Teil 10 – Der letzte Name
„Großvater …“
Matteos Stimme war kaum zu hören.
Der alte Mann blieb am Fuß der Treppe stehen.
Alexander De Luca.
Der Mann, den die Welt seit fast dreißig Jahren für tot hielt.
Er sah Matteo lange an.
Dann Elena.
„Du bist erwachsen geworden.“
Elena spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog.
„Sie kennen mich.“
Alexander lächelte schwach.
„Ich kenne dich besser, als du denkst.“
Marco trat einen Schritt zurück.
Zum ersten Mal wirkte er nicht wie der mächtigste Mann im Raum.
Er wirkte wie ein Sohn, der seinem Vater gegenüberstand.
„Du solltest tot sein.“
Alexander sah ihn an.
„Das hast du dir immer gewünscht.“
„Was willst du?“
„Beenden, was ich begonnen habe.“
Elena blickte auf den Countdown.
00:07:12
„Was bedeutet das?“
Alexander sah auf den Bildschirm.
„Dein System funktioniert.“
„Mein System?“
„Du hast Orpheus nicht zerstört.“
Er zeigte auf die Zahlen.
„Du hast es aktiviert.“
Elena wurde blass.
„Was?“
Daniel hatte sie gewarnt.
Orpheus konnte nur von innen zerstört werden.
Aber niemand hatte gesagt, was „zerstören“ bedeutete.
Alexander lächelte.
„Du hast alle Dateien geöffnet.“
Auf den Bildschirmen erschienen Namen.
Hunderte.
Dann Tausende.
Konten.
Videos.
Verträge.
Geheime Vereinbarungen.
Politische Verbindungen.
Menschen, die seit Jahrzehnten geglaubt hatten, ihre Geheimnisse seien sicher.
Jetzt waren sie sichtbar.
„Du hast das Archiv nicht vernichtet“, sagte Alexander.
„Du hast es veröffentlicht.“
Elena starrte auf den Bildschirm.
„Das war nicht mein Plan.“
„Doch.“
Alexander sah sie an.
„Genau deshalb wurdest du erschaffen.“
* * *
Marco zog plötzlich seine Waffe.
„Genug.“
Er richtete sie auf Elena.
Matteo stellte sich sofort vor sie.
„Wenn du schießt, stirbst du zuerst.“
Marco lachte.
„Du glaubst, ich hätte Angst vor dir?“
„Nein.“
Matteo sah ihn ruhig an.
„Du hast Angst vor ihr.“
Marco blickte Elena an.
Sie sah ihn ebenfalls an.
„Warum?“
„Weil du das einzige Wesen bist, das mein Vater niemals kontrollieren konnte.“
Alexander sagte nichts.
Doch sein Blick verriet alles.
Elena verstand.
„Du hast mich nicht erschaffen.“
Alexander sah sie an.
„Nein.“
„Du hast mich benutzt.“
„Ja.“
„Und Daniel?“
„Ein Werkzeug.“
„Laura?“
„Eine Gegnerin.“
„Matteo?“
Alexander schwieg.
Elena sah Matteo an.
Dann wieder Alexander.
„Und ich?“
Der alte Mann antwortete:
„Ein Schlüssel.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Sie ging einen Schritt nach vorn.
„Ich bin kein Schlüssel.“
Alexander sah sie lange an.
„Das wirst du noch verstehen.“
Plötzlich ertönte ein Schuss.
Marco fiel zu Boden.
Charlotte schrie.
Matteo drehte sich um.
Adrian hielt die Waffe.
Doch er hatte nicht auf Marco geschossen.
Er hatte auf die Überwachungskamera gezielt.
„Wir werden beobachtet.“
Julian rannte zum Computer.
„Nicht nur beobachtet.“
Er zeigte auf den Bildschirm.
„Jemand übernimmt das System.“
Elena trat näher.
„Wer?“
Julian wurde blass.
„Ich weiß es nicht.“
Dann erschien eine neue Zeile.
ADMINISTRATOR WECHSELT.
BENUTZER: E02
Elena sah ihn an.
„E02?“
Julian antwortete:
„Das kann nicht sein.“
„Warum?“
„Weil E02 nicht existiert.“
Plötzlich begann der Bildschirm zu flackern.
Ein Video öffnete sich.
Eine Frau erschien.
Etwa fünfzig Jahre alt.
Dunkle Haare.
Graue Augen.
Elena erstarrte.
Sie kannte dieses Gesicht.
Nicht aus einem Foto.
Nicht aus ihrer Erinnerung.
Sondern aus dem Spiegel.
Die Frau lächelte.
„Hallo, Elena.“
Elena konnte nicht sprechen.
Laura stand hinter ihr.
Als sie den Bildschirm sah, blieb sie stehen.
„Nein.“
Daniel flüsterte:
„Das ist unmöglich.“
Matteo sah beide an.
„Wer ist sie?“
Laura begann zu weinen.
„Deine Schwester.“
Elena starrte auf den Bildschirm.
