Teil 8 – Mein Vater
Die Stimme kam aus den Lautsprechern.
Ruhig.
Fast freundlich.
Und genau das machte sie so beängstigend.
„Elena.“
Ich kannte diese Stimme.
Nicht aus meinem bewussten Gedächtnis.
Sondern aus etwas Tieferem.
Aus Träumen.
Aus Erinnerungsfetzen.
Aus Nächten, in denen ich aufgewacht war und nicht wusste, warum mein Herz raste.
„Daniel“, flüsterte ich.
Julian sah mich an.
„Du erinnerst dich.“
„Ein bisschen.“
Draußen heulten Motoren auf.
Mehrere schwarze Fahrzeuge näherten sich dem Anwesen.
Matteo stand auf und zog mich hinter eine Mauer.
„Wir müssen hier raus.“
Julian schüttelte den Kopf.
„Zu spät.“
„Was meinst du?“
„Das Haus ist umstellt.“
Matteo sah ihn wütend an.
„Woher weißt du das?“
„Weil ich geholfen habe, es zu planen.“
Matteo hob sofort seine Waffe.
„Dann erklär mir, warum ich dich nicht erschießen sollte.“
Julian blieb ruhig.
„Weil ich auf deiner Seite bin.“
„Das sagen alle.“
Ich stellte mich zwischen die beiden.
„Warte.“
Julian sah mich an.
„Du willst wissen, warum dein Vater dich nie gesucht hat.“
Ich nickte.
„Dann hör zu.“
Er deutete auf eine Tür am Ende des Flurs.
„Dahinter ist der alte Keller.“
Wir gingen hinunter.
Die Wände waren feucht.
Alte Kabel hingen von der Decke.
Am Ende des Korridors befand sich ein Raum mit einem Computer.
Julian schaltete ihn ein.
Auf dem Bildschirm erschien:
ORPHEUS – ZUGANG ERKANNT.
Darunter:
SUBJEKT E01
Mein Magen verkrampfte sich.
„Was ist das?“
Julian antwortete:
„Deine Akte.“
„Warum ist sie hier?“
„Weil Daniel sie nie gelöscht hat.“
Ich setzte mich vor den Bildschirm.
Eine Datei öffnete sich.
ELENA VERMEER – GEBURTSDATEN
Mutter: Laura Vermeer
Vater: Daniel Vermeer
Projektstatus: ERBIN
Ich starrte auf die Worte.
Zum ersten Mal hatte ich einen offiziellen Beweis.
Daniel war mein Vater.
Aber darunter stand etwas anderes.
Biologische Besonderheit: Erinnerungsresistenz.
Ich sah Julian an.
„Was bedeutet das?“
„Du hast eine seltene Fähigkeit.“
„Welche?“
„Dein Gehirn kann traumatische Erinnerungen nicht einfach dauerhaft löschen.“
Ich wurde blass.
„Deshalb kamen sie zurück.“
„Ja.“
„Und die Behandlung?“
„Sie hat nur die Erinnerungen blockiert.“
Ich dachte an meine Mutter.
An die rote Tür.
An die Kinder.
An die Akten.
Alles war noch in mir gewesen.
Die ganze Zeit.
Ich hatte nur keinen Zugang dazu gehabt.
Plötzlich erschien eine neue Datei.
VIDEO – 17. GEBURTSTAG
Ich drückte auf Start.
Das Bild flackerte.
Ich sah mich selbst.
Siebzehn Jahre alt.
Ich stand in diesem Haus.
Vor mir saß Daniel.
Mein Vater.
Ich hatte ihn damals offenbar bereits gekannt.
„Warum machst du das?“, fragte die junge Elena im Video.
Daniel antwortete:
„Weil du irgendwann verstehen wirst, was du bist.“
„Ich bin deine Tochter.“
„Mehr als das.“
„Was willst du von mir?“
Daniel beugte sich vor.
„Ich will, dass du das Netzwerk übernimmst.“
Die junge Elena schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Du hast keine Wahl.“
„Doch.“
Sie stand auf.
„Ich werde alles zerstören.“
Daniel lächelte.
„Das kannst du nicht.“
„Dann werde ich es versuchen.“
Das Video endete.
Ich sah auf den Bildschirm.
Tränen liefen über mein Gesicht.
„Ich habe es versucht.“
Julian nickte.
„Ja.“
„Und dann hat er meine Erinnerungen löschen lassen.“
„Weil du die Zugangscodes kanntest.“
Ich drehte mich zu ihm.
„Welche Zugangscodes?“
Julian deutete auf mich.
„Du bist der Code.“
* * *
Plötzlich ging das Licht aus.
Matteo zog seine Waffe.
„Alle bleiben hier.“
Ein Geräusch kam aus dem Flur.
Schritte.
Langsam.
Nicht hektisch.
Jemand hatte keine Angst.
Dann öffnete sich die Tür.
Ein Mann trat herein.
Er war älter als auf den Fotos.
Graue Haare.
Dunkler Mantel.
Ein Gesicht, das meinem eigenen unheimlich ähnlich war.
Ich wusste sofort, wer er war.
Daniel.
Mein Vater.
Er sah mich an.
Keine Überraschung.
Keine Angst.
Nur Stolz.
„Elena.“
Ich stand auf.
„Du hast mich mein ganzes Leben lang belogen.“
„Nein.“
„Du hast meine Erinnerungen zerstören lassen.“
„Ich habe dich geschützt.“
Ich lachte bitter.
