Teil 7 – Der Mann, dessen Blut in meinen Adern floss
Wir rannten durch die dunklen Straßen.
Matteo hielt meine Hand so fest, dass seine Finger schmerzten.
Hinter uns waren Stimmen zu hören.
Autos.
Schritte.
Dann ein Schuss.
„Schneller!“, rief Matteo.
Wir erreichten einen schwarzen Wagen.
Adrian saß bereits am Steuer.
„Einsteigen!“
Matteo zog die Tür auf.
„Wo ist Charlotte?“
Adrian sah ihn im Rückspiegel an.
„Wir konnten sie nicht mitnehmen.“
„Du hast sie zurückgelassen?“
„Sie wollte, dass wir gehen.“
Ich stieg ein.
„Sie hat gesagt, Willem sei nicht mein Vater.“
Adrian sah mich an.
Sein Gesicht wurde ernst.
„Dann hat sie endlich die Wahrheit gesagt.“
Matteo setzte sich neben mich.
„Was weißt du?“
Adrian schwieg einige Sekunden.
„Genug.“
„Dann sprich.“
Er startete den Motor.
„Willem ist weder dein Vater noch dein Großvater.“
Ich schloss die Augen.
Es war beinahe erleichternd.
Eine weitere Lüge.
Aber wenigstens begann das Bild langsam klarer zu werden.
„Wer ist mein Vater?“
Adrian antwortete:
„Ein Mann namens Daniel Vermeer.“
Ich öffnete die Augen.
„Vermeer?“
„Ja.“
„Ich kenne den Namen.“
Adrian nickte.
„Das solltest du.“
„Warum?“
„Weil Daniel der ältere Bruder von Richard war.“
Ich starrte ihn an.
„Mein Onkel?“
„Ja.“
„Aber Richard hat gesagt, Daniel sei vor dreißig Jahren gestorben.“
„Das war die Geschichte.“
Matteo fragte:
„Und die Wahrheit?“
Adrian sah ihn an.
„Daniel ist nicht gestorben.“
Stille.
„Er lebt.“
Ich konnte kaum atmen.
„Wo?“
Adrian antwortete:
„Das wissen wir nicht.“
„Dann warum bist du sicher?“
Er zeigte auf mein Handgelenk.
„Weil du sein Zeichen trägst.“
Ich sah auf meine Haut.
Dort befand sich eine kleine Narbe.
Ich hatte sie seit meiner Kindheit.
Immer dachte ich, sie stamme von einem Unfall.
„Was ist das?“
„Ein genetischer Marker.“
Matteo runzelte die Stirn.
„Das klingt absurd.“
„Ist es nicht.“
Adrian zog ein altes Dokument hervor.
„Daniel war Arzt und Genetiker.“
Ich sah auf das Papier.
Ein Foto.
Ein junger Mann.
Dunkle Haare.
Graue Augen.
Ich erstarrte.
„Das ist mein Gesicht.“
Matteo nahm das Dokument.
„Verdammt.“
Adrian nickte.
„Daniel war einer der Gründer von Orpheus.“
Ich konnte kaum sprechen.
„Und meine Mutter?“
„Laura wollte Orpheus zerstören.“
„Und Daniel?“
„Er wollte es kontrollieren.“
Ich schloss die Augen.
Meine Familie bestand aus Menschen, die ein Netzwerk aufgebaut hatten, das Kinder verkauft und Menschenleben zerstört hatte.
Und mein eigener Vater hatte es mitgegründet.
„Warum hat Laura mich behalten?“
Adrian antwortete:
„Weil du ihr Beweis warst.“
„Was meinst du?“
„Daniel hatte eine Theorie.“
„Welche?“
„Dass bestimmte genetische Merkmale genutzt werden konnten, um Menschen leichter zu identifizieren und zu kontrollieren.“
Ich sah ihn fassungslos an.
„Menschen kontrollieren?“
„Nicht wie in einem Film.“
Adrian schüttelte den Kopf.
