Teil 4 – Das Foto, das alles veränderte
Richard stand in der Tür.
Staub hing in der Luft.
Hinter ihm flackerte ein rotes Notlicht.
In seiner Hand hielt er das Foto meiner Mutter.
Lebendig.
Nicht als verschwommene Erinnerung aus meiner Kindheit.
Nicht als Name auf alten Dokumenten.
Lebendig.
Und neben ihr stand Matteo.
Jünger.
Vielleicht einundzwanzig Jahre alt.
Ich sah zwischen dem Foto und Matteo hin und her.
„Du warst dort.“
Matteo sagte nichts.
Richard lächelte kalt.
„Jetzt verstehst du langsam.“
„Wo ist meine Mutter?“
„Das ist die falsche Frage.“
„Dann stelle ich die richtige.“
Ich trat auf ihn zu.
„Warum hast du sie gefangen gehalten?“
Richard antwortete nicht.
Stattdessen sah er Matteo an.
„Frag ihn.“
Ich drehte mich zu Matteo.
„Was meint er?“
Matteo nahm das Foto aus Richards Hand.
Seine Finger zitterten kaum sichtbar.
„Ich kannte deine Mutter.“
„Das weiß ich.“
„Aber ich wusste nicht, dass sie noch lebt.“
Richard lachte.
„Du hast sie sogar selbst dorthin gebracht.“
Matteo wurde blass.
„Nein.“
„Doch.“
Ich sah ihn an.
„Wohin?“
Richard sagte:
„Nach Rotterdam.“
Matteo schloss kurz die Augen.
„Ich war einundzwanzig.“
„Du warst alt genug.“
„Ich wusste nicht, was mein Vater tat.“
„Aber du hast ihm geholfen.“
Matteo sah mich an.
„Ich wusste nicht, dass Laura eine Gefangene war.“
Meine Stimme brach.
„Was hast du getan?“
Er trat einen Schritt auf mich zu.
„Ich habe sie vor zwanzig Jahren zu einem sicheren Ort gebracht.“
„Welcher Ort?“
„Ein Lagerhaus am Hafen.“
Richard sagte:
„Das sicherste Gefängnis Europas.“
Ich sah Matteo fassungslos an.
„Du hast sie dort eingesperrt.“
„Nein.“
Seine Stimme wurde härter.
„Ich habe sie dorthin gebracht, weil mein Vater mir sagte, sie müsse geschützt werden.“
Richard lachte.
„Und du hast ihm geglaubt.“
Matteo antwortete nicht.
Das war Antwort genug.
Ich wich zurück.
„Ich dachte, du wärst anders.“
Er sah mich an.
„Ich bin anders.“
„Aber du hast sie dorthin gebracht.“
„Ja.“
Seine Augen füllten sich mit Schuld.
„Und das ist etwas, das ich mir niemals verzeihen werde.“
Plötzlich hörten wir Schritte.
Mehrere Männer kamen den Flur entlang.
Richard sah auf seine Uhr.
„Wir haben nicht mehr viel Zeit.“
„Wofür?“
Er sah mich an.
„Für deine Mutter.“
Ich ging auf ihn zu.
„Bring mich zu ihr.“
„Nicht so schnell.“
„Was willst du?“
Er hielt mir das Foto hin.
Auf der Rückseite stand eine Zahl.
17.
„Was bedeutet das?“
Richard sagte:
„Dein siebzehnter Geburtstag.“
Ich runzelte die Stirn.
„Was ist damit?“
„In dieser Nacht hast du dich erinnert.“
Ich wurde blass.
Plötzlich kam ein Bild in meinen Kopf.
Ein Raum.
Eine rote Tür.
Eine Frau.
Blut.
Ich hörte eine Stimme.
„Elena, lauf!“
Ich hielt mir den Kopf.
„Nein.“
Matteo fing mich auf.
„Was ist passiert?“
Ich sah ihn an.
„Ich erinnere mich.“
Richard wurde nervös.
„Woran?“
Ich sah ihn an.
„An meine Mutter.“
Stille.
„Ich war siebzehn.“
Ich sah die rote Tür vor mir.
„Sie war bei mir.“
Richard sagte:
„Das ist unmöglich.“
„Sie hat mir etwas gegeben.“
„Was?“
Ich schloss die Augen.
Ein kleines Metallmedaillon.
Ein Schlüssel.
Und Worte.
„Wenn sie dich irgendwann verkaufen, geh dorthin, wo das Wasser schwarz ist.“
Ich öffnete die Augen.
„Rotterdam.“
Matteo sah mich an.
„Hafen 7.“
Ich nickte.
Richard fluchte.
„Sie darf sich nicht erinnern.“
„Zu spät.“
Er hob die Waffe.
Doch Matteo war schneller.
Er stellte sich vor mich.
„Du wirst sie nicht anfassen.“
Richard lachte.
„Du verstehst immer noch nicht, Matteo.“
„Was?“
„Elena ist nicht die Person, die du beschützen musst.“
Er zeigte auf mich.
„Sie ist die Person, vor der du dich schützen musst.“
Matteo wurde still.
„Was soll das heißen?“
Richard sah mich an.
