Sie nannten sie eine Last… Bis der mächtigste Mann Amsterdams sagte
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Sie nannten sie eine Last… Bis der mächtigste Mann Amsterdams sagte

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Teil 3 – Das Haus, in dem alles begann

Elena schlief in dieser Nacht kaum.

Immer wieder sah sie das alte Foto vor sich.

Ihre Mutter.

Ein Baby.

Und diese Worte auf der Rückseite:

„Wenn sie siebzehn wird, wird sie sich erinnern.“

Was sollte sie sich erinnern?

Sie war erst siebenundzwanzig.

Warum hatte ihre Mutter damals geglaubt, dass sie sich mit siebzehn an etwas erinnern würde?

Und was war Projekt Orpheus?

Kurz nach sechs Uhr morgens stand Elena vor dem Fenster.

Amsterdam lag still unter einem grauen Himmel.

Auf den Kanälen trieben Nebelschwaden.

Hinter ihr öffnete sich die Tür.

Matteo kam herein.

„Sie haben nicht geschlafen.“

„Sie auch nicht.“

„Nein.“

Er stellte eine Tasse Kaffee auf den Tisch.

„Wir fahren in einer Stunde.“

Elena drehte sich um.

„Sie kommen mit.“

„Natürlich.“

„Warum?“

Matteo sah sie an.

„Weil ich inzwischen verstanden habe, dass Ihre Vergangenheit auch meine Gegenwart bedroht.“

„Das klingt nicht besonders romantisch.“

„Ich bin nicht besonders romantisch.“

Elena musste trotz allem lächeln.

Dann wurde sie wieder ernst.

„Was wissen Sie über meine Mutter?“

Matteo setzte sich.

„Ihr Name war Laura Vermeer.“

Elena erstarrte.

„Vermeer?“

„Ja.“

„Dann war sie mit Richard verwandt?“

„Nein. Der Name wurde später geändert.“

„Warum?“

„Um ihre Identität zu verbergen.“

Elena sah ihn lange an.

„Wer war sie wirklich?“

Matteo antwortete:

„Eine Ermittlerin.“

„Bei der Polizei?“

„Nein.“

„Wo dann?“

„Sie arbeitete für eine internationale Organisation, die Finanzverbrechen und Menschenhandel untersuchte.“

Elena wurde blass.

Menschenhandel.

Plötzlich erinnerte sie sich an die Worte ihres Vaters.

Wir verkaufen dich nicht. Wir retten die Familie.

Sie hatte immer gedacht, es sei nur eine Metapher gewesen.

Vielleicht nicht.

„Meine Familie war darin verwickelt.“

Matteo nickte.

„Sehr tief.“

„Und meine Mutter hat es herausgefunden.“

„Ja.“

„Deshalb ist sie verschwunden.“

„Wahrscheinlich.“

Elena schloss die Augen.

„Ich will die Wahrheit.“

„Dann fahren wir.“

* * *

Die Adresse führte sie zu einem unscheinbaren Gebäude in Amsterdam Noord.

Von außen sah es verlassen aus.

Graue Mauern.

Zerschlagene Fenster.

Eine alte Metalltür.

Matteo sah sich um.

„Bleiben Sie hinter mir.“

Elena zog eine Augenbraue hoch.

„Ich dachte, ich sei gefährlich.“

„Das sind Sie.“

„Dann?“

„Deshalb möchte ich nicht riskieren, dass Sie sich erschießen lassen.“

Sie betraten das Gebäude.

Im Inneren roch es nach Staub und Feuchtigkeit.

Elena bemerkte sofort etwas an der Wand.

Ein kleines Symbol.

Ein Kreis mit drei Linien.

Dasselbe Zeichen wie auf dem Dokument.

„Matteo.“

Er kam näher.

„Das ist das Symbol von Orpheus.“

„Woher wissen Sie das?“

„Mein Vater benutzte es.“

Elena sah ihn an.