„Ich habe keine Schwester.“
Die Frau lächelte.
„Das hat man dir erzählt.“
Dann erschien eine Akte.
SUBJEKT E02
STATUS: AKTIV
NAME: EMILIA VERMEER
Elena fühlte sich, als würde der Boden unter ihren Füßen verschwinden.
„Warum wusste ich nichts von ihr?“
Laura schloss die Augen.
„Weil sie vor dir geboren wurde.“
„Und was ist mit ihr passiert?“
Die Frau auf dem Bildschirm antwortete selbst:
„Ich wurde nicht gerettet.“
Eine Pause.
„Ich wurde behalten.“
Elena sah Alexander an.
„Von dir.“
Er nickte.
„Ja.“
„Warum?“
„Weil E01 versagt hat.“
Elena verstand.
„Du hast mich nie als Erbin gesehen.“
„Nein.“
„Was war ich dann?“
Alexander antwortete:
„Ein Test.“
Stille.
„Für sie.“
Er zeigte auf Emilia.
„Ich wollte wissen, ob ein zweites Subjekt stärker werden würde.“
Emilia lächelte.
„Und ich wurde stärker.“
* * *
Der Countdown lief weiter.
00:04:31
Emilia sah Elena direkt an.
„Du hast Orpheus geöffnet.“
„Ja.“
„Du hast die Dateien veröffentlicht.“
„Ja.“
„Dann hast du endlich getan, was ich vor zwanzig Jahren versucht habe.“
Elena runzelte die Stirn.
„Was?“
Emilia sagte:
„Es zu beenden.“
Plötzlich begannen alle Bildschirme gleichzeitig schwarz zu werden.
Die Namen verschwanden.
Die Konten verschwanden.
Die Datenbanken wurden gelöscht.
„Was passiert?“, fragte Matteo.
Julian überprüfte die Systeme.
„Sie löscht alles.“
„Wer?“
Er sah Elena an.
„E02.“
Elena trat näher an den Bildschirm.
„Warum?“
Emilia antwortete:
„Weil es nie darum ging, Orpheus zu besitzen.“
„Worum dann?“
„Darum, dass niemand es jemals wieder besitzen kann.“
Dann sah Emilia plötzlich hinter Elena.
Ihr Gesicht veränderte sich.
„Aber ihr habt ein Problem.“
Elena drehte sich um.
Alexander war verschwunden.
Marco ebenfalls.
Nur Charlotte lag noch gefesselt auf der Treppe.
Matteo löste ihre Fesseln.
„Wo ist Alexander?“
Charlotte sah ihn an.
„Er ist gegangen.“
„Wohin?“
„Dorthin, wo alles angefangen hat.“
Elena fragte:
„Wo?“
Charlotte antwortete:
„Amsterdam.“
* * *
Drei Stunden später war die Stadt voller Sirenen.
Nachrichtenkanäle berichteten über geleakte Dokumente.
Politiker traten zurück.
Banken sperrten Konten.
Ermittler durchsuchten Büros.
Die Wahrheit über Orpheus begann sich wie ein Feuer auszubreiten.
Doch niemand wusste, wer hinter der Veröffentlichung stand.
Elena stand am Fenster der Villa.
Matteo kam neben sie.
„Es ist vorbei.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Warum?“
Sie zeigte auf ihr Handy.
Eine neue Nachricht war eingegangen.
Keine Nummer.
Kein Absender.
Nur ein Satz:
„Du hast Orpheus zerstört.“
Darunter:
„Aber du hast noch nicht herausgefunden, warum du geboren wurdest.“
Matteo sah sie an.
„Willst du antworten?“
Elena löschte die Nachricht.
„Nein.“
„Warum nicht?“
Sie sah hinaus auf die Lichter von Amsterdam.
„Weil ich nicht mehr nach den Regeln anderer Menschen spiele.“
Matteo lächelte.
„Was machst du dann?“
Elena nahm seine Hand.
„Ich schreibe meine eigenen.“
* * *
Später in derselben Nacht fuhr ein unbekannter Wagen durch die Straßen von Amsterdam.
Am Steuer saß Alexander.
Neben ihm lag ein schwarzer Aktenkoffer.
Er öffnete ihn.
Darin befand sich eine einzige Akte.
PROJEKT ERBIN – ORIGINAL
Alexander schlug die Akte auf.
Auf der ersten Seite war ein Foto.
Nicht von Elena.
Nicht von Emilia.
Nicht von Matteo.
Sondern von einem kleinen Jungen.
Darunter stand:
SUBJEKT E03
Alexander lächelte.
Dann nahm er sein Telefon.
„Sie glauben, es ist vorbei.“
Eine Stimme antwortete:
„Und ist es das?“
Alexander sah auf das Foto.
„Nein.“
Er schloss den Koffer.
„Es hat gerade erst begonnen.“
Der Wagen verschwand in der Dunkelheit.
Und irgendwo in Amsterdam öffnete ein unbekannter Junge zum ersten Mal die Augen.
ENDE – ODER DOCH NICHT?