„Das sagen alle.“
Daniel sah Matteo an.
„Du hast sie zu ihm gebracht.“
Matteo trat vor.
„Ich wusste nicht, wer sie wirklich ist.“
„Aber jetzt weißt du es.“
Daniel sah wieder mich an.
„Du bist die Erbin.“
„Ich will dein verdammtes Netzwerk nicht.“
„Das sagst du jetzt.“
„Ich werde es zerstören.“
Daniel lächelte.
„Dann hast du endlich verstanden.“
Ich runzelte die Stirn.
„Was?“
„Das Netzwerk gehört nicht mir.“
Stille.
„Wem dann?“
Daniel sah Matteo an.
„Seinem Vater.“
Matteo wurde blass.
„Marco.“
Daniel nickte.
„Marco De Luca hat Orpheus gegründet.“
Ich sah Matteo an.
„Du wusstest das.“
„Nein.“
„Er hat mich beobachtet.“
„Ich wusste nicht, warum.“
Daniel sagte:
„Er hat dich seit deiner Kindheit beschützen lassen.“
Matteo sah mich an.
„Das stimmt.“
Ich konnte kaum atmen.
„Warum?“
Daniel antwortete:
„Weil Marco wusste, dass du eines Tages die einzige Person sein würdest, die ihn zerstören kann.“
* * *
Plötzlich ertönte ein lauter Knall.
Das Gebäude bebte.
Daniel sah zur Decke.
„Sie sind hier.“
„Wer?“, fragte ich.
Er antwortete:
„Marco.“
Matteo wurde angespannt.
„Mein Vater.“
Daniel nickte.
„Er kommt wegen Elena.“
Draußen hörten wir Fahrzeuge.
Dann Schüsse.
Julian lud seine Waffe.
„Wir müssen verschwinden.“
Daniel schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Warum?“
Er sah mich an.
„Weil sie heute die Wahrheit erfahren soll.“
Ich trat auf ihn zu.
„Welche Wahrheit?“
Daniel zeigte auf den Computer.
„Öffne die letzte Datei.“
Ich setzte mich.
Eine Passwortabfrage erschien.
BIOLOGISCHE BESTÄTIGUNG ERFORDERLICH.
Ich legte meine Hand auf den Scanner.
Ein Signal ertönte.
ZUGANG GEWÄHRT.
Die Datei öffnete sich.
Ein Video.
Marco De Luca erschien auf dem Bildschirm.
Matteo erstarrte.
„Vater.“
Marco sah direkt in die Kamera.
„Wenn du diese Nachricht siehst, ist Elena bei dir.“
Matteo trat näher.
Marco sprach weiter:
„Du hast immer geglaubt, dass ich sie schützen wollte.“
Eine Pause.
„Das war nie mein Ziel.“
Matteo wurde blass.
„Was hast du getan?“
Marco lächelte.
„Ich habe sie erschaffen.“
Ich sah auf den Bildschirm.
„Was?“
Marco fuhr fort:
„Elena war das Ergebnis von zwölf Jahren Forschung.“
Daniel schloss die Augen.
„Nein.“
„Sie ist nicht nur meine Erbin.“
Marco sah direkt in die Kamera.
„Sie ist der Schlüssel zur vollständigen Kontrolle über Orpheus.“
Ich konnte kaum atmen.
Dann erschien ein letzter Satz auf dem Bildschirm:
PROJEKT ERBIN – PHASE DREI BEGINNT BEI DER VOLLENDUNG DES 28. LEBENSJAHRES.
Ich starrte darauf.
„Ich bin siebenundzwanzig.“
Daniel sagte nichts.
Matteo sah ihn an.
„Was passiert an ihrem achtundzwanzigsten Geburtstag?“
Daniel antwortete:
„Dann wird ihr Körper automatisch zum letzten Schlüssel.“
„Für was?“
Daniel sah mich an.
„Für die Kontrolle über das gesamte Netzwerk.“
Ich spürte, wie mir kalt wurde.
„Wann ist mein Geburtstag?“
Julian sah auf das Datum.
Dann wurde er blass.
„In drei Tagen.“
Stille.
Drei Tage.
Nur noch drei Tage.
Und plötzlich vibrierte mein Telefon.
Eine Nachricht.
„Elena, komm morgen allein zur Villa De Luca.“
Absender:
Marco De Luca.
Darunter stand:
„Wenn du nicht kommst, stirbt deine Mutter.“
Ich sah Matteo an.
Er wusste sofort, was passiert war.
„Du gehst nicht allein.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Doch.“
„Nein.“
„Matteo, er hat meine Mutter.“
Dann hörte ich hinter uns eine Stimme.
Laura.
Meine Mutter war aus dem Schatten getreten.
„Nein, Elena.“
Wir drehten uns um.
Sie sah mich mit Tränen in den Augen an.
„Du wirst überhaupt nicht zu Marco gehen.“
„Warum?“
Laura sah zu Daniel.
Dann zu Matteo.
„Weil ich jetzt endlich weiß, was Marco vorhat.“
Sie trat näher.
„Er will dich nicht kontrollieren.“
Ihre Stimme zitterte.
„Er will dich töten.“
Und dann sagte sie etwas, das meine ganze Welt erneut zerstörte:
„Denn wenn du stirbst, geht die Kontrolle über Orpheus automatisch auf Matteo über.“



