Der Schatten der Vergangenheit
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Der Schatten der Vergangenheit

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Teil 9: Die Spur nach Zürich

Die Ruhe, die ich meinem Sohn versprochen hatte, erwies sich als eine Illusion von nur wenigen Stunden.

Drei Tage nach dem Albtraum bei der Goldenen Löwin saß ich in einem karg eingerichteten Büroraum im Amsterdamer Polizeipräsidium. Luuk schlief auf einer Couch im Nebenraum, erschöpft von der Erschöpfung. Meine Mutter saß neben ihm, ihre Hand fest um seine geklammert. Sie sah in diesen Tagen zehn Jahre älter aus; die Lügen, die sie dreizehn Jahre lang auf Geheiß meiner Schwester und Mark hatte hüten müssen, hatten ihren Tribut gefordert.

Gegenüber am Holztisch saß Inspektor De Jong, ein Mann mit tiefen Ringen unter den Augen und einer kalten Tasse Kaffee vor sich.

„Frau Van Dijk“, sagte De Jong, während er eine dicke Akte zuklappte. „Die forensischen Experten haben die Leichen von Mark und Victor Vance aus der Ruine geborgen. Helena Vance wurde noch nicht offiziell identifiziert, aber angesichts der Zerstörung des Kellers gehen wir davon aus, dass niemand diese Explosion überlebt hat.“

Ich nickte langsam. „Und die Ermittlungen gegen meine Schwester?“

De Jong seufzte. „Ihre Schwester Sophie hat kurz vor ihrem Tod eine vollständige Erklärung bei einem Notar abgelegt. Diese Erklärung stützt Ihre Geschichte. Mark hat sie tatsächlich mit dem Beweis eines Finanzverbrechens erpresst, das Ihr Vater vor Jahren begangen haben soll. Sophie hat aus Panik gehandelt, um die Familie zu schützen, auch wenn sie damit Ihr Leben zerstört hat.“

Ich schloss die Augen. Die Wut, die ich dreizehn Jahre lang gegen meine Schwester gehegt hatte, schmolz langsam in eine bittere Form der Trauer dahin. Sophie war kein Monster gewesen; sie war ein Opfer von Marks skrupelloser Manipulation.

„Sie können gehen, Emma“, sagte De Jong. „Aber da ist noch eine Sache...“

Er schob einen Ausdruck der Textnachricht über den Tisch. Die Nachricht, die auf Victors Handy eingegangen war.

Dachtest du wirklich, Helena sei das einzige Oberhaupt der Familie gewesen? Wir sehen uns bald in Zürich.

„Wir haben die Nummer zurückverfolgt“, sagte der Inspektor mit gedämpfter Stimme. „Sie stammt von einem verschlüsselten Server, der auf den Namen einer Schweizer Privatbank läuft. Vance & Cie Private Bankers. Die Leitung dieser Bank wird nicht von Helena geführt, sondern von einem Mann namens Gabriel Vance.“

„Gabriel?“, wiederholte ich. „Julian und Victor hatten keinen anderen Bruder. Das steht in den Dokumenten.“

„Keinen Bruder“, sagte De Jong. „Einen Onkel. Den jüngeren Bruder von Julians Vater. Der Mann, der seit vierzig Jahren im finanziellen Schatten der Familie steht. Er verwaltet alle ausländischen Trusts. Und solange Luuk seinen rechtlichen Anspruch auf das Vermögen nicht persönlich am Hauptsitz in Zürich unterzeichnet hat, bleibt das Geld unter Gabriels Kontrolle.“

In diesem Moment öffnete sich die Bürotür. Frank trat ein, im Anzug, als wäre er nicht vor drei Tagen unter den brennenden Trümmern einer Brauerei hervorgekrochen.

„Inspektor“, nickte Frank höflich. Dann blickte er mich an. „Frau Van Dijk, unser Wagen steht bereit. Wir müssen innerhalb von zwölf heures in Zürich sein.“

„Ich gehe nirgendwohin“, sagte ich heftig und stand auf. „Ich will meinen Sohn mit nach Hause nehmen! Wir wollen dieses Geld nicht! Lassen Sie diesen Gabriel Vance seine Milliarden behalten, es ist mir egal!“

Frank trat nah an mich heran und beugte sich vor, damit De Jong ihn nicht hören konnte.

