TEIL 3 — DIE FRAU, DIE VOR MIR GEWARNT HATTE
Eine Stunde später stand David vor meinem Krankenhauszimmer.
Er sah ungewöhnlich erschöpft aus.
„Du solltest dich ausruhen.“
„Ich will Miriam sehen.“
„Laura, du bist verletzt.“
„Ich weiß.“
„Und du bist schwanger.“
„Das weiß ich ebenfalls.“
Er seufzte.
„Dann fahre ich dich.“
Ich nickte.
Wir verließen das Krankenhaus durch einen Seitenausgang.
Ich wollte nicht, dass Daniel erfuhr, wohin ich ging.
Vor dem Gebäude wartete ein schwarzer Wagen.
Während der Fahrt sagte David kaum ein Wort.
Schließlich fragte ich:
„Was weißt du über Miriam?“
„Nicht viel.“
„Aber du hast sie gefunden.“
„Sie hat seit drei Jahren unter einem anderen Nachnamen gelebt.“
„Warum?“
David sah kurz zu mir.
„Weil sie Angst hatte.“
„Vor wem?“
Er antwortete nicht sofort.
Dann:
„Vor deiner Familie.“
Ich spürte einen Druck in meiner Brust.
Nach etwa fünfundzwanzig Minuten hielten wir vor einem kleinen Wohnhaus.
Miriam öffnete die Tür, noch bevor wir klingeln konnten.
Als sie mich sah, wurde ihr Gesicht bleich.
„Laura.“
Ich sagte nichts.
Sie sah auf meinen Bauch.
Dann auf meinen Arm.
Die Verletzung war inzwischen verbunden.
„Er hat es getan, oder?“
Ich nickte.
Miriam schloss kurz die Augen.
„Ich wusste, dass es irgendwann so weit kommen würde.“
„Was weißt du?“
Sie trat zur Seite.
„Komm rein.“
Wir setzten uns in ihr Wohnzimmer.
Miriam zitterte.
„Ich habe damals versucht, dich zu warnen.“
„Ich weiß.“
„Nein.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Du weißt noch nicht, warum.“
Sie ging zu einem Schrank und holte eine alte Schachtel heraus.
Darin lagen mehrere USB-Sticks.
Einige Briefe.
Und ein kleiner schwarzer Notizblock.
Sie legte alles auf den Tisch.
„Was ist das?“
„Beweise.“
David nahm einen USB-Stick.
„Gegen wen?“
Miriam sah mich an.
„Gegen Daniel.“
Dann öffnete sie den Notizblock.
Auf der ersten Seite standen Daten.
Zahlungen.
Kontonummern.
Namen.
Ich erkannte sofort einen Namen.
Victor Mercer.
Daneben standen mehrere Beträge.
„Das sind Überweisungen“, sagte Miriam.
„Von wem?“
„Von deinem Konto.“
Ich erstarrte.
„Das kann nicht sein.“
„Doch.“
„Ich kontrolliere meine Konten.“
Miriam schüttelte den Kopf.
„Nicht alle.“
Sie zeigte auf eine Zeile.
„Hier. Diese Zahlungen wurden über eine Investmentgesellschaft abgewickelt.“
David beugte sich vor.
„Mercer Holdings?“
Miriam nickte.
„Sie wurde vor deiner Hochzeit gegründet.“
Ich sah David an.
„Das ist Victors Firma.“
„Ja.“
Mein Kopf begann zu schmerzen.
„Wie viel?“
Miriam blätterte weiter.
„Insgesamt fast 1,7 Millionen.“
Ich konnte kaum atmen.
„Warum?“
„Weil Daniel dein Geld benutzt hat, um die Schulden seines Vaters zu bezahlen.“
Ich starrte sie an.
„Welche Schulden?“
Miriam antwortete:
„Glücksspiel.“
Es wurde still.
Ich dachte an Victor.
Seine teuren Uhren.
Seine Zigarren.
Seine arrogante Art.
Seine ständigen Forderungen.
Ich hatte immer angenommen, er sei einfach verschwenderisch.
Aber das war etwas anderes.
„Warum hast du damals gekündigt?“
Miriam sah auf ihre Hände.
„Weil ich etwas entdeckt hatte.“
„Was?“
„Eine Überweisung.“
„Von wem?“
„Von Daniel.“
„An wen?“
Sie sah mich direkt an.
„An einen Arzt.“
Mir wurde kalt.
„Welchen Arzt?“
Miriam zog einen weiteren Zettel hervor.
Darauf stand ein Name.
Dr. Adrian Keller.
Ich kannte ihn.
Er war der Arzt, bei dem ich während meiner Schwangerschaft einige Termine gehabt hatte.
„Was hatte Daniel mit ihm zu tun?“
Miriam antwortete:
„Das wusste ich damals nicht.“
„Und jetzt?“
„Jetzt weiß ich es.“
Sie schob mir den USB-Stick hin.
„Auf diesem Stick ist eine Aufnahme.“
David nahm seinen Laptop heraus.
Die Datei war nur drei Minuten lang.
Dann hörten wir Stimmen.
Daniel.
Und Victor.
„Sie muss glauben, dass alles normal ist.“
Victors Stimme klang kalt.
„Und wenn sie schwanger wird?“
Daniel antwortete:
„Dann haben wir ein Problem.“
Ich hielt den Atem an.
Die Aufnahme lief weiter.
„Eine Schwangerschaft verändert die Erbfolge.“
„Dann muss die Sache vorher geregelt werden.“
„Und wenn sie nicht unterschreibt?“
Victor lachte.
„Dann finden wir einen anderen Weg.“
Ich spürte, wie meine Hände zu zittern begannen.
David stoppte die Aufnahme.
„Laura.“
Ich sah ihn an.
„Was wollten sie mit meinem Kind?“
Miriam antwortete, bevor David etwas sagen konnte.
„Das weiß ich nicht.“
Dann griff sie nach einem letzten Umschlag.
„Aber ich glaube, dieser Brief enthält die Antwort.“
Auf dem Umschlag stand mein Name.
Und darunter:
Nur öffnen, wenn Laura schwanger ist.
Ich öffnete ihn.
Darin lag nur ein einziges Blatt.
Ich las die erste Zeile.
Dann wurde mir schwarz vor Augen.
Denn dort stand:
Wenn du dieses Schreiben liest, bedeutet das, dass Daniel seinen Plan geändert hat.
* * *