„Deine Mutter hat dir nie erzählt, was sie damals getan hat.“
„Was?“
„Sie hat Orpheus nicht zerstört.“
Er machte eine Pause.
„Sie hat es übernommen.“
Ich konnte nicht sprechen.
„Nein.“
Richard nickte.
„Laura Vermeer wurde nicht verfolgt, weil sie Orpheus aufdecken wollte.“
Er zeigte auf mich.
„Sie wurde verfolgt, weil sie die Organisation kontrollieren wollte.“
Matteo sah mich an.
„Das stimmt nicht.“
Richard antwortete:
„Dann frag Elena, was sie sich mit siebzehn erinnert.“
Ich schloss die Augen.
Wieder dieses Bild.
Die rote Tür.
Meine Mutter.
Eine Akte.
Und meine eigenen Hände.
Ich hielt etwas.
Ein Feuerzeug.
Ich hatte eine Mappe verbrannt.
Ich sah Matteo an.
„Ich war dort.“
„Wo?“
„In diesem Gebäude.“
Richard lächelte.
„Jetzt erinnerst du dich.“
Ich wich zurück.
„Ich habe die Akten verbrannt.“
„Ja.“
„Warum?“
Richard sagte:
„Weil deine Mutter es dir befohlen hat.“
Ich spürte Tränen.
„Nein.“
„Doch.“
Er trat näher.
„Du warst siebzehn. Du wusstest nicht, was du zerstörst.“
Ich sah Matteo an.
„Was war in den Akten?“
Richard sagte:
„Die Namen aller Kinder.“
Stille.
Matteo wurde blass.
„Welche Kinder?“
Richard antwortete:
„Die Kinder, die Orpheus verschwinden ließ.“
Ich konnte kaum atmen.
„Und ich habe die Beweise vernichtet.“
„Ja.“
„Dann bin ich schuld.“
Matteo nahm meine Hand.
„Nein.“
„Ich habe sie verbrannt.“
„Du warst ein Kind.“
„Ich habe es getan!“
„Weil jemand dich manipuliert hat.“
Richard schüttelte den Kopf.
„Sie versteht es noch immer nicht.“
Er zeigte auf das Foto.
„Du warst nicht das Opfer, Elena.“
Ich sah ihn an.
„Was dann?“
Richard sagte:
„Du warst der Schlüssel.“
Plötzlich explodierte eine Tür am Ende des Flurs.
Männer stürmten herein.
Matteo zog mich hinter eine Wand.
Schüsse hallten durch das Gebäude.
Richard verschwand im Rauch.
„Wir müssen raus!“, rief Matteo.
„Meine Mutter!“
„Wir finden sie.“
Wir rannten durch einen Seitengang.
Doch plötzlich blieb Matteo stehen.
Eine Tür stand offen.
Dahinter befand sich ein kleiner Raum.
Ein Bett.
Ein Tisch.
Eine Lampe.
Und an der Wand hingen Fotos.
Hunderte.
Kinder.
Familien.
Namen.
Daten.
Ich ging langsam hinein.
Dann sah ich ein Foto, das mich erstarren ließ.
Es zeigte mich.
Sieben Jahre alt.
Neben mir stand meine Mutter.
Und hinter uns …
Matteo.
Aber das Foto war unmöglich.
Denn Matteo hatte behauptet, er habe mich erst vor drei Monaten kennengelernt.
Ich drehte mich langsam zu ihm.
„Du hast mich schon früher gekannt.“
Er sagte nichts.
„Wie lange?“
Seine Augen wurden dunkel.
„Seit du sieben warst.“
Mein Herz brach.
„Du hast mich beobachtet.“
„Ja.“
„Warum?“
Er antwortete:
„Weil deine Mutter mich darum gebeten hat.“
Ich starrte ihn an.
„Was sollte ich tun?“
Matteo sah auf das Foto.
„Dich beschützen.“
„Vor wem?“
Er sah mich direkt an.
„Vor deiner eigenen Familie.“
In diesem Moment klingelte mein Handy.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab.
Eine Frauenstimme flüsterte:
„Elena.“
Ich erstarrte.
„Mama?“
„Hör mir genau zu.“
Ihre Stimme zitterte.
„Matteo sagt dir nicht die ganze Wahrheit.“
Ich sah ihn an.
„Warum?“
„Weil er selbst nicht weiß, was sein Vater mit dir gemacht hat.“
„Was hat er gemacht?“
Am anderen Ende herrschte Stille.
Dann sagte meine Mutter:
„Er hat dich nicht nur beobachten lassen.“
„Was dann?“
„Er hat dafür gesorgt, dass du dich an deine Kindheit nicht erinnerst.“
Ich sah Matteo fassungslos an.
„Wie?“
Meine Mutter flüsterte:
„Mit einer Behandlung.“
Die Verbindung brach ab.
Ich sah Matteo an.
„Was hat sie gemeint?“
Er schwieg.
Und in diesem Moment wusste ich:
Er hatte mich nicht nur vor meiner Familie beschützt.
Er hatte selbst ein Geheimnis vor mir.
Ein Geheimnis, das vielleicht erklären würde, warum ich mich an die wichtigsten Jahre meiner Kindheit nicht erinnern konnte.



