TEIL 2 – Der geheime Umschlag
Die Kellnerin ging mit einem Tablett voller Gläser an unserem Tisch vorbei, aber sie bemerkte nicht einmal, dass meine Frau bereits gegangen war. Das klingende Glas klang in meinen Ohren wie ferne Alarmsirenen. Ich starrte auf den weißen, vergilbten Umschlag, der dort auf dem dunklen Holz des Tisches lag. Das Papier fühlte sich dick und fremd an, als stammte es aus einer anderen Ära. Mein Herz pochte in meiner Kehle, und jeder Atemzug schien schwerer zu werden.
Mit schlotternden Fingern schob ich den Umschlag zu mir heran. Mein eigener Name stand darauf geschrieben, in dieser typischen, etwas hastigen Handschrift von mir aus der Vergangenheit. Ich wusste, dass es kein Zurück mehr gab, wenn ich das öffnete. Was um alles in der Welt konnte ich 2015 geschrieben haben, das meine Frau fünfzehn Jahre lang mit sich herumgetragen hatte, ohne ein einziges Wort zu sagen?
Ich richtete meinen Blick auf den Verschluss des Umschlags. Es gab keine Briefmarke, was bedeutete, dass er niemals per Post verschickt worden war. Er war irgendwo zurückgelassen worden. Möglicherweise in demselben Hotel, in jenem verhängnisvollen sechsten Stock, in dem sie sich auf mysteriöse Weise aufgehalten hatte. Wie um alles in der Welt war es möglich, dass sie dort gewesen war? Wusste sie es damals schon, oder erfuhr sie es erst im Nachhinein?
Vorsichtig schob ich meinen Finger unter den Rand und riss das Papier auf. Ein leichter Geruch von altem Papier und ein vages, fast vergessenes Kölnischwasser wehte mir entgegen. Ich zog das weiße Papier heraus und faltete es auseinander. Meine Augen flogen über die Zeilen. Es waren meine eigenen Worte, schwarz auf weiß geschrieben zu einer Zeit, in der ich dachte, niemand auf der Welt würde zusehen.
„Wenn du das liest, ist es zu spät, um umzukehren. Sie weiß mehr, als du denkst, und der Schatten, den wir werfen, ist größer als unser eigenes Haus.“
Ich las den Satz dreimal hintereinander, aber die Bedeutung wollte nicht in meinen verwirrten Kopf einsinken. Wer war „sie“? Habe ich damals nicht nur meine Frau betrogen, sondern gab es noch eine weitere Ebene in diesem Netz aus Täuschungen, für die ich völlig blind gewesen war? Meine Hände begannen so heftig zu zittern, dass das Papier raschelte wie trockenes Laub im Wind.
In diesem Moment bemerkte ich, dass die Umgebungsgeräusche im Restaurant verstummt waren. Das Gemurmel der anderen Gäste schien zu verblassen, als hätte jemand den Lautstärkeregler zugedreht. Ich sah auf und stellte zu meinem großen Schrecken fest, dass die Kellnerin wie angesturzt hinter der Bar stand. Nicht mich sah sie an, sondern den Eingang des Restaurants. Jemanden, der gerade hereinkam.
Jemanden, den ich dort absolut nicht erwartet hatte. Eine junge Frau mit dunklem Haar und einem markanten Muttermal am Hals ging entschlossen auf unseren Ecktisch zu, während sie ein Mobiltelefon an ihr Ohr hielt. Das Telefon klingelte; der Klingelton hallte durch die Stille. Mein eigenes Telefon in meiner Innentasche vibrierte.


