTE
Ich starrte noch immer auf die Nachricht meines Anwalts.
Laura, nimm keinen Kontakt zu Daniel auf. Ich habe noch etwas herausgefunden. Etwas, das direkt mit deinen Finanzen zusammenhängt.
Mein Herz schlug schneller.
„Was bedeutet das?“, fragte ich.
Der Ermittler neben meinem Bett sah mich fragend an.
Ich schüttelte den Kopf.
„Nichts. Mein Anwalt.“
Er nickte und stand auf.
„Ich lasse Sie kurz allein.“
Als sich die Tür hinter ihm schloss, rief ich meinen Anwalt an.
Er nahm sofort ab.
„Laura.“
Seine Stimme klang anders als sonst.
Ernst.
Angespannt.
„Was ist passiert?“
„Ich habe gerade deine Bankunterlagen und die Dokumente zur Eigentumsübertragung prüfen lassen.“
„Welche Eigentumsübertragung?“
Am anderen Ende herrschte kurz Schweigen.
„Genau das ist das Problem.“
Ich richtete mich vorsichtig im Krankenhausbett auf.
„David, sag mir endlich, was los ist.“
„Vor ungefähr acht Monaten wurde versucht, eine Vollmacht über mehrere deiner Konten einzurichten.“
Mir wurde kalt.
„Von wem?“
„Von Daniel.“
Ich schloss die Augen.
Natürlich.
„Aber ich habe ihm nie eine Vollmacht gegeben.“
„Das weiß ich.“
„Dann kann er doch nicht—“
„Er konnte es nicht legal.“
Eine Pause.
„Aber jemand hat es versucht.“
Meine Finger verkrampften sich um das Handy.
„Was meinst du mit versucht?“
„Es gab einen Antrag. Mit deiner Unterschrift.“
Ich öffnete die Augen.
„Das ist unmöglich.“
„Ich weiß.“
„Ich habe nichts unterschrieben.“
„Genau deshalb müssen wir vorsichtig sein.“
Ich sah zum Fenster.
Seattle lag unter einem dunklen Himmel. Über den Straßen glitzerten noch die letzten Neujahrslichter.
Vor wenigen Stunden hatte ich geglaubt, mein größtes Problem sei eine zerrissene Ehe.
Jetzt wusste ich, dass etwas viel Größeres dahintersteckte.
„Was wollte Daniel mit meinen Konten?“
David atmete tief durch.
„Nicht nur Daniel.“
Ich erstarrte.
„Wer noch?“
„Deine Schwiegermutter.“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Evelyn?“
„Ja.“
„Und Victor?“
Wieder Schweigen.
Dann sagte David:
„Auch Victor.“
Ich sagte kein Wort.
Plötzlich sah ich das Bild des Abendessens vor mir.
Evelyn mit ihrem Weinglas.
Chloe mit ihrem Handy.
Victor mit der Zigarette.
Daniel hinter mir.
Alle vier wussten etwas.
Etwas, das ich nicht wusste.
„Wie viel Geld haben sie versucht zu kontrollieren?“
David antwortete leise:
„Fast neun Millionen Dollar.“
Ich dachte, ich hätte mich verhört.
„Was?“
„Deine privaten Anlagen, Aktienoptionen und mehrere Investmentkonten.“
Ich lachte einmal.
Nicht weil es lustig war.
Sondern weil mein Verstand sich weigerte, diese Zahl zu akzeptieren.
„Warum sollten sie neun Millionen Dollar stehlen wollen?“
„Das ist die falsche Frage.“
„Welche ist die richtige?“
David wurde leiser.
„Warum glaubten sie, dass sie Anspruch darauf hätten?“
Ich schwieg.
Dann fiel mir etwas ein.
Vor zwei Jahren hatte Daniel mich einmal gefragt, ob ich jemals ein Testament gemacht hätte.
Damals hatte ich gelacht.
Er nicht.
Ich hatte es für eine normale Frage gehalten.
Jetzt nicht mehr.
„David.“
„Ja?“
„Überprüfe bitte etwas.“
„Was?“
„Meine Lebensversicherung.“
Er sagte nichts.
Ich hörte nur Tastaturgeräusche.
Sekunden vergingen.
Dann hörte ich seinen Atem.
„Laura…“
„Was?“
„Dein Begünstigter ist Daniel.“
Mein Herz setzte aus.
„Was?“
„Auf der alten Police.“
„Ich habe ihn nie als Begünstigten eingetragen.“
„Dann müssen wir herausfinden, wer es getan hat.“
Ich legte langsam das Handy auf meinen Schoß.
Plötzlich ergaben die letzten drei Jahre einen völlig anderen Sinn.
Warum Daniel immer wollte, dass ich weniger arbeite.
Warum er ständig gefragt hatte, wie viel meine Firma wert war.
Warum er so interessiert an meinen Aktien gewesen war.
Warum seine Mutter meine Finanzberaterin kennenlernen wollte.
Warum Victor mich regelmäßig gefragt hatte, ob ich „endlich vernünftig investieren“ würde.
Und warum Daniel heute Abend solche Angst bekommen hatte, als ich von der Polizei sprach.
Nicht wegen der Zigarette.
Nicht wegen der Verletzung.
Sondern wegen dessen, was ich möglicherweise herausfinden würde.
Mein Handy vibrierte erneut.
Eine neue Nachricht von David.
Ich habe gerade eine weitere Datei gefunden.
Darunter befand sich ein Foto.
Ein Dokument.
Eine notarielle Vereinbarung.
Ich zoomte hinein.
Mein Name stand darauf.
Laura Mercer.
Darunter eine Klausel, die ich noch nie gesehen hatte.
Wenn ich innerhalb der Ehe starb, sollte ein erheblicher Teil meines Vermögens an Daniel gehen.
Aber darunter stand etwas anderes.
Eine zweite Unterschrift.
Und diese Unterschrift gehörte nicht mir.
Sie gehörte einer Frau namens Miriam Cole.
Ich kannte diesen Namen.
Sie war vor drei Jahren meine persönliche Assistentin gewesen.
Bevor sie plötzlich gekündigt hatte.
Damals hatte Daniel gesagt:
„Sie war unzuverlässig.“
Ich hatte ihm geglaubt.
Jetzt wusste ich nicht mehr, was ich noch glauben konnte.
Ich schrieb David:
Finde Miriam. Sofort.
Seine Antwort kam innerhalb weniger Sekunden.
Das habe ich bereits getan.
Dann folgte eine Adresse.
Und ein Satz, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Sie hat vor sechs Monaten versucht, dich zu erreichen.
Ich starrte auf die Nachricht.
Sechs Monate.
Genau zu dem Zeitpunkt, als ich mit Daniel über meine Schwangerschaft gesprochen hatte.
Ich dachte an den unbekannten Anruf, den ich damals erhalten hatte.
Eine Frauenstimme hatte nur gesagt:
„Vertrau deinem Mann nicht.“
Ich hatte aufgelegt.
Daniel hatte später behauptet, es sei wahrscheinlich irgendein Betrüger gewesen.
Jetzt wusste ich es besser.
Ich zog die Decke fester um mich.
Mein Baby bewegte sich leicht.
Ich legte die Hand auf meinen Bauch.
„Ich werde dich beschützen“, flüsterte ich.
Dann öffnete ich die Adresse.
Miriam wohnte weniger als dreißig Minuten vom Krankenhaus entfernt.
Und laut David wartete sie bereits auf mich.
* * *