„Er wollte Menschen anhand ihrer genetischen Eigenschaften kategorisieren. Krankheiten. Reaktionen auf Medikamente. psychologische Veranlagungen.“
Matteo wurde wütend.
„Und Elena?“
„Sie war das erste Kind, bei dem seine Theorie vollständig dokumentiert wurde.“
Ich fühlte mich plötzlich nicht mehr wie ein Mensch.
Sondern wie eine Akte.
Ein Experiment.
Eine Nummer.
E01.
„Warum hat er mich nicht genommen?“
Adrian antwortete:
„Laura ist mit dir geflohen.“
„Und dann?“
„Sie brachte dich zu Charlotte.“
Ich sah ihn an.
„Warum?“
„Weil Charlotte die einzige Person war, der sie vertraute.“
Ich lachte bitter.
„Und Charlotte hat mich später verkauft.“
„Ja.“
„Warum?“
Adrian schwieg.
Dann sagte er:
„Weil Willem sie erpresst hat.“
„Womit?“
„Mit dem Leben ihres Sohnes.“
Ich erstarrte.
„Charlotte hatte einen Sohn?“
Adrian nickte.
„Einen Jungen.“
„Wo ist er?“
„Tot.“
Ich sah weg.
Plötzlich vibrierte mein Handy.
Eine unbekannte Nummer.
Eine Nachricht.
ICH BIN NICHT TOT.
Darunter ein Foto.
Ein junger Mann.
Ich erkannte ihn nicht.
Dann las ich den Namen:
Julian Vermeer.
Adrian bremste so stark, dass ich nach vorne geschleudert wurde.
„Was ist?“
Er sah auf das Bild.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
„Das ist unmöglich.“
„Wer ist Julian?“
Er antwortete:
„Charlottes Sohn.“
„Du hast gesagt, er sei tot.“
„Das dachte ich.“
Dann kam eine zweite Nachricht.
„Elena, wenn du die Wahrheit willst, komm allein zum alten Bahnhof.“
Matteo nahm mir das Handy aus der Hand.
„Du gehst nirgendwo allein hin.“
„Vielleicht ist das die einzige Chance.“
„Nein.“
„Matteo.“
„Nein.“
Er sah mich ernst an.
„Ich habe dich einmal nicht beschützen können.“
„Wann?“
Er antwortete nicht.
„Du meinst damals, als du siebzehn warst.“
Er nickte.
„Ich war dort.“
„Du hast mich beobachtet.“
„Ja.“
„Und du hast zugelassen, dass sie meine Erinnerungen behandeln.“
„Ich konnte es nicht verhindern.“
„Warum?“
Matteo sah aus dem Fenster.
„Weil dein Vater mich bedroht hat.“
„Daniel?“
„Ja.“
„Was wollte er?“
„Er wollte meinen Bruder.“
Ich runzelte die Stirn.
„Du hast einen Bruder?“
Matteo nickte.
„Hatte.“
„Was ist passiert?“
„Daniel ließ ihn verschwinden.“
Ich wurde still.
„Deshalb hast du mich beschützt.“
„Ja.“
„Weil du wusstest, wie es sich anfühlt, jemanden zu verlieren.“
Er sah mich an.
„Vielleicht.“
Ich nahm meine Hand zurück.
„Ich muss Julian treffen.“
„Nein.“
„Wenn er wirklich lebt, weiß er etwas.“
Adrian sagte plötzlich:
„Wir müssen nicht zum Bahnhof.“
„Warum?“
Er zeigte auf die Nachricht.
„Die Nummer.“
„Was ist damit?“
„Sie stammt aus einem alten internen System.“
„Welchem?“
„Orpheus.“
Matteo wurde ernst.
„Dann ist es eine Falle.“
Adrian nickte.
„Sehr wahrscheinlich.“
Ich sah auf das Foto.
Julian.
Charlottes Sohn.
Ein Mann, von dem jeder glaubte, er sei tot.
