Der Schatten der Vergangenheit
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Der Schatten der Vergangenheit

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Teil 5: Die Wahl auf dem Deich

Das Geräusch des Regens, der auf das Autodach trommelte, vermischte sich mit dem schweren Atem der Männer um mich herum. Mark stand im Scheinwerferlicht unseres Wagens, sein Gesicht eine Maske kaltem Kalküls. Vor dreizehn Jahren war er der Mann gewesen, von dem ich dachte, er sei meine Zukunft. Nun war er ein Fremder, ein Söldner in einem Spiel, das jegliche Menschlichkeit verloren hatte.

„Bleiben Sie sitzen, Emma!“, fuhr Frank mich an. Er zog eine schwarze Pistole unter seinem Mantel hervor und überprüfte das Magazin. „Wenn Sie aussteigen, schießen sie uns alle nieder.“

„Er schießt nicht“, sagte ich, meine Stimme durch das pure Adrenalin, das durch meinen Körper raste, auf wundersame Weise ruhig. „Er hat doch gerade gesagt, dass er das Papier braucht. Wenn er mich erschießt, bekommt er die Originaldokumente nie. Er weiß, dass ich sie bei mir habe.“

„Es ist eine Falle“, sagte der Fahrer. „Sie wollen Sie als Tauschmittel gegen Victor benutzen.“

Ich sah Mark durch die Windschutzscheibe an. Er trat einen Schritt nach vorne, die automatische Waffe locker in der einen Hand, das Walkie-Talkie in der anderen. „Du hast dreißig Sekunden, Emma“, klang seine Stimme wieder aus dem Autoradio. „Victor hat den Jungen bereits in den Keller des Anwesens gebracht. Wenn ich ihm die Papiere nicht vor zwölf Uhr bringe, verschwindet Luuk in einer Betonmischung. Glaubst du wirklich, diese Sicherheitsleute der Vances werden dich beschützen? Sie wollen nur das Geld sichern!“

Ich sah Frank an. „Ist das wahr? Arbeiten Sie für die Familie Vance? Wollen Sie nur dieses Geld retten?“

Frank wich meinem Blick für eine Bruchteilsekunde aus. Das reichte.

„Meine Auftraggeber sind die rechtmäßigen Verwalter des Vance-Trusts“, sagte Frank kalt. „Unsere Priorität ist die Einhaltung des Testaments.“

„Ihnen ist mein Sohn völlig egal“, flüsterte ich, und der Schrecken dieser Erkenntnis schnitt tiefer als die Bedrohung durch Mark draußen. „Sie wollen nur sicherstellen, dass Victor das Geld nicht bekommt. Luuk ist für Sie genauso ein Hindernis wie für Victor.“

„Emma, hören Sie...“, begann Frank, aber ich ließ ihn nicht ausreden.

Mit einer schnellen Bewegung griff ich nach der Türklinke und stieß die Tür einen Spaltbreit auf.

„Nein!“, schrie Frank und griff nach mir, aber der Fahrer hielt ihn zurück, als die Männer draußen ihre Waffen durchluden.

Ich trat in den eiskalten Regen hinaus. Der Wind schnitt durch meinen dünnen Mantel, und das Wasser spülte mir sofort ins Gesicht. Ich hielt den weißen Umschlag hoch über meinen Kopf, durchnässt vom Sturm.

„Mark!“, schrie ich gegen den Wind an. „Ich bin hier! Aber die Dokumente bleiben bei mir!“

Mark lächelte. Ein falsches, vertrautes Lächeln, das mich vor dreizehn Jahren einst beruhigt hatte, mich jetzt aber ekeln ließ. Er winkte mich näher heran. „Kluges Mädchen, Emma. Du warst immer vernünftiger als deine Schwester. Sie dachte, sie könne die Heldin spielen, indem sie das Baby versteckte, und schau, wohin es sie gebracht hat. Ein anonymes Grab.“

„Meine Schwester hatte wenigstens ein Gewissen!“, rief ich, während ich langsam Schritt für Schritt über den nassen Asphalt auf ihn zuging. „Warum, Mark? Warum hast du das dreizehn Jahre lang getan? Warum hast du mir mein Kind weggenommen?“

Mark zuckte mit den Schultern, als wäre es eine einfache geschäftliche Entscheidung gewesen. „Du warst zu schwach, Emma. Nach dem Unfall warst du gebrochen. Und als ich herausfand, dass das Kind von Julian Vance war... nun ja, da sah ich eine Chance. Ein Kind von Milliardären ist eine Lebensversicherung. Nur hat deine liebe Schwester mich im Stich gelassen, indem sie es verheimlichte.“

Er streckte die Hand aus. „Gib mir den Umschlag. Ich bringe dich zu Luuk. Du kannst ihn sehen. Aber danach verschwindet ihr ins Ausland, und ich kriege dieses Geld.“

Ich war jetzt drei Meter von ihm entfernt. Die beiden bewaffneten Männer hinter ihm hielten ihre Waffen weiterhin auf Franks Auto gerichtet.

