TEIL 9 — DIE FRAU, VOR DER VICTOR ANGST HATTE
„Warum sollte Victor Angst vor meiner Mutter haben?“
Jonathan sah mich lange an.
„Weil Rebecca die einzige Person ist, die ihn zu Fall bringen kann.“
Ich setzte mich.
„Dann lebt sie?“
Er nickte.
„Ja.“
„Wo ist sie?“
„Das weiß ich nicht.“
„Du hast sie also nicht gesehen?“
„Seit Jahren nicht.“
Ich konnte kaum glauben, was ich hörte.
„Aber die Polizei sagt, sie wurde entführt.“
„Dann muss jemand wissen, wo sie ist.“
David öffnete die Nachricht.
„Hier ist die Forderung.“
Er las:
Laura Mercer muss morgen um Mitternacht im alten Hafen erscheinen. Keine Polizei. Keine Anwälte. Keine Begleitung.
Darunter:
Bring den vollständigen Trust-Vertrag mit.
Ich sah Jonathan an.
„Sie wollen das Vermögen.“
„Nein.“
„Was dann?“
Jonathan schüttelte den Kopf.
„Wenn sie den Vertrag wollten, könnten sie ihn stehlen.“
„Also wollen sie mich.“
„Ja.“
„Warum?“
Er sah mich an.
„Weil du der einzige Mensch bist, der etwas besitzt, das sie brauchen.“
„Was?“
Jonathan sagte:
„Den Schlüssel.“
Ich dachte an die kleine goldene Kette, die ich seit meiner Kindheit trug.
Ich hatte sie immer für ein Schmuckstück gehalten.
Ich griff unter mein Shirt.
Die Kette hing dort.
Ein kleiner Anhänger.
Ein altes Symbol.
David sah ihn.
„Das ist es.“
„Was?“
„Der Schlüssel.“
Jonathan nickte.
„Lorenzo hat ihn dir gegeben.“
„Ich war ein Kind.“
„Genau deshalb.“
„Was öffnet er?“
Jonathan antwortete:
„Eine zweite Stiftung.“
Ich lachte bitter.
„Natürlich.“
„Diese Stiftung enthält keine Aktien.“
„Was dann?“
„Beweise.“
Mein Lachen verschwand.
„Beweise gegen Victor.“
Jonathan öffnete einen alten Koffer.
Darin lagen Fotos.
Bankunterlagen.
Tonbänder.
Briefe.
„Dein Vater hat jahrelang Beweise gesammelt.“
„Warum hast du sie nicht veröffentlicht?“
„Weil Victor wusste, wo du warst.“
Ich verstand.
„Du hast geschwiegen, um mich zu schützen.“
„Ja.“
„Und jetzt?“
„Jetzt weiß er ohnehin, dass du die Wahrheit kennst.“
David stand auf.
„Wir brauchen einen Plan.“
Ich sah ihn an.
„Wir gehen zum Hafen.“
„Nein.“
„David—“
„Du gehst nicht in eine Falle.“
„Meine Mutter ist dort.“
„Wir wissen nicht einmal, ob sie wirklich dort ist.“
Jonathan sagte:
„Sie ist dort.“
Wir sahen ihn an.
„Woher weißt du das?“
„Weil Rebecca mir gestern eine Nachricht geschickt hat.“
Er holte sein Telefon.
Eine Nachricht.
Nur drei Wörter:
Er hat mich gefunden.
Darunter eine Koordinate.
Der alte Hafen.
Ich fühlte einen kalten Schauer.
„Warum hast du mir das nicht gesagt?“
Jonathan sah mich an.
„Weil ich hoffte, du würdest nie erfahren, wie tief das geht.“
„Zu spät.“
Am nächsten Abend fuhren wir zum Hafen.
Die Polizei blieb in sicherer Entfernung.
David trug eine versteckte Kamera.
Jonathan blieb zurück.
Ich ging allein in die Lagerhalle.
Die Tür war offen.
Drinnen war es dunkel.
„Mama?“
Keine Antwort.
Dann hörte ich eine Stimme.
„Laura.“
Ich drehte mich um.
Eine Frau trat aus dem Schatten.
Rebecca.
Meine Mutter.
Sie war älter als auf den Fotos.
Aber ich erkannte sie sofort.
„Mama.“
Sie weinte.
Ich lief auf sie zu.
Doch bevor ich sie erreichen konnte, sagte sie:
„Bleib stehen.“
Ich stoppte.
„Warum?“
Sie sah hinter mich.
„Du bist nicht allein.“
Ich drehte mich um.
Niemand.
Dann hörte ich eine Stimme.
„Sehr gut.“
Victor trat aus der Dunkelheit.
Ich erstarrte.
In seiner Hand hielt er keine Waffe.
Nur einen Umschlag.
„Du bist gekommen.“
„Lass meine Mutter gehen.“
„Das werde ich.“
„Wann?“
„Wenn du mir den Schlüssel gibst.“
Ich hielt die Kette fest.
„Warum brauchst du ihn?“
Victor lächelte.
„Weil Rebecca mir seit dreißig Jahren etwas gestohlen hat.“
Meine Mutter schüttelte den Kopf.
„Ich habe dir nichts gestohlen.“
„Doch.“
Er sah mich an.
„Du hast mir meine Familie genommen.“
„Deine Familie?“
Victor lachte.
„Lorenzo hätte nie erfahren dürfen, dass Jonathan noch lebt.“
Ich blickte zu meiner Mutter.
„Was bedeutet das?“
Rebecca sagte:
„Victor war damals nicht nur hinter dem Unternehmen her.“
„Was dann?“
„Er wollte dich.“
„Warum?“
Sie schloss die Augen.
„Weil du nicht Jonathans einzige Tochter bist.“
Mein Herz blieb stehen.
„Was?“
Victor lächelte.
„Jetzt sind wir endlich bei der Wahrheit.“
Er zog ein altes Foto aus dem Umschlag.
Darauf waren zwei Babys.
Nebeneinander.
„Du hattest eine Zwillingsschwester.“
Ich konnte nicht atmen.
„Wo ist sie?“
Victor antwortete:
„Sie lebt.“
„Wo?“
Er sah mich direkt an.
„Sie ist seit drei Jahren deine beste Freundin.“
Mir wurde schwarz vor Augen.
Ich dachte an die Menschen, die mir nahestanden.
Und plötzlich wusste ich, wen er meinte.
„Nein.“
Victor lächelte.
„Doch.“
Ich flüsterte ihren Namen.
„Miriam.“
Rebecca begann zu weinen.
„Es tut mir leid.“
In diesem Moment hörte ich hinter mir Schritte.
Miriam trat aus dem Schatten.
Sie sah mich an.
Tränen liefen über ihr Gesicht.
„Ich wollte es dir sagen.“
Ich konnte nichts sagen.
Meine beste Freundin.
Meine frühere Assistentin.
Die Frau, die mich gewarnt hatte.
Meine Zwillingsschwester.
Doch bevor ich reagieren konnte, sagte Victor:
„Und jetzt kommt der Teil, den selbst sie nicht kennt.“
Er zeigte auf Rebecca.
„Deine Mutter hat nicht nur zwei Kinder bekommen.“
Er machte eine Pause.
„Es waren drei.“