„Ihr Vater?“

Matteo nickte.

„Er war einer der Männer, die Laura untersucht hat.“

Elena blieb stehen.

„Sie wollen sagen, dass Ihr Vater meine Mutter kannte?“

„Ja.“

„Und Sie wussten das?“

„Nicht alles.“

„Wie viel wussten Sie?“

Matteo schwieg.

Elena wurde wütend.

„Wie viel?“

„Genug, um zu wissen, dass meine Familie eine Rolle spielte.“

„Welche?“

„Ich war damals einundzwanzig.“

Er sah sie an.

„Mein Vater hatte bereits Geschäfte mit Richard Vermeer.“

Elena spürte einen Stich.

„Also war unsere Hochzeit kein Zufall.“

Matteo antwortete nicht.

Das genügte.

„Sie wussten, wer ich war.“

„Ich wusste, wer Ihre Familie war.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Nein.“

„Haben Sie mich deshalb ausgewählt?“

Matteo sah sie direkt an.

„Nein.“

Eine lange Pause.

„Ich habe Sie gewählt, weil ich Sie gesehen habe.“

Elena wusste nicht, was sie sagen sollte.

„Wann?“

„Vor drei Monaten.“

„Wo?“

„Vor einem Gericht.“

Elena erinnerte sich.

Sie hatte damals für eine Wirtschaftsprüfung ausgesagt.

„Sie waren dort.“

„Ja.“

„Warum?“

„Weil ich dort jemanden treffen sollte.“

„Und Sie haben mich gesehen.“

„Ja.“

Matteo sah weg.

„Sie waren die einzige Person im Raum, die keine Angst vor meinem Namen hatte.“

Elena sagte nichts.

Dann hörten sie ein Geräusch.

Ein leises Klopfen.

Dreimal.

Matteo zog sofort seine Waffe.

Elena flüsterte:

„Das Zeichen.“

An der Wand leuchtete plötzlich ein kleines rotes Licht.

Eine versteckte Tür öffnete sich.

Dahinter lag ein Raum voller Akten.

Fotos.

Festplatten.

Kisten.

Und in der Mitte ein alter Computer.

Elena ging darauf zu.

Der Bildschirm war bereits eingeschaltet.

Ein Video startete automatisch.

Eine Frau erschien.

Elena verlor den Atem.

„Mama.“

Laura Vermeer sah älter aus als auf dem Foto.

Aber ihre Augen waren dieselben.

„Wenn du dieses Video siehst, Elena, bedeutet das, dass ich nicht zurückgekommen bin.“

Elena begann zu weinen.

„Es tut mir leid.“

Laura sah direkt in die Kamera.

„Ich wollte dich holen.“

Ein Bild erschien.

Elena als Kind.

„Aber ich wusste, dass sie dich beobachten.“

Ein zweites Bild.

Richard.

Charlotte.

Dann ein drittes.

Ein Mann, den Elena noch nie gesehen hatte.

Matteo trat näher.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Wer ist das?“

Laura sprach weiter:

„Dieser Mann ist der eigentliche Kopf von Orpheus.“

Elena sah Matteo an.

„Kennen Sie ihn?“

Matteo antwortete nicht.

Auf dem Bildschirm erschien der Name.

Marco De Luca.

Matteos Gesicht wurde vollkommen ausdruckslos.

„Mein Vater.“

Elena erstarrte.

Laura sagte:

„Marco hat mich gefunden, bevor ich die Beweise veröffentlichen konnte.“

Dann wurde ihre Stimme leiser.

„Er wollte nicht, dass Elena aufwächst und die Wahrheit erfährt.“

Ein weiterer Satz erschien:

„Projekt Orpheus war niemals ein Finanzprojekt.“

Elena trat näher.

„Was dann?“

Das Video lief weiter.

Laura sagte:

„Es war ein Netzwerk.“

Bilder erschienen.

Kinder.

Pässe.

verschiedene Namen.

verschiedene Länder.