„Schwör mir, dass er noch lebt“, sagte ich mit trügerischer Stimme. „Schwör mir, dass Luuk unversehrt ist.“

Mark zog ein Handy hervor, tippte auf ein paar Tasten und hielt mir den Bildschirm entgegen.

Es war ein Livestream. Ein Videobild von einem dunklen Steinkeller. In der Ecke saß ein Junge, an einen Stuhl gefesselt, ein Knebel im Mund. Er hatte dunkles, lockiges Haar und genau die Form meiner Augen. Mein Herz zog sich zusammen. Es war, als blickte ich in einen Spiegel meiner eigenen Jugend. Luuk.

„Siehst du?“, sagte Mark. „Er lebt noch. Aber Victor steht oben an der Kellertreppe. Wenn ich nicht innerhalb einer Stunde mit den Papieren da bin, zieht er den Stecker.“

In diesem Moment ertönte ein Schuss.

Kein Schuss von Marks Männern und auch nicht von Frank. Das Geräusch kam aus dem Gebüsch am Deichrand.

Mark griff an seine Schulter und schrie vor Schmerz auf. Ein Blutfleck breitete sich rasch auf seinem Regenmantel aus.

„Hinterhalt!“, schrie einer seiner Männer.

Bevor jemand reagieren konnte, schossen drei schwarze Transporter ohne Nummernschilder mit quietschenden Reifen auf den Deich. Männer in taktischer Kleidung ohne Abzeichen sprangen heraus und begannen zu feuern. Es war ein Chaos aus Mündungsfeuer, Kugelregen und Schreien.

Frank stieß aus dem SUV die Tür auf und schrie: „Emma! Geh runter!“

Aber ich duckte mich nicht. In der Verwirrung ließ Mark sein Handy auf den nassen Asphalt fallen. Ich sprang vorwärts, griff das Telefon vom Boden und rannte weder zu Frank noch zu Mark.

Ich rannte den steilen Deichhang hinunter in den dunklen Wald.

Hinter mir hörte ich das Summen von Kugeln, die sich durch die Bäume frästen, und das Schreien von Männern, die einander für ein Erbe abschlachteten. Aber ich hatte das Handy. Und auf dem Display, das immer noch live übertrug, sah ich ein kleines Detail im Hintergrund des Kellers, in dem Luuk gefangen gehalten wurde.

Ein altes, rostiges Schild, das an der Steinwand hing.

Brauerei Zur Goldenen Löwin – 1894.

Das war nicht das Anwesen in Belgien.

Mark hatte gelogen. Victor war nicht in Schottland oder Belgien. Er war in der alten, verlassenen Brauerei am Rande meines eigenen Heimatdorfes, weniger als zehn Kilometer von dem Ort entfernt, an dem ich jetzt stand.

Während ich stolpernd durch das Unterholz rannte, klingelte das Handy in meiner Hand. Ein eingehender Videoanruf.

Ich nahm ab, während ich weiterlief.

Das Gesicht auf dem Bildschirm gehörte einem älteren Mann mit einem eiskalten Blick und einer tiefen Narbe, die von seiner Schläfe bis zu seinem Hals verlief. Victor Vance.

Er sah nicht Mark an, sondern blickte mir direkt in die Augen.

„Hallo, Emma“, sagte der Mann mit einer Stimme, die wie aneinanderreibender Kies klang. „Ich sehe, du bist die Klügste von allen. Du hast noch vierzig Minuten, um hier zu sein. Bring die Papiere allein. Wenn ich auch nur einen Sicherheitsagenten sehe, schneide ich deinem Sohn vor deinen Augen die Kehle durch.“

Die Verbindung wurde unterbrochen.

Ich stand allein im pechschwarzen Wald, der Regen strömte mir ins Gesicht, bewaffnet nur mit einem durchnässten Umschlag und einem Handy mit zwanzig Prozent Akku. Und die Uhr tickte unbarmherzig weiter.