Dann bemerkte ich etwas.
Im Hintergrund des Fotos stand ein Gebäude.
Ich kannte es.
„Ich weiß, wo das ist.“
Matteo sah mich an.
„Wo?“
„Das Haus meiner Kindheit.“
* * *
Eine Stunde später standen wir vor einem alten Anwesen außerhalb von Amsterdam.
Es war verlassen.
Die Fenster waren zerbrochen.
Das Tor hing schief.
Ich ging langsam hinein.
Jede Ecke weckte Erinnerungen.
Der Flur.
Die Treppe.
Das rote Zimmer.
Ich blieb stehen.
„Hier.“
Matteo sah mich an.
„Was?“
„Hier habe ich mich erinnert.“
Ich öffnete eine Tür.
Dahinter lag ein kleines Kinderzimmer.
An der Wand hingen noch Zeichnungen.
Eine war von mir.
Eine von meiner Mutter.
Und eine von einem Mann.
Ich nahm das Bild.
Darunter stand in kindlicher Schrift:
„Mein Papa.“
Matteo sah es.
„Das ist Daniel.“
Ich nickte.
Dann hörten wir ein Geräusch.
Eine Tür schlug zu.
Matteo zog seine Waffe.
„Bleib hinter mir.“
Doch eine Stimme kam aus dem Dunkeln.
„Du musst dich nicht mehr hinter ihm verstecken, Elena.“
Ein Mann trat ins Licht.
Er war etwa dreißig.
Dunkle Haare.
Graue Augen.
Ein Gesicht, das meinem eigenen erschreckend ähnlich war.
Ich konnte nicht sprechen.
Der Mann sah mich an.
„Du bist Elena.“
„Wer bist du?“
Er lächelte traurig.
„Dein Bruder.“
Ich erstarrte.
„Julian.“
Er nickte.
„Ja.“
Matteo hob seine Waffe.
Julian hob sofort die Hände.
„Ich bin nicht hier, um euch zu verletzen.“
„Warum dann?“, fragte ich.
Julian sah mich lange an.
„Weil ich dir etwas über unseren Vater erzählen muss.“
„Daniel.“
„Ja.“
„Wo ist er?“
Julian antwortete:
„Sehr nah.“
„Wo?“
Er sah Matteo an.
Dann wieder mich.
„Er ist in der Villa De Luca.“
Matteo erstarrte.
„Was?“
Julian sagte:
„Dein Vater arbeitet seit zwanzig Jahren für meinen Vater.“
Ich verstand nichts mehr.
„Wer?“
Julian trat näher.
„Marco De Luca.“
Matteo wurde vollkommen still.
„Mein Vater?“
Julian nickte.
„Er hat Daniel versteckt.“
Dann sah er mich an.
„Und deine Mutter hat all die Jahre versucht, dich davor zu schützen.“
Ich flüsterte:
„Warum?“
Julian antwortete:
„Weil Daniel nicht nur Orpheus kontrollieren wollte.“
Eine Pause.
„Er wollte dich zurück.“
„Warum?“
Julian sah auf meine Hände.
„Weil du die einzige Person bist, die das gesamte System abschalten kann.“
Ich verstand plötzlich.
Phase Zwei.
Erbin.
E01.
Es ging nie um Geld.
Es ging um Kontrolle.
Und ich war der Schlüssel.
Doch bevor ich antworten konnte, explodierte draußen ein Fahrzeug.
Fenster zerbarsten.
Matteo riss mich zu Boden.
Julian schrie:
„Sie haben uns gefunden!“
Dann hörte ich eine Stimme aus einem Lautsprecher.
Ruhig.
Vertraut.
Eine Stimme, die ich seit meiner Kindheit nicht mehr gehört hatte.
„Elena.“
Ich erstarrte.
Die Stimme sagte:
„Es wird Zeit, dass du deinen Vater kennenlernst.“
Daniel.
Er war hier.
Und er hatte uns bereits gefunden.