„Sie verstehen das nicht, Emma“, sagte Frank in einem eiskalt ruhigen Ton. „Es geht Gabriel nicht um das Geld. Geld hat er genug. Es geht um die Kontrolle über die Unternehmen der Vance-Gruppe. Wenn Luuk die Papiere in Zürich nicht vor Ablauf der Frist seines Geburtstags unterzeichnet, hat Gabriel das Recht, den Trust für ungültig zu erklären. Und wissen Sie, was ein Mann wie Gabriel mit einem unehelichen Erben macht, der eine ständige Bedrohung für seine Macht darstellt?“

Ich starrte ihn an, die Kälte kroch mir wieder in die Knochen.

„Er wird Luuk für den Rest seines Lebens jagen“, sagte Frank. „Sie können sich in einer niederländischen Provinzstadt nicht mit einem Kind verstecken, das Anspruch auf zwei Milliarden Euro erhebt. Der einzige Weg, Luuk wirklich zu schützen, ist, nach Zürich zu fahren, das Vermögen auf seinen Namen zu übertragen und die Verwaltung an eine unabhängige Stiftung zu übergeben. Erst dann ist er für seine Feinde wertlos.“

Ich blickte durch das Fenster der Bürotür in den Nachbarraum. Luuk schlief, sein Gesicht entspannt und jung. Er verdiente ein Leben ohne Angst, ohne Schatten, die hinter Türen lauerten.

„Wann brechen wir auf?“, fragte ich.

„Jetzt“, sagte Frank. „Wir fliegen mit einem Privatjet ab Schiphol. Aber es gibt eine Bedingung: Ihre Mutter bleibt hier unter Polizeischutz. Nur Sie und Luuk kommen mit.“

Zwei Stunden später saßen Luuk und ich im hinteren Bereich eines kleinen, luxuriösen Jets, der durch den nächtlichen Himmel Richtung Schweizer Alpen flog. Luuk blickte aus dem Fenster auf die Lichter der Städte weit unter uns.

„Mama?“, fragte er leise.

„Ja, Schätzchen?“

„Ist mein Vater... war er ein schlechter Mann?“

Mein Herz zog sich zusammen. Ich setzte mich neben ihn und nahm seine Hand. „Nein, Luuk. Dein Vater Julian war ein Mann, der Fehler gemacht hat, aber er hat dich geliebt, noch bevor es dich gab. Er hat alles hinterlassen, was er hatte, damit du eine Zukunft hast.“

Luuk nickte langsam. Er lehnte seinen Kopf an meine Schulter. „Ich will kein Milliardär sein, Mama. Ich will nur, dass wir ein normales Haus haben.“

„Das werden wir bekommen“, versprach ich ihm, auch wenn die Worte wie eine Falschmünze auf meiner Zunge lagen. „Sobald wir in Zürich waren, ist es vorbei.“

Als der Jet den Landeanflug auf den Flughafen Zürich einleitete, kam Frank in die Kabine gelaufen. Er hatte einen Umschlag in der Hand.

„Wir landen in zehn Minuten“, sagte Frank. „Eine Eskorte der Schweizer Polizei wartet bereits. Wir fahren direkt zur Bank am Paradeplatz.“

Er reichte mir ein kleines Papier. „Das ist die Personenbeschreibung von Gabriel Vance. Sorgen Sie dafür, dass Sie ihn erkennen, wenn Sie ihn sehen.“

Ich nahm den Ausdruck an und blickte auf das Foto des Mannes, der im Schatten der Familie Vance herrschte.

Ein alter Mann mit weißem Haar, schmalem Gesicht und durchdringenden blauen Augen.

Doch als mein Blick zum unteren Rand des Fotoausschnitts wanderte, auf die Hände des Mannes, die auf der Lehne eines Stuhls ruhten, fühlte ich, wie das Blut aus meinem Gesicht wich.

Auf der linken Hand von Gabriel Vance prangte eine auffällige, sternförmige Narbe.

Genau jene Narbe, die ich vor dreizehn Jahren auf der Hand des Mannes im Hotel in Paris gesehen hatte.

Der Mann, den ich all die Jahre für Julian gehalten hatte.

Mir stockte der Atem.

Julian Vance war niemals der Vater meines Sohnes gewesen.

Es war Gabriel.