Elena wurde übel.

„Sie haben Kinder verschwinden lassen.“

Matteo sah auf den Bildschirm.

„Mein Vater.“

Laura fuhr fort:

„Ich habe versucht, sie zu retten. Ich habe Beweise gesammelt. Aber ich wusste, dass ich allein keine Chance hatte.“

Dann erschien ein Foto von Laura.

Daneben stand:

STATUS: VERMISST

Darunter ein Datum.

Vor zwanzig Jahren.

Elena hielt sich den Mund zu.

„Sie ist nicht tot.“

Matteo sah sie an.

„Woher wissen Sie das?“

Elena zeigte auf das Datum.

„Das ist nur der Zeitpunkt ihres Verschwindens.“

Sie spulte zurück.

Im Hintergrund des Videos hatte sie etwas entdeckt.

Eine Adresse.

Ein Ort.

Rotterdam – Hafen 7.

Plötzlich klingelte Matteos Telefon.

Er nahm ab.

Sein Sicherheitschef Adrian sprach hastig:

„Boss, wir haben ein Problem.“

„Was?“

„Die vier Kinder sind verschwunden.“

Matteo erstarrte.

„Was?“

„Jemand hat sie aus der Villa geholt.“

Elena wurde eiskalt.

„Wer?“

Adrian schwieg kurz.

Dann sagte er:

„Die Kameras zeigen Charlotte Vermeer.“

Elena konnte nicht atmen.

Ihre eigene Mutter.

Oder die Frau, die sie dafür gehalten hatte.

Matteo sah sie an.

„Wir müssen zurück.“

Elena schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Elena.“

„Meine Mutter ist nicht bei den Kindern.“

Sie zeigte auf den Bildschirm.

„Sie ist hier.“

Auf dem Video war plötzlich eine zweite Aufnahme erschienen.

Laura stand in einem Raum.

Neben ihr ein Mann.

Charlotte.

Und zwischen ihnen …

ein kleines Mädchen.

Elena erkannte das Mädchen sofort.

Es war sie selbst.

Das Video war fast dreißig Jahre alt.

Und Laura sagte:

„Wenn Elena dieses Bild sieht, wird sie verstehen, warum ich sie niemals zurückholen konnte.“

Dann erschien die letzte Nachricht:

„Elena, wenn du mir vertraust, geh nicht nach Rotterdam.“

Darunter blinkte eine Adresse.

Villa De Luca.

Elena sah Matteo an.

„Jemand will, dass wir glauben, meine Mutter sei in Rotterdam.“

Matteo nickte.

„Und was bedeutet die Adresse?“

Elena sah auf den Bildschirm.

„Sie ist die ganze Zeit bei Ihnen gewesen.“

In diesem Moment hörten sie draußen Reifen quietschen.

Dann eine Explosion.

Das Gebäude erzitterte.

Matteo zog Elena zu Boden.

Staub fiel von der Decke.

Und aus dem Flur ertönte eine Stimme:

„Elena Vermeer.“

Eine Männerstimme.

Kalt.

Ruhig.

„Du hast lange genug gesucht.“

Matteo stand auf.

„Wer sind Sie?“

Die Stimme antwortete:

„Der Mann, der deine Mutter seit zwanzig Jahren gefangen hält.“

Elena erstarrte.

Dann wurde die Tür aufgerissen.

Ein Mann trat herein.

Und Elena erkannte sein Gesicht.

Es war Richard Vermeer.

Ihr Vater.

Der Mann, der ihr vor wenigen Tagen gesagt hatte, sie sei keine Investition mehr.

Doch diesmal hielt er keine Mappe in der Hand.

Er hielt ein Foto.

Darauf war Laura.

Lebendig.

Und hinter ihr stand ein weiterer Mann.

Elena sah ihn an.

Ihr Herz blieb stehen.

Denn sie kannte auch ihn.

Matteo.

Nur war dieses Foto zwanzig Jahre alt.